Die Grüne Pit Viper, bei den Thai als „ngu khieo hang mai“ bekannt, sorgt in diesem Land mit für die meisten Verletzungen durch Schlangenbisse. Doch wenn man die Schlange erst einmal etwasnäher kennt, wird man dieses giftige Raubtier eher faszinierend als zum Fürchten finden.
In Thailand gibt es zwölf Arten dieser Schlangen, die ihren Namen erhalten haben, weil sie bis auf ein paar dunkelbraune Exemplare ausnahmslos ganz oder teilweise grün sind. Diese Farbeverschmilzt bestens mit der der Blätter von Bäumen und Büschen, in denen die Tiere leben. Sie gleiten mit Hilfe ihres zupackenden Schwanzes mühelos von einem Zweig zum anderen.
Schlangen besitzen keine äusserlich sichtbaren Ohren. Und ihre inneren Ohren funktionieren nicht so effektiv wie unsere Hörorgane. Doch ihre anderen Sinnesorgane sind dafür so hervorragend, dass sie das schlechte Hören mehr als ausgleichen. Zum Beispiel arbeiten ihre elliptischen Pupillen, die denen von Katzen ähnlich sind, bei schlechtem Licht besser als die runden reinerTagesschlangen, und sind damit ein untrügliches Zeichen dafür, dass es sich bei diesen Vipern um Nachtjäger handelt.
Die zuckende, gespaltene Zunge, die chemische Spuren in der Luft einsammelt und an das Jacobson’sche Organ am Gaumen weiterleitet, ermöglicht es der Viper, der Witterung ihres Opfers zu folgen.
Wie andere Vipern auch, besitzen alle Grünen Pit Vipern den breiten, charakteristischen dreieckigen Kopf und ein Paar lange, giftige Zähne, die zusammenfaltbar sind, wenn sie nicht benötigtwerden. Die Gruben im Gesicht, eine auf jeder Seite des Kopfes zwischen Auge und Nasenloch - die der Schlange den Namen Pit Viper gaben -, beherbergen hitzeempfindliche Zellen, die einenTemperaturunterschied von 0,0003 Grad Celsius akkurat in nur 0,1 Sekunden feststellen können. Mit diesen Thermo-Rezeptoren können Pit Vipern Nagetiere, Vögel und andere warmblütige Tiere orten,indem sie deren eigene Körperwärme nutzen, die sich in der sonnenlosen Nachtzeit von der kühleren Umgebungstemperatur unterscheidet.
Jagende Grüne Pit Vipern benutzen die Sitzen-und-Warten-Methode, lauern dem ahnungslosen Opfer auf, überwältigen die glücklose Kreatur mit Gift, das ihr von langen scharfen Zähnen eingespritztwird, die sich automatisch aufrichten, wenn die zuschlagende Schlange den Rachen aufreisst.
Die in den Bäumen lebenden Arten halten das Opfer so lange im Maul, bis es aufgehört hat zu zappeln und sich zu wehren. Dann verschlingen sie es in einem Stück. Die bodenständigen Vipernbeissen nur zu und lassen die Beute dann wieder frei. Anschliessend bleiben sie dem sterbenden Opfer auf der Spur, indem sie dessen Witterung folgen. Das Gift der Grünen Pit Viper zerstört die Blutgefässe und -zellen der Opfer, was zu innerer Verblutung führt.
Angriffe auf Menschen sind normalerweise nur das Ergebnis eines unglücklichen Zusammentreffens. Die Opfer können schwere Schäden an Gewebe erleiden, wenn es mit dem Gift in Berührung kam. Dochdie Reaktionen sind sehr unterschiedlich. Auch die Wirksamkeit des Giftes der verschiedenen Vipernarten ist nicht gleich. Wenn das Opfer das richtige Gegenmittel rechtzeitig erhält, ist esgerettet. Eines sollten Menschen jedenfalls nicht vergessen. Todesfälle nach dem Biss einer Grünen Pit Viper sind äusserst selten.
Die meisten Menschen, die von einer „ngu khieo hang mai“ gebissen wurden, waren das Opfer einer Art, die gross-äugige Pit Viper genannt wird (Trimeresurus macrops). Sie unterscheidet sichinsofern von ihren Verwandten, die sich nur in Waldgebieten aufhalten, indem sie auch in Wohngebiete vordringt. Man kann sie in öffentlichen Parks, aber auch im eigenen Obstgarten, in Blumen-töpfen und sogar in Hohlräumen der Zimmerdecke des eigenen Hauses antreffen. Was also ist zu tun, wenn man eine dieser Grünen Pit Vipern findet, die in den eigenen vier Wänden herumhängt Diemeisten Menschen töten sie instinktiv. Doch wenn man das nicht tun möchte, sollte man ruhig bleiben und folgende Instruktionen beachten:
Nähern Sie sich langsam und vorsichtig. Eine verteidigungsbereite Grüne Pit Viper wird sich selbst zusammenrollen und nur die Schwanzspitze schwingen, die normalerweise rötlich-braun ist. Diesist ein Warnzeichen. Die Geste ist von der gleichen Sorte wie die der Klapperschlangen der Neuen Welt, die übrigens zu einer anderen Gruppe der Pit Vipern gehören, es fehlt nur das Geräusch.
Die Schlange kann unmöglich zuschlagen, es sei denn, man geht zu nahe an sie heran. Man sollte sicherstellen, dass sich zwischen Mensch und Kreatur immer mindestens ein Meter freier Raumbefindet.
Sehr hilfreich ist ein langer Stock, mit dessen einem Ende man die Schlange sachte anstossen sollte. Das veranlasst sie, den Stock mit dem Schwanz zu ergreifen und sich um ihn zu wickeln. Siewird dort bleiben.
Falls Sie trotzdem Angst haben, die Viper könnte an dem Stab entlang kriechen und Sie doch noch angreifen - was sehr unwahrscheinlich ist - finden sie einen zweiten Stock, mit dem sie sich dasReptil notfalls vom Leib halten können.
Als letzten Schritt steckt man die Schlange in einen Sack und ruft die Polizei an, die dann hoffentlich alles Weitere erledigt. Der sicherste Weg, eine Schlange wieder loszuwerden, ist der,Experten an sie heranzulassen. Sie wissen, wie man mit ihr umzugehen hat.