Russland gibt Stadt Lyman auf

​Weitere Niederlage in der Ukraine

Ein bewaffneter prorussischer Demonstrant gestikuliert, während er an einem Kontrollpunkt in der Nähe von Krasnyi Liman in der Region Donezk Wache steht. Archivfoto: epa/EVGENIY MALOLETKA
Ein bewaffneter prorussischer Demonstrant gestikuliert, während er an einem Kontrollpunkt in der Nähe von Krasnyi Liman in der Region Donezk Wache steht. Archivfoto: epa/EVGENIY MALOLETKA

KIEW/MOSKAU/CHISINAU: Die Partystimmung wegen der russischen Annexion von Gebieten der Ukraine dürfte im Kreml nicht lange angehalten haben. Am Samstag verkündete Russland erneut einen Rückzug seiner Truppen.

Freitag Siegesfeier, Samstag Rückzug: Russland hat in der Ukraine eine weitere militärische Niederlage eingesteckt. Die Truppen von Kremlchef Wladimir Putin gaben am Samstag die strategisch wichtige Stadt Lyman im ostukrainischen Gebiet Donezk auf. Die Streitkräfte seien wegen der Gefahr einer Einkesselung abgezogen worden, sagte der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow. Zuvor hatten ukrainische Behörden von rund 5000 eingekesselten russischen Soldaten gesprochen. Trotz der Gewinne der Ukraine warnten westliche Politiker vor einer weiteren Eskalation in dem Konflikt.

Seit Wochen wurde um Lyman erbittert gekämpft. Nach der Niederlage im nordukrainischen Gebiet Charkiw und ihrem Rückzug von dort hatten die russischen Truppen versucht, eine neue Frontlinie entlang der Flüsse Oskil und Siwerskyj Donez aufzubauen. Lyman als nächste Stadt gegenüber dem von Kiew gehaltenen Ballungsraum Slowjansk - Kramatorsk galt diesbezüglich als wichtig. Einerseits, um selbst Angriffe im Norden des Donbass-Gebiets lancieren zu können, andererseits als Barriere für eine ukrainische Gegenoffensive.

Noch am Freitag - dem 219. Tag des Krieges - hatte der russische Präsident Wladimir Putin bei einer großen Feier in Moskau die ukrainischen Gebiete Donezk Luhansk, Cherson und Saporischschja für annektiert erklärt. International wird dieser völkerrechtswidrige Schritt nicht anerkannt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nannte das Vorgehen Putins die schwerste Eskalation seit Beginn der Invasion am 24. Februar.

Lambrecht: Von Putins Atomdrohungen nicht lähmen lassen

Verteidigungsministerin Lambrecht sagte bei einem Besuch in Moldau, die russischen Atomdrohungen würden von der Bundesregierung ernst genommen und sehr besorgt beobachtet. «Da gilt es, sehr aufmerksam zu sein. Aber da gilt es auch, sich von solchen Drohungen nicht lähmen zu lassen.» Sie ergänzte: «Das darf nicht dazu führen, dass man nachlässig in der Unterstützung für die Ukraine wird.»

Später, bei einem Besuch in der ukrainischen Hafenstadt Odessa inspizierte die Ministerin einen der von Deutschland gelieferten Flugabwehrpanzer Gepard. Dabei versprach Lambrecht auch die Lieferung des modernen bodengestützten Luftabwehrsystems Iris-T noch in den nächsten Tagen. Deutschland will der Ukraine zunächst vier der jeweils 140 Millionen Euro teuren Systeme zur Verfügung stellen. Die Finanzierung von drei weiteren Systemen ist gesichert. Wegen eines Luftalarms musste die 57-Jährige am Nachmittag kurzzeitig in einem Bunker Schutz suchen. Es war ihr erster Besuch in der Ukraine seit Beginn des russischen Angriffskriegs am 24. Februar.

Präsidentenberater Mychajlo Podoljak sagte der «Bild» (Samstag) zu möglichen Atomwaffeneinsätzen: «Angesichts der inneren Panik in der Russischen Föderation und der zunehmenden militärischen Niederlagen steigt das Risiko dafür.» Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, Befürchtungen eines russischen Atomschlags sollte nicht nachgegeben werden.

Putin hatte erst vergangene Woche mit Blick auf die Mobilmachung von 300.000 Reservisten für den Krieg gesagt: «Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht wird, werden wir zum Schutz Russlands und unseres Volkes unbedingt alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen. Das ist kein Bluff.»

Region Charkiw: 24 Zivilisten bei Beschuss einer Autokolonne getötet

Die ukrainischen Behörden warfen der russischen Armee vor, beim Beschuss einer zivilen Autokolonne nahe der Stadt Kupjansk 24 Menschen getötet zu haben, darunter 13 Kinder. Die Zivilisten hätten versucht, sich vor russischen Angriffen in Sicherheit zu bringen, teilte der ukrainische Gebietsgouverneur Oleh Sinegubow mit. «Das ist eine Grausamkeit, die keine Rechtfertigung hat.» Moskau wiederum warf Kiew vor, fliehende Zivilisten beschossen zu haben. Die Angaben beider Seiten waren von unabhängiger Seite nicht überprüfbar.

Gespräche über Nord Stream

Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg traf sich mit der dänischen Premierministerin Mette Frederiksen in Brüssel, um über die Sabotage an den Nord-Stream-Pipelines zu sprechen. Das schrieb Stoltenberg auf Twitter. Die Nato-Verbündeten würden ihre enge Zusammenarbeit in Bezug auf den Schutz der kritischen Infrastruktur fortführen.

Zurückhaltung zu Nato-Beitritt der Ukraine

Als Reaktion auf die russische Annexion hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag gesagt, dass er bei der Allianz in Brüssel einen Antrag auf beschleunigte Aufnahme stellen werde. Ministerin Lambrecht äußerte sich zurückhaltend zu dem Plan. Ein Nato-Beitritt sei an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Die Frage werde nun im Kreis der 30 Nato-Staaten beraten.

Auch die USA sehen derzeit kein beschleunigtes Aufnahmeverfahren. Das Verfahren in Brüssel sollte zu einer anderen Zeit aufgegriffen werden, sagte der Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus, Jake Sullivan, in Washington. Die EU- und Nato-Staaten Estland, Lettland und Litauen äußerten sich dagegen positiv. Eine der Voraussetzungen für einen Nato-Beitritt ist üblicherweise, dass der Beitrittskandidat nicht in internationale Konflikte verwickelt ist.

Chef von AKW Saporischschja von russischer Seite festgenommen

Der Chef des von russischen Truppen besetzten ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja, Ihor Muraschow, wurde festgenommen. Russische Behörden informierten die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) am Samstag, dass der Generaldirektor des größten europäischen Kernkraftwerks «vorübergehend festgenommen wurde, um Fragen zu beantworten», wie ein IAEA-Sprecher in Wien am Samstag sagte. Nach ukrainischen Angaben wurde Muraschow von Moskauer Truppen entführt. Der Präsident der ukrainischen Betreibergesellschaft Enerhoatom, Petro Kotin, teilte mit, dass der Kraftwerks-Chef am Vortag von einer russischen Patrouille am AKW-Standort Enerhodar auf der Straße gestoppt, aus dem Auto gezerrt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort gebracht worden sei. Russland hält das AKW seit Anfang März besetzt.

London: Moskau setzt Abwehrraketen in Bodenoffensive ein

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste setzt Moskau bei seiner Bodenoffensive in der Ukraine mittlerweile Abwehrraketen ein, die eigentlich für den Abschuss von Flugzeugen oder anderen Geschossen bestimmt sind. Die Geheimdienste werten den Einsatz einer solchen Rakete als Zeichen russischer Munitionsengpässe, da diese Waffen als strategisch wertvoll und nur in begrenzter Zahl vorhanden gelten.

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