Rassismus und Nationalismus in Thailand

Das Verhalten von Thais gegenüber Ausländern wird oftmals als Rassismus falsch interpretiert. Dieses Bild zeigt eine typische Einkaufsszene wie sich eine Thai vor die Warteschlange drängelt. Die Dame würde sich auch dann vordrängeln, wenn die Warteschlang
Das Verhalten von Thais gegenüber Ausländern wird oftmals als Rassismus falsch interpretiert. Dieses Bild zeigt eine typische Einkaufsszene wie sich eine Thai vor die Warteschlange drängelt. Die Dame würde sich auch dann vordrängeln, wenn die Warteschlang

Gibt es in Thailand Rassismus und Nationalismus? Diese Frage mag sich schon mancher gestellt haben, der als in Thailand wohnender Farang sich über die offensichtliche Benachteiligung der Ausländer gegenüber Thais bei allen geschäftlichen und finanziellen Angelegenheiten geärgert hat. Um diese Frage zufriedenstellend beantworten zu können, muss man sich zunächst einmal über die unterschiedliche Bedeutung dieser Begriffe in Thailand und Deutschland klar werden.

Rassismus, das heißt die Doktrin von der Überlegenheit der eigenen Rasse, der Notwendigkeit, sie rein zu erhalten und der daraus abgeleiteten Berechtigung, Menschen anderer Rassen zu unterdrücken oder gar zu liquidieren, war eine der Hauptursachen für den Niedergang Deutschlands und den Verlust an Ansehen in der zivilisierten Welt nach dem letzten Krieg. Der Begriff des Rassismus ist für uns Deutsche daher absolut negativ belastet, und nur ein paar verrückte Neonazis würden sich heute noch dazu bekennen.

Rassismus existierte allerdings nicht nur in der pervertierten Form wie in Nazideutschland. Besonders der englische Kolonialismus rechtfertigte sich durch die Ideologie der Minderwertigkeit anderer Völker und der Überlegenheit der eigenen, weißen Rasse. Den Thai hingegen war ein rassistisches Gefühl unbekannt, was zum Beispiel die - im Gegensatz zu den anderen Nationen Südostasiens - relativ gute Integration der Chinesen in Thailand zeigt. Die Thai-Könige waren seit Jahrhunderten Herrscher über eine multi-ethnische Bevölkerung. Ein Drittel der Bevölkerung im Nordosten des Landes ist laotischer oder kambodschanischer Abstammung. Im Süden gibt es eine große malaiische Minderheit, und einige hunderttausend Menschen chinesischer Abstammung bestimmen heute fast das ganze Wirtschaftsleben des Landes. Von Unterdrückung oder gar Benachteiligung dieser Menschen aus rassistischen Gründen gibt es keine Spur. Wenn einige Bergstämme im Norden heute Repressionen ausgesetzt sind, dann steckt dahinter nicht ihre Einschätzung als fremdartige oder minderwertige Rasse, sondern die Tatsache, dass sie durch ihre Anwesenheit die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen dort behindern und damit massiven Geschäftsinteressen im Wege sind. Die Thais sind also eine multi-ethnische und damit auch multi-kulturelle Gesellschaft. Thailand ist damit allerdings kein Schmelztiegel wie die USA, da hier die verschiedenen Völkerschaften mehr oder weniger in geschlossenen Gebieten siedeln und ihre kulturellen Eigenheiten weitgehend bewahrt haben.

Thais sind also nach deutschen Begriffen bestimmt keine Rassisten. Zwar nahm in einer kurzen Periode der Thai-Geschichte, nach der Regierungsübernahme Phibulsongkhram 1938, mit seiner Losung "Thailand den Thai” der Thai-Nationalismus zeitweise auch rassistische Züge an, unter denen insbesondere die Chinesen zu leiden hatten. Doch seine Ideen, was wahrhaft Thai sei, waren eher Kopien des "fortschrittlichen Westens” und gingen an der Realität der Traditionen des Landes völlig vorbei. Im Gegensatz zu seinem großen Vorbild im Deutschland jener Tage ist Phibul mit seinem Versuch, den Thais rassistische Ideen einzupflanzen, kläglich gescheitert.

Etwas anders sieht es mit dem Nationalismus aus. Der deutsche Nationalismus der Hitlerzeit, also das Gefühl, anderen Völkern überlegen zu sein und daraus die Berechtigung abzuleiten, den eigenen Lebensraum auf Kosten der Nachbarvölker auszuweiten, war ebenfalls eine der wesentlichen Ursachen für den Zusammenbruch Deutschlands 1945. Folglich ist auch der Begriff Nationalismus für uns Deutsche negativ besetzt.

Für die Thais hat der Begriff Nationalismus aber eine andere Bedeutung. Die Thais haben in jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit den Nachbarvölkern ihre Unabhängigkeit errungen und sich im 19. Jahrhundert gegen Versuche westlicher Kolonialmächte verteidigen müssen, auch Thailand, wie alle umliegenden Nachbarländer, zu kolonialisieren. Dass dies gelungen ist, trotz äußerst starken Druckes und zeitweiser Besetzung Ayutthayas und Bangkoks durch französische Truppen, hat aber ein tief sitzendes Misstrauen gegen alle Fremden, vom Weltwährungsfond bis zum Farang-Touristen zur Folge, was den Farang oft als eine Form von Xenophobie oder gar Nationalismus erscheinen mag. Einem Thai würde es nie in den Sinn kommen, sein Land in einer Völkergemeinschaft aufgehen zu lassen, wie es zur Zeit in Europa geschieht.

Es war vor allem König Rama VI. (1910-1925), der mit der politischen Ideologie des Nationalismus den Nationalstolz der Thai förderte. Die Verstärkung des Einheitsbewusstseins der Thai schien ihm ein geeignetes Mittel zu sein, die Souveränität des Landes zu sichern sowie Anerkennung und Akzeptanz in der internationalen Gemeinschaft zu erleichtern. Der Stärkung des Nationalbewusstseins der Thais wird auch heute offiziell mit allen Mitteln gefördert. Das geht von der täglich mehrmaligen Präsenz des Königs und seiner Familie als Nationalsymbol im Fernsehen, dem täglichen Abspielen der Nationalhymne im Fernsehen und Radio bis zur täglichen Flaggenparade mit Absingen der Nationalhymne an allen Schulen.

Thais haben also einen ausgeprägten Nationalstolz, wenn es auch viele Dinge in Thailand gibt, die durchaus keinen Anlass geben, darüber stolz zu sein, wie z. B. die Korruption, die Prostitution, die hohe Rate an Gewaltverbrechen und vor allem die desolate wirtschaftliche Situation des Landes. Thais sehen aber diese Probleme mit ihren Augen und legen hier grundsätzlich nicht Farang-Maßstäbe an. Die Korruption war seit jeher in Thailand eher eine Institution als ein Übel. Man hält es für selbstverständlich, dass man einem Staatsdiener, der einem bei einer Angelegenheit behilflich ist, eine gewisse Summe dafür zahlt. Auch die Prostitution wird mit anderen Augen gesehen. Für Thais ist an der Prostitution solange nichts schlecht, solange sie Geld und damit finanzielle Kompensation für einen eventuellen Gesichtsverlust bringt. Und an der derzeitigen desolaten wirtschaftlichen Lage sind nicht die eigenen unfähigen Politiker und die nur an ihrem kurzfristigen Profit interessierten Banker, sondern der Weltwährungsfond und ausländische Banken schuld.

Der uns Farang manchmal etwas befremdlich erscheinende Nationalstolz der Thais ist stark auf die Person des Königs fokussiert und wurde von jeder Regierung gefördert. Die Thais leiten aus ihrem Nationalstolz zwar nicht die Berechtigung ab, die Angehörigen fremder Völker zu unterdrücken, wohl aber sie mit lächelndem Gesicht auszunehmen, was jeder Farang im Lande täglich am eigenen Leibe erleben kann.

Günther Ruffert

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