Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Donnerstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«Stuttgarter Zeitung» zu European Championships

Über eine deutsche Olympiabewerbung darf nachgedacht werden, und die Meisterschaften in München machen auch Lust auf mehr.

Doch wäre viel Geduld empfehlenswert. Eine Bewerbung ist erst sinnvoll, wenn das IOC in der Gegenwart angekommen ist.


«Frankfurter Allgemeine Zeitung» zur Steuersenkung auf Gas

(.) Schon in den ersten Entlastungspaketen verirrte sich die Ampel in einem Wünsch-dir-was der Koalitionäre.

Am Ende stand unter anderem der Tankrabatt der FDP, der die Menschen motivierte, mehr statt weniger Benzin zu verbrauchen, und an dem die Tankstellen womöglich mitverdienten. Jetzt also die Senkung der Mehrwertsteuer. Auch die kommt nur bei den Verbrauchern an, falls die Energieversorger den geringeren Satz weitergeben. Allerdings profitieren dann Besserverdiener mit Einfamilienhaus und hohem Verbrauch stärker als Mieter in der Zweizimmerwohnung. So viel zum Thema Respekt, Herr Scholz. Gezielte Direktzahlungen an ärmere Haushalte und Teile der Mittelschicht wird es trotzdem geben müssen. Im Haushalt fehlen dafür nun fünf Milliarden Euro. (.).


«Le Monde»: Explosionen auf Krim auch Teil einer Symbolschlacht

PARIS: Zu den Angriffen auf russische Militärstandorte auf der Halbinsel Krim schreibt die französische Tageszeitung «Le Monde» am Donnerstag:

«Zwei Angriffe auf russische Militärstandorte auf der Krim haben gezeigt, dass die ukrainische Führung nicht bereit ist, sich mit der Situation abzufinden. Diese taktischen Schläge, zu denen sich offiziell nicht bekannt wurde, sind kein Hinweis auf eine Offensive, zu der die ukrainische Armee nach dem Stand der Dinge überhaupt nicht in der Lage wäre. Sie spiegeln jedoch den Willen wider, die militärischen Optionen zu erweitern, eine Strategie der Rückeroberung zu zeigen und auch eine Schlacht der Symbole zu führen. (...)

Dieser Kampf der Erzählweisen ist genauso strategisch wie der der Waffen. Bis jetzt hat die Ruhe auf der Krim, die Ausgangspunkt der Invasion der russischen Truppen in die Südukraine, die These (des russischen Präsidenten) Wladimir Putin gestützt, dass die territoriale Eroberung keine Debatte mehr auslöst. Die Aufenthalte zahlreicher Russen an den vom Schwarzen Meer umspülten Ufern hob dies hervor. Die Verschlechterung der Situation, die in den vergangenen Stunden überstürzte Aufbrüche ausgelöst hat, ist brutal und stört die Propaganda Moskaus.»


«Corriere della Sera»: Worte Abbas' gießen Öl ins Feuer

ROM: Zu den Aussagen von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas schreibt die italienische Zeitung «Corriere della Sera» aus Mailand am Donnerstag:

«Es wäre besser gewesen, wenn das, was während der Pressekonferenz von Bundeskanzler Olaf Scholz und dem palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas in Berlin geschah, nie passiert wäre. Wir hätten weiteren Schmerz vermieden, und es wäre kein Öl in ein Feuer gegossen worden, das niemand je löschen wollte. Aber leider besteht die Geschichte auch aus Rissen, Enttäuschungen und Worten, die die hartnäckigen Hoffnungen von Menschen guten Willens töten.

Betrachten wir die Fakten: Als der Nachfolger von Jassir Arafat (...) gefragt wurde, ob er sich nach 50 Jahren für den Angriff des Schwarzen Septembers im Münchener Olympiadorf entschuldigen wolle, kam - unglaublich - keine Verurteilung. Tatsächlich prangerte Mahmud Abbas «50 Holocausts» an, begangen von Israel in Palästina. Scholz, der bereits die Verwendung des Begriffs «Apartheid» durch seinen Gast kritisierte, hatte nicht die Schnelligkeit, zu reagieren. Er tat dies im Nachhinein und bezeichnete jeden Versuch, die Einzigartigkeit der Vernichtung von sechseinhalb Millionen Juden zu leugnen, als «unerträglich und inakzeptabel».

Der Mangel an Schlagfertigkeit schmälert jedoch nicht die herausragende Position, die Deutschland angesichts seiner schrecklichen Vergangenheit immer eingenommen hat.»


«Denik»: Quantensprung von der CD zum Smartphone

PRAG: Zum Beginn der ersten Serienproduktion der CD (Compact Disk) als Tonträger vor 40 Jahren in Hannover-Langenhagen schreibt die Tageszeitung «Denik» aus Tschechien am Donnerstag:

«Innerhalb der Hälfte eines Lebens - vom Beginn der Blütezeit der CD bis zu ihrem Fall - haben die Menschen ihre Gewohnheiten völlig umstellen müssen. Sie haben gelernt, mit Geräten umzugehen, deren Bedienung früher für genauso schwierig gehalten worden wäre wie die Steuerung eines Flugzeugs. Heute bietet eine kleine Kiste alle denkbare Musik an: das Smartphone. Es hat die Welt wie nichts anderes demokratisiert. Dass sowohl die Älteren als auch die Kinder damit umzugehen wissen, gibt Grund für leichten Optimismus. Denn wenn sich der Mensch in so kurzer Zeit weiterentwickeln kann, wird er so schnell nicht aussterben.»


«De Standaard»: Es gibt noch etwas Anstand bei den Republikanern

BRÜSSEL: Trotz ihrer Niederlage bei den Vorwahlen der Republikaner in Wyoming zieht die Trump-Widersacherin Liz Cheney eine Kandidatur bei den Präsidentenwahlen 2024 in Erwägung. Dazu meint die belgische Zeitung «De Standaard» am Donnerstag:

«Für die besiegte Liz Cheney beginnt der Kampf gerade erst. Die Partei von Abraham Lincoln ist völlig im Würgegriff von Donald Trump. Deshalb wendet Cheney sich an unabhängige und sogar an demokratische Wähler. Im heutigen, tief gespaltenen Amerika ist das ein heldenhafter, ja sogar extremer Gedanke, besonders für jemanden mit ihrem Hintergrund. Ein Erfolg ist keineswegs sicher. Die Tatsache, dass sie es dennoch versuchen will, zeigt, dass in der moralisch korrupten republikanischen Partei noch etwas Anstand zu finden ist. Ob dies ausreicht, um eine Radikalisierung des Konflikts in den USA zu verhindern, bleibt abzuwarten.»


«Independent»: Vakuum an der Regierungsspitze in Krisenzeiten

LONDON: Die Londoner Zeitung «The Independent» beklagt am Donnerstag ein Vakuum an der Spitze der britischen Regierung:

«Das Verhalten des Premierministers bei seinem Ausscheiden aus dem Amt scheint geradezu dazu angetan, die Kritik zu bestätigen, die zu seinem Sturz geführt hat: dass er seine Verantwortung nicht ernst nimmt oder nicht glaubt, dass die Pflichten eines hohen Amtes auch für ihn gelten. Und auch keiner der Kandidaten für seine Nachfolge wird den hohen Anforderungen gerecht. Während bei den Konservativen das Führungsduell weitergeht, hat sich die Krise, die die Nation ergriffen hat, vertieft. Aber (Außenministerin) Liz Truss und (Ex-Finanzminister) Rishi Sunak haben sich vor allem auf die ideologischen Obsessionen der Parteimitglieder konzentriert. (...)

Dieser Sommer hat sich als die schlechteste Zeit für ein Vakuum an der Spitze der Regierung erwiesen, denn die doppelte Krise in der Wirtschaft sowie beim staatlichen Gesundheitsdienst NHS erfordern volle Aufmerksamkeit und dringende Maßnahmen. Beide Kandidaten für das Amt des Premierministers haben versprochen, sofort loszulegen, egal wer von ihnen es am 6. September übernimmt. Hoffentlich meinen sie das auch ernst.»


«Chicago Tribune»: Taliban sollten zuerst afghanischem Volk helfen

CHICAGO: Zur Lage in Afghanistan rund ein Jahr nach der Einnahme Kabuls durch die militant-islamistischen Taliban schreibt die US-Zeitung «Chicago Tribune»:

«Im Grunde haben die Taliban Biden kaum eine andere Wahl gelassen, als an dem Einfrieren von 3,5 Milliarden Dollar an afghanischen Vermögenswerten in den USA festzuhalten. Wenn dieses Geld an das Taliban-Regime freigegeben wird, besteht die Gefahr, dass es in die Hände terroristischer Gruppen gelangt. Die Taliban stellen sich zwar als legitime Regierung dar, die das Wohl des afghanischen Volkes im Sinn hat, doch ihre anhaltende Nähe zu Al-Kaida und die verwerfliche Behandlung von Frauen zeigen das Gegenteil. (...)

Es wird an den USA liegen, zu entscheiden, an welchem Punkt das Regime bewiesen hat, dass es Terror nicht mehr unterstützt und somit für den Westen keine Bedrohung mehr darstellt. Bis dahin muss es wie ein Schurkenstaat behandelt werden. Regierungen, die Terroristen Unterschlupf gewähren, können nicht erwarten, dass der Rest der Welt ihnen beisteht. Innenpolitisch können sich die Taliban selbst helfen, indem sie ihrem Volk helfen - nicht mit restriktiven Verordnungen und roher Gewalt, sondern mit Grundrechten.»


«De Telegraaf»: Abbas hat Holocaust auch schon früher relativiert

AMSTERDAM: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas habe den Holocaust auch früher schon relativiert, schreibt die Amsterdamer Zeitung «De Telegraaf» am Donnerstag:

«Nachdem er für erhebliche Aufregung gesorgt hatte, ließ Abbas eine Erklärung verbreiten, in der er den Holocaust als «das abscheulichste Verbrechen der modernen menschlichen Geschichte» bezeichnete. Das sind dieselben Worte, mit denen der Palästinenserpräsident vor vier Jahren um Entschuldigung bat, nachdem er in einer Rede gesagt hatte, der Massenmord an den Juden durch Nazi-Deutschland sei nicht die Folge von Antisemitismus, sondern der «finanziellen Aktivitäten» von Juden in Europa gewesen. 1982 hatte Abbas bereits in seiner Doktorarbeit Zweifel an der Zahl von sechs Millionen jüdischen Opfern geäußert und von einem angeblichen Geheimpakt zwischen Nazis und Zionisten geredet, demzufolge die «Endlösung» die Bildung des Staates Israel ermöglichen sollte.»


«NZZ»: Scholz hat Deutschland blamiert

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung» aus der Schweiz kommentiert am Donnerstag die Reaktion von Bundeskanzler Olaf Scholz auf den Holocaust-Vergleich von Palästinenserpräsident Mahmud Abbas:

«Er stand stumm daneben, als Mahmud Abbas, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, im Berliner Kanzleramt Israel schmähte und den Holocaust relativierte. Alle Erklärungen im Nachgang vermögen am fatalen Eindruck dieses Schweigens nichts zu ändern: Bundeskanzler Scholz hat Deutschland blamiert. Seine Bekenntnisse zur besonderen Verantwortung des Landes für Israel entpuppen sich als bloße Lippenbekenntnisse.

Scholz hätte von seinem Hausrecht Gebrauch machen und das Wort ergreifen müssen. Stattdessen gab der Kanzler 15 Stunden später bei Twitter bekannt, er sei «zutiefst empört über die unsäglichen Aussagen des palästinensischen Präsidenten». Eine Empörung, die einen halben Tag braucht, um Worte zu finden, ist keine Empörung, sondern der Versuch, den selbst angerichteten Schaden irgendwie noch zu begrenzen. Was ist von einem Kanzler zu halten, der einem Antisemiten die Bühne bietet und sich auf dieser dann selbst wie ein Statist verhält?»

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