BANGKOK: Die thailändische Polizei hat eine 21-jährige chinesische Studentin aus den Fängen einer sogenannten „virtuellen Entführung“ befreit. Hinter dem Fall soll ein international agierendes Betrügernetzwerk stehen, das versuchte, von der Familie der jungen Frau ein Lösegeld in Höhe von umgerechnet rund 12,5 Millionen Baht zu erpressen.
Bei der Betroffenen handelt es sich um die chinesische Studentin Wang, die in Hongkong studiert. Nach Angaben des stellvertretenden nationalen Polizeichefs Pol Gen Chatchai Pitaneelaboot erhielt ihr Vater über den Messengerdienst WeChat Drohnachrichten von einem Unbekannten, der behauptete, seine Tochter sei entführt worden.
Lösegeldforderung mit Schockfotos
Zur Untermauerung der Forderung wurden dem Vater Fotos übermittelt, die die junge Frau gefesselt und scheinbar misshandelt zeigten. Gleichzeitig verlangten die Täter ein Lösegeld von drei Millionen Hongkong-Dollar. Die Familie wandte sich daraufhin an die Polizei in Hongkong.
Über die dortigen Behörden wurde der Fall an das thailändische Anti-Cyber-Scam-Zentrum sowie das Zentrale Ermittlungsbüro weitergeleitet. Die Abteilung zur Bekämpfung des Menschenhandels leitete daraufhin umgehend Ermittlungen ein.

Nach Angaben von Pol Col Korkiat Wuthijamnong, Leiter des Rettungsteams, hatten die Betrüger die Studentin zunächst dazu gebracht, von ihrem Vater Geld anzufordern. Sie behaupteten, die Summe werde als Nachweis finanzieller Mittel für ein Auslandsstudium benötigt. In dem Glauben, seiner Tochter zu helfen, überwies der Vater mehr als 1,4 Millionen Hongkong-Dollar, umgerechnet rund 5,8 Millionen Baht, auf ihr Konto bei der Bank of China. Das Geld wurde anschließend über ein Netzwerk sogenannter Maultierkonten weitergeleitet.
Am 31. Mai 2026 reiste die Studentin allein von Hongkong nach Thailand und bezog am 1. Juni 2026 ein Hotel im Bangkoker Stadtbezirk Lat Krabang. Ermittler werteten Überwachungsaufnahmen und weitere Beweise aus und stellten fest, dass sie sich allein im Hotel aufhielt. Niemand hatte ihr Zimmer betreten oder verlassen.
Falsche Entführung im Hotel inszeniert
Die Untersuchungen ergaben zudem, dass die junge Frau ein Fahrzeug mit Fahrer gemietet und verschiedene Gegenstände gekauft hatte, darunter Seile, Gurte, ein Messer, Körperfarbe und roten Lippenstift. Mit diesen Utensilien inszenierte sie auf Anweisung der Betrüger Verletzungen und Entführungsszenen. Die entstandenen Fotos und Videos wurden an die Täter übermittelt, die damit zusätzlichen Druck auf die Familie ausübten.
Später wechselte die Studentin in ein weiteres Hotel im Bezirk Bang Phli in der Provinz Samut Prakan. Dort meldete sie sich mit einem gefälschten Passbild an, das ihr die Betrüger online zur Verfügung gestellt hatten. Die Ermittler konnten ihren Aufenthaltsort schließlich ermitteln, griffen ein und brachten sie in Sicherheit.

Nach Angaben der Polizei manipulierten die Täter sowohl die Studentin als auch ihre Familie gezielt psychologisch. Häufig gäben sich solche Betrüger als Regierungsbeamte aus und behaupteten, ihre Opfer seien in Straftaten verwickelt. Anschließend würden die Betroffenen angewiesen, den Kontakt zu ihren Angehörigen abzubrechen, sich zu verstecken und ihre eigene Entführung vorzutäuschen. Die gefälschten Bilder und Videos dienten dann dazu, Lösegeldforderungen gegenüber den Familien durchzusetzen.
Polizei warnt vor „virtuellen Entführungen“
Pol Col Korkiat bezeichnete diese Methode als „virtuelle Entführung“, da die Täter zu keinem Zeitpunkt physisch bei ihrem Opfer seien. Der Fall verdeutliche die zunehmend ausgefeilten Methoden internationaler Betrügerbanden, erklärte Pol Gen Chatchai. Auch wenn keine tatsächliche Entführung stattgefunden habe, seien die psychischen Belastungen und finanziellen Verluste für die Familie erheblich gewesen.
Die thailändischen Behörden arbeiten nun gemeinsam mit den Strafverfolgungsbehörden in Hongkong daran, die Mitglieder des beteiligten Callcenter-Betrugsnetzwerks zu identifizieren und strafrechtlich zu verfolgen. Die Polizei rief die Bevölkerung dazu auf, bei Anrufen oder Nachrichten angeblicher Behördenvertreter besonders vorsichtig zu sein.
Wer aufgefordert werde, Geld zu überweisen oder den Kontakt zur Familie abzubrechen, solle die Angaben umgehend überprüfen und verdächtige Vorfälle melden.