Thais und die Bergpredigt

Ich muss gestehen, dass ich kein gläubiger Christ und erst recht kein regelmäßiger Bibelleser bin. Und von dem, was ich vor über 60 Jahren im Konfirmandenunterricht gelernt habe, ist auch nicht mehr viel übrig geblieben.

Nun lag ich im vorigen Jahr mit einer Kniegelenkoperation in einem deutschen Krankenhaus, und da es sich um ein evangelisches Spital handelte, lag ein Exemplar des Neuen Testaments auf meinem Nachttisch. Ich fing an darin zu blättern und stellte mit Erstaunen fest, dass mir fast jeder dritte Satz als Zitat schon mal irgendwo untergekommen war. Erstaunt war ich auch darüber, wie diametral sich das Handeln von so genannten wiedergeborenen Christen von dem unterscheidet, was Jesus einst gelehrt hat. Ob ein George Bush, der nie sein Morgengebet und den sonntäglichen Kirchenbesuch versäumte, mit verlogenen Vorwänden ein fremdes Land überfiel, um sich seine Ölquellen zu sichern, und dabei den Tod von vielen Tausenden unschuldiger Menschen in Kauf nahm. Oder ob im Mittelalter im Gefolge der spanischen und portugiesischen Konquistadoren christliche Missionare, mit dem Kreuz in der Hand und frommen Gebeten auf den Lippen, arme Indianer abschlachteten oder auf dem Scheiterhaufen schmoren ließen, wenn sie nicht sofort ihren alten Göttern abschworen.

Nun soll das hier kein Exkurs in Kirchengeschichte werden, und ich bin mir auch klar darüber, dass Leute, welche die Bibel wesentlich besser kennen als ich, mir genug Zitate aus der Heiligen Schrift um die Ohren hauen könnten, um meine Meinung zu kontern. Es geht mir hier vielmehr darum aufzuzeigen, wie überrascht ich war, dass einige Dinge, die Jesus in der Bergpredigt lehrte, viel mehr dem allgemeinen Charakter der Thais als dem der heutigen Christenheit entsprechen. Hierfür einige Beispiele:

Im Matthäusevangelium 6/34 predigt Jesus: Darum sorgt nicht für morgen, denn der morgige Tag wird für das seine sorgen!

Es ist ein typischer Charakterzug der Thais, das sie für das Heute leben und nicht für das Morgen. Sie haben ein anderes Verhältnis zum Besitz als wir Farang. Nicht etwa, dass sie irdische Güter weniger schätzen als wir, eher das Gegenteil ist der Fall. Aber sie haben eine andere Art damit umzugehen. Für sie ist das reine Vorhandensein von Geld gleichbedeutend mit der Möglichkeit, es auch ausgeben zu können. Gemessen an unserem Lebensstandard ist der Großteil der thailändischen Bevölkerung meist sehr arm, vor allem auf dem Lande. Sobald sie aber etwas Geld in die Finger bekommen, wird dies auch sofort wieder ausgegeben. Unsere Mentalität, Geld für schlechtere Zeiten oder für das Alter zurückzulegen, ist den meisten Thais unverständlich. Geld ist dazu da, sich selbst oder auch anderen Freude zu machen, und zwar möglichst heute. Was für einen Sinn hat es, sich um das zu sorgen, was in 10 oder gar 30 Jahren sein wird oder etwa dafür zu sparen? Vielleicht ist man dann ja bereits tot, und wenn nicht, wird sich schon irgendetwas finden, wovon man leben kann. Ein Bekannter von mir, der oft in Thailand war und auch seit vielen Jahren mit einer Thai verheiratet ist, hat das mal so ausgedrückt: Sie gehen mit dem Geld um wie der Hund mit der Wurst.

Thais haben auch eine Abneigung davor, möglich auftretende Probleme vorauszusehen und zu überlegen, was geschehen soll, wenn etwas nicht so läuft wie geplant. Wenn es dann nicht klappt, hat man eben Pech gehabt, "mai pen rai".

Und noch ein anderes Zitat aus der Bergpredigt trifft genau auf die Mentalität der Bevölkerung des Königreiches zu:

Ihr sollt auch nicht Schätze sammeln auf der Erde, wo sie die Motten und der Rost fressen… Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen. (Matthäus 6/ 19+20).

Obwohl Buddha sie lehrt, dass die Begier nach Besitz die Ursache allen menschlichen Leidens sei, ist der Farang, der sich vom Buddhismus ein anderes Bild gemacht hat, erstaunt, mit welcher Leichtigkeit viele Thais heute diesen Kernsatz von Buddhas Lehre, wie auch alle anderen moralischen Überlegungen, beiseite schieben, wenn es ums Geld geht. Was man aber hier nicht antrifft – zumindest bei der breiten Bevölkerung –, ist der kalvinistische Glaube, dass der vorhandene Reichtum ein Zeichen für Gottes Gnade und eine Belohnung für ein gottgefälliges Leben ist. Was aber noch mehr erstaunt, ist das ständige Bestreben der Thais, in den Klöstern zu opfern. Wenn man die prächtigen, mit Goldornamenten und vergoldeten Kuppeln geschmückten Tempel sieht, nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Lande, in oft armen Gemeinden, und weiß, dass diese Pracht nur mit den Opfergaben der armen Bauern finanziert wurde, dann erkennt man, dass ihr Bestreben, sich Schätze im Himmel zu sammeln, weit ausgeprägter ist als bei uns in Deutschland, wo die meisten Kirchen heute ihre Pforten schließen müssten, wenn es keine zwangsweise vom Staat einbehaltene Kirchensteuer ge- ben würde.

Sicherlich haben sich die großen Religionen alle aus dem entwickelt, was vor ihnen da war, und haben deshalb eine gemeinsame Basis. Ich will hiermit auch keineswegs sagen, dass die Thais die besseren Christen sind, sondern nur zu überlegen geben, ob die buddhistische Bevölkerung heute vielleicht nicht mehr danach lebt was Jesus predigte als das christliche Abendland.

Günther Ruffert

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