Muay Thai

Das traditionelle Thai-Boxen "Muay Thai", zu deutsch Thaiboxen, das auch in Europa seit einigen Jahren immer beliebter wird, ist eine Mischung aus Thai-Brauchtum und Athletik und ist wohl aufgrund seiner langen Geschichte ein Nationalsport Thailands. Es zählt zu den härtesten Kampfsportarten der Welt.

Die Ursprünge dieser Kampfsportart liegen, wie die meisten asiatischen Kampftechniken, viele Jahrhunderte zurück. Die Kampfart wurde im 16. Jahrhundert als Selbstverteidigung entwickelt, als die Thai-Könige in ständigen Kämpfen mit den Nachbarländern Burma und Kambodscha lagen. König Rama V., der 1868 auf den Thron kam, machte Muay Thai zu einer Sportart mit festen Regeln. Er unterhielt ein Trainingscamp für die Kämpfer und organisierte Muay-Thai-Wettkämpfe im ganzen Land. Der erste offizielle Ring wurde 1921 genutzt, und 1929 wurden zum ersten Mal Boxhandschuhe verwendet. Zuvor hatte man nur mit Handbandagen gekämpft.

Muay Thai gewann nach dem Zweiten Weltkrieg durch Einführung fester Regeln immer mehr an Bedeutung. 1995 wurde der World Muay Thai Council (WMTC) gegründet. Weltweit unterstehen nun alle Muay-Thai-Verbände dieser Organisation. Im Mai 1984 wurde der MuayThai Bund Deutschland e.V. in Stuttgart gegründet, welcher als einziger Verband in Deutschland von der European Muay Thai Association anerkannt wird.

Es gibt heute 16 Gewichtsklassen, in denen Kämpfe ausgetragen werden. Obwohl auf den ersten Blick dem uns geläufigen Boxkampf ähnlich, sind die Regeln beider Sportarten sehr verschieden.

Die Boxer dürfen nicht ringen oder beißen. Ansonsten jedoch dürfen sie kicken, schubsen, schieben und ihre bloßen Füße, Beine, Ellbogen und Schultern neben ihren Fäusten einsetzen, um sich k.o. zu schlagen. Mit Ausnahme des Kopfes kann jeder Teil des menschlichen Körpers im Kampf benutzt werden, wobei die gefährlichsten Waffen die Ellenbogen und Knie sind, die auch ganz gezielt eingesetzt werden. Bevorzugte Angriffsflächen sind dabei die Bauch- und Nierengegend, die Rippen, der Brustbereich und natürlich auch der Kopf. Die für Muay Thai bekannteste Technik ist der Kick mit dem blanken Schienbein, meist auf den Oberschenkel oder Rippenbereich gezielt. Vielleicht die bekannteste Bewegung des Muay Thai ist der mit dem ganzen Körper durchgeführte Rundschlag mit dem gestreckten Bein gegen den Gegner. Es mag dem Farang zwar etwas sonderlich erscheinen, dass in einem Land, in dem die Füße als unrein gelten und jede Berührung eines anderen mit dem Fuß als schwere Beleidigung gilt, beim Nationalsport jeder der Kämpfer versucht, den anderen mit den Füßen k.o. zu schlagen. Beim Clinchen halten sich die Gegner im Stehen, versuchen sich aus dem Gleichgewicht zu bringen und treten mit den Knien gegen den Oberkörper oder die Oberschenkel des Gegners. Die Kämpfer haben in dem schon in früher Jugend beginnenden Training ihre Schienbeine unempfindlich gemacht, indem sie diese gegen Sandsäcke und Bananenbäume schmettern.

Rund um den Kampf gibt es eine Menge dem Farang unverständliche Zeremonien. Beim Einmarsch in den Ring tragen die Kämpfer ein magisches Stirnband, das ihnen besondere Kräfte verleihen soll und zu Beginn des Kampfes abgelegt wird. Bevor der Kampf beginnt, tanzen die Boxer um den Ring und verbeugen sich in jeder Richtung vor den anwesenden Geistern, um ihre Unterstützung zu erbitten. Wenn sie einmal um den Ring herum sind, fangen sie wieder von vorne an, um nur ja keinen der möglichen vorhandenen Geister auszulassen, denn es ist jedem Thai bekannt, dass diese besonders scharf auf Boxkämpfe sind.

Ein Merkmal des klassischen Thaiboxkampfes (Muay Thai Boran) ist der rituelle Tanz (Wai Khru, Ram Muay), den die Kämpfer zu Beginn eines Kampfes aufführen, um ihren Lehrern Respekt zu zollen, sowie die typische Musik, die den gesamten Kampf begleitet. Vor dem Ring sitzen vier Musikanten und simulieren ein Orchester, indem sie auf Trommeln und Zimbeln herumklopfen. Auch ein Mann mit einem der Oboe ähnlichen Instrument ist nach Kräften bemüht, sich an der Geräuscherzeugung zu beteiligen. Er ist sogar der wichtigste Mann im Orchester, denn er hat die Augen immer auf dem Kampfverlauf und wird je nach der augenblicklichen Situation im Ring das Tempo der musikalischen Begleitung beschleunigen oder verlangsamen. Es gibt sogar bestimmte Regeln, welche Melodien vor dem Einmarsch der Gladiatoren, während der Vorbereitungsphase im Ring und während des Kampfes gespielt werden. Für den Besucher ist zwar kaum von Interesse, welche Melodie die vier Musikanten spielen oder ob sie überhaupt eine gemeinsame Melodie zustande bringen, denn bei dem ohrenbetäubenden Lärm der Menge hört sowieso niemand etwas davon. Trotzdem gehört die richtige musikalische Begleitung zum Thai-Boxkampf, genau so wie Curry zu jedem Thai-Gericht.

In den hintersten Reihen um den Ring sitzen die Buchmacher, und überall zwischen den Zuschauern sieht man hochgereckte Hände, die bei dem Geschrei, das jede akustische Verständigung unmöglich macht, mit für den Laien unverständlichen Handzeichen Wetten in zum Teil beträchtlicher Höhe abschließen. Das Wetten beginnt in der Regel nach der ersten Runde, nachdem sich jeder einen Eindruck von der Kampfkraft der jeweiligen Gegner verschaffen konnte. Dann geht es von Runde zu Runde weiter, wobei natürlich die Quoten entsprechend der Entwicklung des Kampfes ständig wechseln. Kassiert bzw. ausgezahlt wird nach jedem Kampf. Dabei ist es für den Farang absolut unverständlich, wie Buchmacher und Wetter in dem Tohuwabohu und ohne jede schriftliche Fixierung bei den von Runde zu Runde wechselnden Quoten die Übersicht behalten und wissen, wer was bekommt oder zu zahlen hat.

Zu Beginn des Kampfes werden die beiden Gladiatoren vom Schiedsrichter in die Ringmitte geführt und ermahnt, sich an die Kampfregeln zu halten. Das ist nicht besonders schwer, denn wie es dem Farang erscheint, ist beim Thai-Boxen alles erlaubt, mit der einzigen Ausnahme, dem Gegner die Daumen in die Augen zu stoßen. Damit aber auch diese einfache Regel nicht vergessen wird, tragen die Kämpfer ja dicke Boxhandschuhe. Weiter tragen sie knielange Hosen, die in den letzten Jahren vor allem deshalb immer länger geworden sind, damit mehr Reklame darauf Platz hat.

Nach den Ermahnungen des Schiedsrichters gehen die Matadore nochmal zurück in die Ecken, die Kränze werden abgelegt, noch ein paar Verbeugungen vor Buddha und allen guten Geistern, dann ertönt der Gong, und es geht endlich los. Die Gegner dreschen und stoßen mit allem was sie haben aufeinander ein, mit den Füßen, den Knien, den Ellenbogen und manchmal auch mit den Fäusten. Das gesamte Schauspiel wird außer von der Musik vom ohrenbetäubenden Geschrei der Zuschauer begleitet, das jedes Mal, wenn einer der Gegner einen besonders gut platzierten Schlag gelandet hat, zu einem noch lauteren "chock” anschwillt, was etwa soviel heißt wie "Treffer”.

Das Ganze geht bis zum k.o. oder über 6 Runden. Ist bis dahin einer der Gegner noch nicht am Boden, entscheiden die Ringrichter. Worauf sie ihre Entscheidung gründen, ist für den Zuschauer meist nicht nachvollziehbar und nur so zu erklären, dass die Ringrichter entweder blind (die freundlichere Annahme) oder am Wettergebnis beteiligt sein müssen (die wahrscheinlichere Annahme). Jedenfalls schwillt nach dem Entscheid des Schiedsgerichts das Geschrei noch einmal gewaltig an. Die einen schreien, weil sie ihre Wette gewonnen haben, die anderen, weil sie sich betrogen fühlen.

Die großen Thai-Boxkämpfe in den Bangkoker Stadien Lumphini und Ratdammoen begeistern täglich zumindest einen Teil der Nation, und ohne Zögern würden die meisten Thais den rabiaten Kampfsport als eines der höchsten Kulturgüter ihres Landes nennen. Wahrend die graziösen Thai-Tänze, die in besonders für Touristen arrangierten Veranstaltungen präsentiert oder auch im Fernsehen gezeigt werden, von den meisten Thais etwa so geschätzt werden, wie das klassische Ballett bei uns, handelt es sich beim Thai-Boxen um einen wahren Volkssport. Es ist aber nicht nur ein Sport, sondern mehr eine Mischung aus in Jahrhunderten überliefertem Brauchtum, Thai-Philosophie und Athletik. Wenn im Nationalen Boxstadion von Bangkok Samstagabends die großen Kämpfe anstehen, sitzt die halbe Nation vor dem Fernsehapparat. Spitzenkämpfe, die live im Fernsehen übertragen werden, erreichen Einschaltquoten, wie sie kein Krimi je erzielen wird. Karten für das Spektakel sind meist lange im voraus vergriffen. Auf den teuren Ringplätzen (ca. 1.000 Baht) sitzen fast nur Ausländer. Thais bevorzugen den deutlich billigeren Rang, denn sie kommen vor allem zum Wetten.

In den Touristenzentren werden Schaukämpfe für die Touristen aufgeführt, die diesen einen kleinen Eindruck der Kampfart vermitteln sollen. Sie sind aber nur ein ganz schwacher Abklatsch einer echten Thai-Boxveranstaltung. Mit Ausnahme einer stundenlangen Zugfahrt während der Songkran-Feiertage in den Norden Thailands gibt es kaum eine bessere Möglichkeit, der Seele des Volkes näher zu kommen. Richtige Kämpfe, bei denen es nicht nur um die Siegerehre sondern meist auch um viel Geld geht, werden überall im Lande durchgeführt. Wer einmal die wirkliche Atmosphäre eines Thai-Box-Abends erleben will, der muss in eines der großen professionellen Boxzentren in Bangkok gehen. In Thailand bekommen die Wettkämpfer häufig einen Teil vom Wetteinsatz, Thaiboxer sind geachtete und geehrte Idole, und jeder Knirps träumt davon, auch so ein berühmter Kämpfer zu werden. Kampfarenen für Muay Thai gibt es aber in jeder Stadt. Es soll über 1000 Trainingscamps im Lande geben, in denen die oft schon im Alter unter 10 Jahren eintretenden zukünftigen Gladiatoren einem harten Drill unterworfen werden. Die Boxer nehmen in der Regel den Namen ihres Trainingscamps als ihren eigenen Vornamen an.

Günther Ruffert

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