Das gute Beispiel

übersetzt von Dr. Christian Velder

Vor Zeiten lebte eine Familie, Mann, Frau und zwei kleine Kinder. Der Mann war Kaufmann. Tag für Tag zog er durch die Dörfer, um Saft des Zuckerrohrs einzukaufen, woraus allerlei Süssigkeiten

entstehen, wie sie die Dorfbewohner lieben.

Wenn er mit seinem flüssigen Zucker zu Hause ankam, ging es ans Trocknen. Dann wurde der trockne Rohrzucker in Säcke geschüttet, die der Kaufmann in Bambuskörben schliesslich auf den Marktbrachte und dort verkaufte.

Beim Umfüllen der Gefässe kam es vor, dass ein wenig von dem Zucker danebenfiel oder durch das Gewebe von Säcken und Körben herausstäubte. So manches Mal blieb hier ein wenig und dort eineKleinigkeit übrig und sammelte sich am Boden des Schuppens.

Die Frau des Kaufmanns war eine sparsame Haushälterin. Ihrer Aufmerksamkeit entging nicht, dass jedes Mal beim Umfüllen ein wenig von dem Rohrzucker liegen blieb, wenn ihr Mann die Körbefortschaffte. Sie fegte den Zucker zusammen und hob ihn im Vorratshause auf. Ihrem Mann sagte sie davon nichts.

Tag für Tag sammelte die Frau die Zuckerreste ein. Der Mann fuhr fort, was er gekauft hatte, nach Hause zu bringen und dann den daraus gewonnenen Rohrzucker zu verkaufen. So geschah es, bisschliesslich gegen das Jahresende die Zuckerrohrvorräte erschöpft waren und der Handel zum Stillstand kam.

Am letzten Tage des Jahres müssen jedoch dem Brauch gemäss die alten Schulden beglichen werden, die sich angesammelt hatten und nun zur Tilgung anstanden. Oh Unglück! Alles Bargeld warverbraucht, der Mann konnte auch keinen Pfennig mehr zusammenkratzen. Traurig kauerte er sich auf den Boden der Hütte und seufzte.

Seine Frau kam und wollte den Grund seines Kummers wissen. Er sagte, in diesem Jahr wisse er nicht ein noch aus. Wo sollte er das Geld hernehmen, die Schulden zu bezahlen. Wenn es irgendwo nochZuckerrohr gäbe, ja, dann könnte der Erlös die Notlage lindern. Er könnte den daraus gewonnenen Zucker verkaufen und das Geld zur Begleichung der Schulden verwenden. Aber die Rohrpflanzungenwaren längst abgeerntet, er war am Ende.

Als die Frau ihren Mann so kummervoll reden hörte, dachte sie an den Zucker, den sie im Laufe des Jahres, hier ein bisschen, dort ein wenig, zusammengetragen. Zwar war das nicht viel, abernachsehen wollte sie doch. Sie betrat also die Kammer, und da erwies es sich, dass sich in den Vorratskörben mehrere Schulterlasten Zucker angesammelt hatten.

Sie kehrte zu ihrem Manne zurück und liess ihn nachschauen, was sie im Laufe der Monate alles im Schuppen aufgefegt. Der Mann ging und sah nach. Was er erblickte, erfüllte sein Herz mit Freude.Denn in der Kammer lagerten nicht weniger als vier volle Schulterlasten. Wenn er die verkaufte, würde er von dem Erlös alle Schulden des Jahres zurückzahlen können, und es bliebe sogar nochetwas übrig als Rücklage für das neue Handelsjahr.

Der Mann ging also hin und verkaufte den von seiner Frau gehorteten Zucker. Davon bezahlte er die Schulden, und was übrig blieb, sparte er auf. Wenn jemand ihn fragte, so erzählte er ihm seineGeschichte, und diese Geschichte machte die Runde durch die Dörfer nah und fern.

Sie kam auch einem Manne zu Gehör, der ebenfalls Kaufmann war. Dieser Mann erzählte seiner Frau, was er vernommen. Die Frau wollte von ihrem Manne auch so gepriesen und bewundert werden. Siedachte nach. Was sollte sie tun, um dieses Ziel zu erreichen

Am nächsten Morgen nahm die Frau eine der Zeitungen von dem Stapel, den ihr Mann in den Dörfern zu verkaufen pflegte. Sie legte mal einen Kalender zurück, hier ein Schulbuch, dort ein paarÜbungshefte, wie es der Handel des Mannes mit sich brachte. So ging es fort wohl zwei Jahre, bis die Frau am Ende den Eindruck hatte, nun sei es genug. Sie führte ihren Mann in ihr Papierlagerhinein und zeigte ihm, was sie im Laufe der Zeit alles aufgehoben. Fast wäre er in Ohnmacht gefallen, als er es sah. Denn der Vorrat, den seine Frau zusammengetragen, bestand nur aus uraltenTageszeitungen, überholten Kalendern, veralteten Schulbüchern, nichts davon war heutzutage noch zu gebrauchen. Was hier lagerte, war eine Menge Geld wert gewesen, nun aber war all dieses Geldverloren, verschleudert, vergeudet! Der Mann versuchte, das seiner Frau zu erklären. Er sprach:

“Du hast dem Beispiel jener Frau folgen wollen, von der ich dir erzählt. Aber du hast deinen Verstand nicht benutzt. Du hast nicht genug darüber nachgedacht und hast alle Vorsicht beiseitegelassen. Auf diese Weise haben wir eine Menge Geld verloren und viel Zeit dazu!”

Einem Beispiel zu folgen ist gut, aber erst nach gründlicher Gewichtung des Nutzens.


Unsere Dorfgeschichten sind dem hübsch illustrierten Buch „Der Reiche und das Waisenkind“ entnommen, herausgegeben von Christian Velder (Foto). Der deutsche Philologe mit Wohnsitz in Chiang Mai hat über viele Jahre thailändische Volkserzählungen übersetzt und gesammelt. Das Buch mit 120 Geschichten kostet 680 Baht. Velders Buch „Der Richter Hase und seine Gefährten“ enthält reich illustrierte Volkserzählungen. Der kleine und zerbrechliche Hase gilt in Südostasien als ein Tiervon Klugheit und List. Das Buch kostet 480 Baht. Beide Bücher sind in Pattaya erhältlich in den Buchläden DK an der Soi Post Office und der Central Road, in den Bookazine-Geschäften in der RoyalGarden Plaza und im Central Festival Center/Big C, bei Amigo Tailor an der Soi Diamond, im Restaurant Braustube an der Naklua Road sowie in der FARANG-Geschäftsstelle an der Thepprasit Road.

Sie können das Buch hier bestellen

DER FARANG
Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.

Leserkommentare

Für unabhängige Themen senden Sie einen Leserbrief an die Redaktion. Allgem. Kommentardiskussion

Pflichtfelder

Es sind keine Kommentare zum Artikel vorhanden, bitte schreiben Sie doch den ersten Kommentar.