Anstand und Höflichkeit

Verhaltensregeln in Thailand

Die Regeln der Höflichkeit mögen in den verschiedenen Ländern variieren, in Thailand versteht man unter Höflichkeit und Anstand nicht immer das Gleiche, was man uns Farang schon als Kind beigebracht hat. Andererseits gelten für Thais einige uns unbekannte Anstandsregeln.Worte, die man in Thailand sehr oft hört sind "suphap” oder "mai suphap”. Wenn man im Wörterbuch nachschlägt, was dies bedeutet, dann wird es mit "höflich” bzw. "unhöflich" übersetzt. Nun gelten für das, was wir unter Höflichkeit verstehen, in Thailand etwas andere Regeln als in Farangland. Wir verstehen unter Höflichkeit zum Beispiel, dass man sich nicht vordrängelt, dass junge Leute älteren Leuten in der Bahn ihren Platz anbieten, kurz, dass man sich bemüht, den Mitmenschen den Verkehr miteinander zu erleichtern.

Etikette statt Höflichkeit

Nun werden die Thais zwar in jedem Reiseführer als ein besonders höfliches Volk beschrieben. Wer jedoch länger in diesem Land lebt, der würde das Wort eher mit Etikette übersetzen. Die vielgerühmte Höflichkeit hat ihren Platz beim Verkehr zwischen Personen mit unterschiedlichem Status, man wird aber keine Spur davon finden, wenn man versucht, in einen Bus oder in eine Bahn einzusteigen. Ich habe auch noch nie erlebt, dass auf den Bänken in einem vollbesetzten Zug sich hinflegelnde Jugendliche einer älteren Person Platz gemacht haben. Wir Farang sind gewohnt, dass man in Geschäften der Reihe nach bedient wird, nicht so in Thailand. Wenn man sich nicht energisch bemerkbar macht, wird sich immer wieder ein Thai vordrängen, um zuerst bedient zu werden.

Thais verstehen unter "suphap” vor allem das Bemühen, rein äußerlich auf andere einen guten Eindruck zu machen. "Suphap" heißt, sich nach außen hin so gut wie möglich zu präsentieren, kurz, seinen Status in den Augen der Mitmenschen so positiv wie möglich darzustellen. Das geschieht z. B. durch die Kleidung. Ordentlich angezogen zu sein ist "suphap”, in schäbigen Kleidern herumzulaufen ist "mai suphap”. Sehr lässige Kleidung oder gar Badekleidung wird außerhalb der Strände nicht geschätzt. Das gilt vor allem beim Besuch von religiösen Stätten.

Einen kleinen Begriff von dem, was Thais für höflich halten, gibt auch ihre Art Geschenke zu überreichen. Natürlich hat das Geschenk selbst seinen Wert, und eine zur Hochzeit präsentierte Kaffeemaschine hat mehr Wert als ein Buch oder eine Flasche Whisky. Aber egal, wie hoch der Wert eines Geschenks, alles muss aufwendig verpackt sein, damit es möglichst kostbar aussieht. "Suphap" ist es aber auch, ein Geschenk mit einer Gegengabe zu beantworten, zum Beispiel mit einem symbolisch überreichten kleinen Geldstück.

Die Thais legen auch wesentlich mehr Wert auf das Äußere ihrer Häuser, als darauf, wie es innen aussieht. Wer es sich irgendwie leisten kann, zäunt sich sein Haus mit einem handgeschmiedeten Eisengitter mit vergoldeten Spitzen ein und verschließt den Eingang mit einer aufwendig aussehenden Tür mit teuer aussehenden Beschlägen. Wenn man aber in das Haus hineingeht, ist von Glanz, ja meist nicht mal von dem, was wir als ordentlich oder sauber bezeichnen würden, etwas zu sehen. Wie es drinnen aussieht, geht keinen was an! Es ist auch "suphap” so zu tun, als ob alles in Ordnung sei, selbst wenn einem die Probleme auf der Seele brennen. Wenn man ein Problem hat und so tut, als wenn es nicht da wäre, dann wird es sicher von selbst verschwinden.

"Suphap" ist es auch, möglichst jede Frage eines Farang mit "ja” zu beantworten, auch wenn "nein” oder "ich weiß nicht” die richtige Antwort wäre. Das resultiert dann meist in argen Missverständnissen und lässt den Farang aus der Haut fahren. Direkte Ablehnung zu vermeiden ist eine Höflichkeitsgeste, die Europäer oft falsch deuten. Wer Thais um etwas bittet, wird zum Beispiel selten eine Absage bekommen, selbst wenn es nicht möglich ist, der Bitte zu entsprechen. Statt "nein" sagt man aus Höflichkeit lieber "vielleicht" und zeigt durch zögerndes Verhalten seine Ablehnung.

Verhalten gegenüber Betrunkenen

Interessant ist die Haltung der Thais gegenüber einem Betrunkenen, also einem Menschen, der zeitweise die Kontrolle über sein Verhalten verloren hat. Die Thai - Reaktion auf die im trunkenen Zustand zur Schau gestellten Allüren ist tolerant und ausgesprochen beruhigend. Man versucht, den Betrunkenen mit großer Geduld zu beruhigen, bezeichnet ihn als Onkel oder Bruder und versucht, ihm nicht zu widersprechen. Wenn am nächsten Morgen der Rausch verflogen ist, hat man sein in keiner Weise der Thai - Höflichkeit entsprechendes Verhalten vergessen und macht ihm keine Vorwürfe für das, was er sich in trunkenem Zustand geleistet hat. Dahinter steckt wohl die Erfahrung, dass auch zurückhaltende Thais sehr aggressiv werden können, wenn eine gewisse Hemmschwelle überschritten ist. Es ist deshalb gefährlich, jemanden mit Vorwürfen oder Beschimpfungen über diese Schwelle zu treiben. Er könnte mit einem Revolver zurückkommen und den Beleidiger einfach über den Haufen schießen. Es gibt allerdings auch Typen - der Farang findet sie gar nicht so selten bei Behörden oder bei Polizisten - die sich keine Mühe geben, dem Farang gegenüber ihr Benehmen den in Thailand üblichen Formen anzupassen. Sie wollen ihren Status auch dadurch dokumentieren, dass sie zeigen, welche Macht sie haben. Sie wollen Furcht einflößen, um das Gegenüber dadurch zu unterwürfigem Benehmen zu veranlassen.

Günther Ruffert

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