BANGKOK: Zum Jahresende verlässt der Botschafter Österreichs, S.E. Wilhlem M. Donko, Bangkok und beendet eine eindrückliche diplomatische
Laufbahn. In diesen Tagen wird er von vielen Kollegen geehrt, so am vergangenen Dienstag in der Botschaft des Staates Portugal. Zahlreiche
Botschafter und Freunde trafen sich zu einem festlichen Essen, das von seinem Abschied und Geburtstag geprägt war. Lesen Sie dazu unser Interview.
Nach mehr als 35 Jahren im diplomatischen Dienst verabschiedet sich S.E. Wilhelm Donko, Botschafter der Republik Österreich in Thailand, Ende Dezember 2025 in den Ruhestand. Der gebürtige Oberösterreicher begann seine Karriere 1990 im österreichischen Außenministerium und war seither an zahlreichen markanten Posten tätig – darunter in Algier, Moskau, Ankara, Seoul, Manila und Oslo. Seit April 2022 vertritt er Österreich als Botschafter in Bangkok und insbesondere im asiatisch-pazifischen Raum gilt er als ausgewiesener Kenner der Region. Durch das Interview führte Pierre Rothschild.
DER FARANG: Sie sind in Schärding aufgewachsen – wie hat Ihre Kindheit in dieser Region Ihr Interesse an Geschichte und insbesondere an maritimen Themen geprägt?
Die Familie stammt aus Südböhmen, aber mein Großvater kam um 1900 nach Linz. Dort bin ich geboren, später zog meine Familie nach Schärding – eine Stadt, die mir bis heute viel bedeutet. Geschichte und Geografie haben mich früh begeistert. Die maritime Leidenschaft entstand aus Fernweh: Ich wollte die Welt sehen, und Schiffe erschienen mir als idealer Weg. Bis zur Matura war ich überzeugt, Kapitän werden zu wollen.
DER FARANG: Und warum sind sie dann nicht Kapitän geworden?
Ich habe gleich nach der Matura bei der deutschen Handelsmarine angeheuert, die Seemannsschule in Hamburg-Finkenwerder besucht und bin auf einem deutschen Frachtschiff in der Nord- und Ostsee gefahren. Aber schon nach wenigen Monaten merkte ich, dass die romantischen Vorstellungen wenig mit der Realität zu tun hatten. Nach knapp einem halben Jahr bei der christlichen Seefahrt habe ich meinem Kapitän gesagt, dass ich im nächsten deutschen Hafen aussteigen möchte. Danach habe ich in Salzburg Geschichte und Geografie zu studieren begonnen.
DER FARANG: Sie haben bereits ab 1979 maritime Fachbeiträge veröffentlicht. Was war damals Ihr Zugang zur See und zur Marinegeschichte?
Ich war im Gymnasium in Schärding kein guter Schüler, vor allem in Mathematik und Latein; dafür war ich in Geschichte und Geografie mit Abstand der Klassenbes-te, habe sehr viel gelesen und habe mich in der Schulzeit in das Thema Marinegeschichte richtiggehend vergraben; wohl auch als Ausgleich zur Schule. Als 1979 mein erster Fachbeitrag in der renommierten „Marinerundschau“ erschien, war ich richtig stolz, das hat mir damals sehr viel bedeutet.
DER FARANG: Was führte Sie nach Japan – und wie hat diese Zeit Sie geprägt?
Anders als das Gymnasium habe ich das Studium sehr entspannt erlebt. Parallel dazu habe ich weltweit viel in maritimen Fachzeitschriften publiziert, vor allem über die U.S. Navy. Nach dem Abschluss an der Universität Salzburg wollte ich noch ein postgraduales Studium irgendwo in Übersee absolvieren, wobei nicht Japan im Vordergrund stand, sondern das Zielland nach drei Kriterien ausgesucht wurde: erstens sollte es möglichst weit weg sein, zweitens musste es über Stützpunkte der U.S. Navy verfügen und drittens sollte ich dort ein möglichst gutes Stipendium erhalten. Dabei ist Japan zufällig herausgekommen. Ich schrieb damals schon viel für japanische Fachzeitschriften. 1988 ging ich nach Japan, bekam ein sehr gutes staatliches Stipendium (von Monbusho) und wurde an die Universität Tokio (Todai) geschickt. Das Land und Ostasien als Region haben dann aber mich und mein ganzes Denken und Leben viel stärker geprägt, als ich es erwartet hätte.
DER FARANG: Wie kam es zu Ihrem Eintritt in den diplomatischen Dienst der Republik Österreich 1990?
Sehr zufällig. An der Todai habe ich im März 1989, bei einer Geburtsparty einer Kollegin, eine Chinesin aus Shanghai kennengelernt, Yan, meine heutige Frau. Wir haben uns in extrem kurzer Zeit zur Heirat entschlossen. Da habe ich plötzlich einen Brotberuf gesucht. Ich hatte inzwischen auch verstanden, dass man als freiberuflicher Fachjournalist nur sehr schwer eine Familie ernähren würde können. Unsere Botschaft Tokio übermittelte an die Auslandsstudenten regelmäßig Zeitungen aus Österreich, da habe ich mehrfach die Annonce gelesen: „Diplomatennachwuchs gesucht. Ich bewarb mich für die Aufnahmeprüfung und trat 1990 in den Dienst ein – in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Veränderungen.
DER FARANG: Sie waren an zahlreichen Posten tätig: Algier, Moskau, Ankara, Seoul, Manila, Oslo und zuletzt Bangkok. Welche Station hat Sie am stärksten geprägt?
Wir haben in Österreich, nach einer zweijährigen Ausbildungszeit, grundsätzlich ein Rotationssystem von vier Jahren auf einem Posten, zweimal hintereinander im Ausland, und dann wieder vier Jahre in der Zentrale in Wien. In vier Jahren lernt man eine Stadt schon sehr intensiv kennen, man „erlebt“ sie sich im wahrsten Sinne des Wortes und sie wirkt dabei auch prägend. Der Ferne Osten hat mich insgesamt am stärksten geprägt. Der Buddhismus bedeutet mir seit vielen Jahren sehr viel. Bangkok, mein letzter Posten, war sicherlich der prägendste.
DER FARANG: Wie unterscheiden sich aus Ihrer Sicht diplomatische Kulturen?
Darüber könnte man ein eigens Buch schreiben. Diplomatie ist zwar ein weltweites Geschäft, aber es gibt viele kulturelle Unterschiede, auch Erwartungshalten. In Skandinavien fühlen sich z.B. Amtsinhaber wichtiger Dienststellen nur genervt, wenn man sich einfach vorstellen möchte, die fragen nach dem Grund des Besuches, Thema, Agenda usw. In Ostasien sollte man einen wichtigen Counterpart nicht erst dann erstmals treffen, wenn man Unterstützung braucht, da wird erwartet, dass man sich schon vorher einmal vorgestellt hat. Aber das ist nur ein kleines Beispiel, man könnte hier lange philosophieren.
DER FARANG: Was waren Ihre größten Herausforderungen?
Große Herausforderungen sind z.B. Staatsbesuche. Ich habe in Seoul unseren Bundespräsidenten Heinz Fischer und seine Gattin bei seinem ersten Staatsbesuch in Korea betreut; 136 Personen waren in der Delegation, darunter 6 Minister, Parlamentarier aller Parteien, Wissenschaftler, Kulturdelegation, Journalisten etc. – und das über vier volle Tage! Das ist für eine relativ kleine Botschaft schon eine enorme Herausforderung, mit vielen Monaten Vorbereitungszeit. Ansonsten sind vor allem größere Katastrophen, bei denen österreichische Staatsbürger betroffen sind oder sein könnten, eine enorme Herausforderung für eine Botschaft.
DER FARANG: Welche Rolle sollte Österreich Ihrer Meinung nach heute in der internationalen Diplomatie – besonders in Asien – spielen?
Ich habe in den über 20 Jahren, die ich in oder über Ostasien gearbeitet habe, sehr hautnah mitbekommen, dass unsere diplomatische Rolle in Ostasien eine beschränkte ist und immer bleiben wird. Eine Rolle wie in Südosteuropa, wo wir in zahlreichen Ländern die Nummer 1 unter den Auslandsinvestoren sind und eine enorme historische Komponente und umfangreiche Erfahrung einbringen können, ist in Asien einfach nicht vorhanden. Aber wir werden hier überall geschätzt, gerade weil wir nicht so sehr der Eigeninteressen verdächtig sind, und wir können uns gut in Nischen einbringen, politisch und wirtschaftlich. Die Stärke der österreichischen Diplomatie lag immer in der Kompromissfindung, auch aufgrund der historischen Erfahrungen vom Balkan. Dort hieß es immer, dass österreichische Diplomaten schon nach einem Kompromiss suchen, bevor sie überhaupt das Problem ganz verstanden haben. Aber gerade das war dort oft der richtige Ansatz, wenn die Positionen diametral auseinander lagen.
DER FARANG: Wie hat sich die Rolle eines Diplomaten seit Ihren Anfängen verändert, insbesondere durch Globalisierung und digitale Kommunikation?
Ich habe ja das Gefühl, noch in einem ganz anderen technischen Zeitalter in der Diplomatie begonnen zu haben. Es gab Fernschreiber, einen komplizierten und zeitraubenden Prozess der Verschlüsselung von Depeschen mittels Lochstreifen. Mein Jahrgang war der letzte, der für den Notfall auch noch das Handverschlüsseln von Depeschen lernen musste, mit Zahlenreihen, wobei der Schlüssel wöchentlich geändert wurde. Wenn ein Fax kam, lief die Sekretärin ins Büro vermeldete aufgeregt dieses technische Ereignis. Die meisten politischen Berichte wurden noch auf der Schreibmaschine verfasst und mit der wöchentlichen Kurierpostsendung an die Botschaften übermittelt. Später hat die permanente Erreichbarkeit mittels des Mobiltelefons, verbunden mit der Möglichkeit, auch umfangreiche Dokumente digital gleich mit zu übermitteln, die unabhängige Entscheidungsfindung für Diplomaten im Ausland zunehmend erheblich eingeschränkt. Es gibt sozusagen keine Ausrede mehr, eine wichtige Entscheidung ohne Einbindung der Zentrale allein zu treffen, da überall die Erreichbarkeit 24/7 gegeben sein muss. Und was konnten Diplomaten früher alles entscheiden, als es noch nicht einmal Telefon und Fernschreiber gab? Tempora mutantur.

DER FARANG: Sie sind seit 1990 mit Yan Donko verheiratet und haben zwei Kinder. Wie gelingt es Ihnen, Familie und den oft fordernden diplomatischen Beruf in Einklang zu bringen?
Das war mir immer sehr wichtig, war aber als Diplomat auch sehr leicht machbar, viel leichter als es z.B. in der Seefahrt gewesen wäre. Meine Frau wusste vom ersten Tag an, dass ich niemals an einem Ort leben würde wollen, wäre er noch so schön und perfekt für uns. Sie war mit mir auf allen meinen diplomatischen Posten. Unser Sohn Wilhelm ist in Schärding geboren, kam aber schon im Alter von 5 Wochen nach Moskau. Unsere Tochter Katharina ist in Ankara geboren. Die Republik Österreich, mein Dienstgeber, hat uns überall entsprechende Wohnungen und Möglichkeiten zur Verfügung gestellt und auch die Kosten für die deutschen Schulen übernommen. Dafür bin ich sehr dankbar. Es war mir immer wichtig, dass die Kinder perfekt Deutsch sprechen und auf die Frage, wo sie herkommen, sofort Österreich sagen, anstatt eine lange und komplizierte Geschichte zu erzählen.
DER FARANG: Was bedeutet für Sie „Heimat“ nach so vielen Jahren auf unterschiedlichen Kontinenten?
Das ist eine schwierige Frage, denn da hat es bei mir in den Jahrzehnten im Ausland schon einen deutlichen Wandel gegeben. So sehr ich meine Heimatstadt Schärding schätze und mich ihr verbunden fühle, kenne ich kein Heimweh mehr, da mir Ostasien sehr stark zur Heimat geworden ist. Ich habe zunehmend das Gefühl, Schärding nur zu besuchen, wenn ich hinfahre, sehr gern zu besuchen, aber dann wieder nach Ostasien „heimzufahren“.
DER FARANG: Wenn Sie auf Ihre Laufbahn zurückblicken – gibt es Entscheidungen oder Momente, die Sie besonders dankbar oder stolz machen?
Ich bin dankbar für meine Laufbahn so wie sie war, ich bin meinem Dienstgeber dankbar für ein wunderschönes und abwechslungsreiches Berufsleben. Froh bin ich auch, dass sich ab 2001 die Möglichkeit meiner Spezialisierung auf Ostasien ergeben hat, anstatt EU oder Nahost, was mir auch quasi angeboten worden war. Regrets I‘ve had a few but then again too few to mention.
DER FARANG: Was raten Sie jungen Menschen, die heute eine Karriere im diplomatischen Dienst anstreben?
Der Diplomatenberuf hat sich sehr gewandelt, vor allem bedingt durch die modernen Kommunikationsmittel, aber er ist immer noch sehr attraktiv und voller antiquierter Schrullen, die ihn besonders liebenswert machen. Es ist kein Fehler, ihn anzustreben.
DER FARANG: Gibt es ein Motto oder eine Lebensphilosophie, die Sie durch Ihre Jahre im Dienst begleitet hat?
Lebensphilosophie wäre zu viel gesagt, aber ich trage seit meiner Zeit als Student in Salzburg das großartige Gedicht „Stufen“ von Hermann Hesse in meiner Geldtasche und es passt wohl auch gut zum Ende eines 35-jährigen Berufsleben als Diplomat: „…Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden, Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde!“