Warum das so ist

Sparen ist für viele Thais ein Fremdwort‚ was zählt ist Spass (Sanuk), am liebsten zusammen mit Freunden.
Sparen ist für viele Thais ein Fremdwort‚ was zählt ist Spass (Sanuk), am liebsten zusammen mit Freunden.

Zugegeben: Alle die wir nach Thailand gekommen sind, um hier zu leben, haben das mit falschen bzw. romantischen Vorstellungen getan. Aber mit der Zeit haben wir alle lernen und begreifen müssen, dass hier vieles anders ist, vor allem die Regeln gesellschaftlichen Zusammenlebens.

Verschiedene Gesellschaftsmodelle

Wer in Europa aufgewachsen ist, hat die über fast 2000 Jahre auf dem Christentum gegründete europäische Kultur schon mit der Muttermilch eingesogen. Die Eltern und die Schule haben uns die europäischen Wertvorstellungen und Denkweisen eingetrichtert. Das trifft aber genau so für die Thais zu, wenn man Europa durch Thailand und Christentum durch Buddhismus ersetzt. Wir sind geprägt von den Gesellschaftsmodellen unserer Vorfahren, dem sozialen Umfeld, in dem wir aufgewachsen sind, sowie den gesamten ethisch-moralischen europäischen Wertvorstellungen und machen, bewusst oder unbewusst, meist den Fehler, das Verhalten der Menschen in Thailand mit unseren Maßstäben zu messen und zu bewerten. Aber was gibt uns das Recht, zunächst aus freiem Willen in dieses Land zu ziehen und dann Thailand aus der Sicht eines Europäers zu be- oder gar zu verurteilen, weil die Thais nicht die gleichen Vorstellungen von Moral, Ethik und auch Menschenrechten und Demokratie haben wie wir?

Der Farang, der aufgrund romantischer Berichte der Meinung ist, dass alle Thais nach den buddhistischen Lehren leben, mit dem Ziel, dereinst das ewige Verlöschen im Nirwana zu erreichen, und dass man hier in einer sich bescheidenden, genügsamen Gesellschaft leben kann, der wird allerdings, wenn er mit der thailändischen Realität konfrontiert wird, ernüchtert feststellen, dass dies eine absolute Traumvorstellung ist. Man muss sich aber bei der Beurteilung oder Verurteilung der Handlungsweisen der Menschen in diesem Land auch darüber klar sein, dass hier nicht nur zwei ganz unterschiedliche Kulturen, sondern auch sehr unterschiedliche Bildungsstandards aufeinandertreffen.

Um die Kultur dieser Menschen, d.h. die grundlegenden Werte und Verhaltensweisen, die alle Lebensbereiche betreffen, zu erkennen, und thailändische Verhaltensmuster zu verstehen, die uns Farangs unlogisch und manchmal sogar lächerlich vorkommen, und dies bei unserem eigenen Handeln in Rechnung stellen zu können, benötigt man schon einen längeren Aufenthalt in diesem Land sowie eine Menge Toleranz und guten Willen.

Wer mit dem brav auswendig gelernten Spruch "alle Menschen sind gleich” im Hinterkopf nach Asien kommt und daraus ableitet, dass unsere Moralvorstellungen für alle Menschen dieser Welt gelten müssen, der sollte sich darüber klar sein, dass dieser Spruch allgemein nur für die Menschen in den Teilen der Welt Gültigkeit hat, die entweder in unseren abendländischen Moralvorstellungen aufgewachsen sind oder durch ihre Verwestlichung diesem weit verbreiteten Irrglauben entsprechen.

Unterschwellig herrscht bei vielen Europäern die Meinung, aus einer überlegenen Kultur zu stammen. Daraus leiten sie dann die Selbstverständlichkeit ab, alles besser zu können. Sie bekommen ja auch täglich mit, wie vor allem die jüngeren Thais dem westlichen Lebensstil nacheifern. Und übersehen dabei, dass es bloß um Äußerlichkeiten und Materielles geht. Im Inneren sind sie Südostasiaten und mit ihrer Kultur nach wie vor eng verbunden. Wer als Thai geboren ist, wird zeitlebens ein Thai bleiben. Die damit angeborene, sehr emotionelle Seelen- und Gefühlswelt dieser Menschen wird uns Farangs weitgehend verborgen und damit unverständlich bleiben.

Geld und Moral

Wohl alle die sich Thailand als Aufenthaltsort wählen, tun das, weil sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erhoffen. Wer sich allerdings nicht darüber klar ist, dass er damit auf den Schirm des sozialen Systems und auch des Grundgesetzes in Deutschland verzichtet und auch nicht begreift und sich darauf einstellt, dass die Menschen, mit denen er nun tagtäglich zusammenlebt, andere Vorstellungen von dem haben, was richtig und was falsch ist, der ist hier fehl am Platze. Wer nach Thailand gekommen ist, um sich über die Zustände hier zu entrüsten, der wäre besser zu Hause geblieben.

Wer das Land und seine Menschen kennt der weiß, dass Thais, wenn es ums Geldverdienen geht, weniger Probleme haben, anerzogene oder sogar angeborene Scham beiseite zu schieben. Das fällt vor allem jedem auf, der sieht, wie sich die Mädchen in Pattaya dem Farang nicht nur anbieten, sondern geradezu aufdrängen. Wer aber die Möglichkeiten, die ihm Pattaya bietet, unbedenklich nutzt, der hat überhaupt keinen Grund, sich über die Moral der Mädchen zu entrüsten. Ist denn der deutsche Ehemann, der seine 3 Wochen Thailandurlaub dazu benutzt, sich im Nachtleben Pattayas zu amüsieren, moralischer als die Mädchen, die er sich mit ins Bett nimmt und die mit dem so verdienten Geld ihre Familie im Isaan unterstützen? Sicherlich haben die Mädchen meist keinen Spaß daran, sich für die Ausländer hinzugeben. Am Geld, das sie dabei verdienen, haben sie aber allemal Spaß. Wer das sattsam bekannte Klischee wiederholt, die Mädchen an den Bars würden bittere Gewissensqualen leiden, und die Sextouristen würden die armen Prostituierten in Thailand ausbeuten, der hat sich wenig mit den Hintergründen des ganzen Betriebs und den Motiven der Mädchen beschäftigt. Es ist auch nicht die bittere Armut im Isaan, die die Mädchen zwingt, sich an den Bars der Touristenzentren in Massen den Farangs anzubieten. In anderen Ländern, wie z.B. Bangladesch, herrscht sicher größere Armut, ohne dass es wie in Pattaya und Phuket möglich ist, sich fast jedes Mädchen von der Bar oder auch von der Straße weg ins Bett zu holen. Thais sind nicht etwa unsittlicher als wir; auch für den Buddhisten ist Unzucht eine Sünde. Sie sind aber wesentlich pragmatischer als wir Farangs und schneller bereit, moralische Prinzipien hintenan zu stellen, wenn es um wirtschaftliche Vorteile geht. Dazu kommt dann noch die Fähigkeit der Thais, grundsätzlich vor allen unangenehmen Dingen die Augen zu verschließen. Wie viele Beispiele zeigen, und wie das Mädchen in Pattaya mit eigenen Augen sehen kann, besteht für sie sogar nicht nur die Möglichkeit, ein paar unbeschwerte Urlaubswochen mit dem großzügigen Farang zu verbringen, sondern, wenn sie es richtig anstellt, sogar die Chance, dass der Farang an einer Dauerbeziehung interessiert ist und vom fernen Ausland regelmäßig Zahlungen für seine Liebste und ihre familiären Verpflichtungen leistet. Eventuell ist sogar eine Übersiedelung nach Europa drin, dorthin ins Schlaraffenland, wo das Geld herkommt und wo alle Menschen reich und glücklich sind.

Ein anderer Stein des Anstoßes für die Farangs ist die Selbstverständlichkeit, mit der Thais vom Ausländer höhere Preise verlangen als von ihren Landsleuten, ohne das Gefühl zu haben, den Farang auszunehmen oder gar zu diskriminieren. Genau so, wie die Farangs gerne verallgemeinern und sagen: alle Thais können nicht logisch denken und sind deswegen dumm, so verallgemeinern die Thais und sagen: alle Farangs, die hierher kommen, sind reich, denn sie können viel Geld für die Reise und für ihr Vergnügen an den Bars von Pattaya zahlen. Also können sie auch mehr als Thais für alle Dinge zahlen, die sie hier kaufen wollen. Oder wenn der Euro 50mal mehr wert ist als der Baht, dann ist es nur recht und billig, wenn die Farangs den 10fachen Eintrittspreis bezahlen.

Wir glauben, dass ernste Dinge, wie z. B. arbeiten, Spaß machen können. Die Thais hingegen sind der Meinung, dass Spaß (Sanuk) eine ernst zu nehmende Sache ist. Wenn jemand, aus welchen Gründen auch immer, heute viel Geld hat, muss dies zwangsläufig in Sanuk umgesetzt werden. Sparen ist für die meisten Thais ein Fremdwort. So überlegen die Chinesen in Thailand, wie sie aus 1000 Baht 2000 machen können. Der Thai überlegt, wie er sie am besten mit Sanuk durchbringt. Kein Wunder, dass die meisten größeren Geschäfte und Industrien in Thailand in chinesischer Hand sind. Ohne großen bürokratischen Aufwand erkennt man als Chef auch jederzeit, ob ein Thai gekündigt hat oder nicht. Ist der Arbeitnehmer plötzlich verschwunden und auch nach ein paar Tagen noch nicht zurückgekehrt, hat er gekündigt. Die Kündigung seitens des Arbeitgebers kann ebenso unbürokratisch durch eine entsprechende Vorschusszahlung erfolgen. In der Regel sieht er dann seinen Arbeitnehmer nicht mehr wieder.

Zu den Dingen, an die der Farang sich nur schwer gewöhnt, gehört vor allem der – einmal vorsichtig ausgedrückt – legere Umgang mit der Wahrheit. Nun sind Lügen ja auch bei uns nicht unbekannt, und vor allem unsere Politiker haben es darin zur Meisterschaft gebracht. Aber sich über das Thema Wahrheit und Lüge in der Politik auszulassen überlasse ich lieber den Leuten, die mit dem Kommentieren der Ungereimtheiten in der Tagespolitik ihr Geld verdienen.

Wahrheit und Lüge

Mir geht es hier um Wahrheit und Lüge im Thai-Alltag, oder beim Umgang von Farangs mit Thais. Bei uns unterscheidet man allgemein zwischen Lüge und Notlüge. Niemand wird bestreiten, dass er sich schon hin und wieder einer Notlüge bedient hat wenn es darum ging, etwas Unangenehmem auszuweichen. Thais neigen aber auch dann dazu, die Unwahrheit zu sagen, wenn es ihnen keinen Vorteil bringt. Wenn man einem Thai eine Frage so stellt, dass es darauf entweder ja oder nein als Antwort gibt, wird er in der Regel "ja” sagen, auch wenn das die Unwahrheit ist. Ganz einfach deswegen, weil er der Meinung ist, der Farang würde lieber ein "ja” als Antwort hören. Gelogen wird auch sehr häufig weil man fürchtet, mit dem Eingeständnis der Wahrheit einen Gesichtsverlust zu erleiden. Die Wahrung des "Gesichts" hat für die Thais einen wesentlich höheren Stellenwert als für uns Farangs.

Dies waren nur ein paar Beispiele für das, was uns in Thailand seltsam vorkommt. Letztlich bleibt aber jemandem, der sein Leben in diesem Land und in Familiengemeinschaft mit Thais verbringen will, nichts anderes übrig als zu sagen: ich akzeptiere die Menschen und die Dinge so wie sie sind (auch wenn mich manches stört). Ändern kann man nur sich selbst, aber nicht die Thais, mit denen man zusammenlebt. Weder jammern noch schimpfen und auch die moralische Verurteilung der Regierung oder der Mädchen bringen uns hier weiter. Wir sollten vielmehr Thailand so nehmen, wie es ist und uns lieber bemühen, uns so gut wie möglich darin einzurichten. Es hat uns ja niemand gezwungen, nach Thailand auszuwandern. Wir haben uns ganz alleine dafür entschieden und uns damit den ganzen Eigenarten dieses Volkes ausgesetzt.

Akzeptier die Eigenarten

Aber nur wer sich sehr bemüht, den Gründen für diese angeborenen bzw. anerzogenen Verhaltensweisen und uns unverständlichen Reaktionen, vor allem bei der Gesichtswahrung, auf den Grund zu gehen, wird in der Lage sein, einiges von den Motiven der Menschen und ihrem Handeln zu verstehen und sich darauf einstellen können. Dabei hilft ihm vielleicht das Gebet des Heiligen Franziskus:

Herr, hilf mir zu erkennen, was ich ändern kann, hilf mir zu erkennen, was ich nicht ändern kann und gib mir die Weisheit, zwischen beidem zu unterscheiden.

Ich bin nicht nach Thailand gekommen, um mich über die Zustände hier zu entrüsten, sondern um hier in Ruhe, ungestört von den Behörden und in gutem Einvernehmen mit meinen Nachbarn zu leben. Und wohl alle Farangs, die sich Thailand als Aufenthaltsort wählen, tun das, weil sie sich eine Verbesserung ihrer Lebensqualität erhoffen. Wer sich allerdings nicht darüber klar ist, dass er damit auf den Schirm des sozialen Systems und auch des Grundgesetzes in Deutschland verzichtet, der sollte besser zu Hause bleiben.

Günther Ruffert

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Leserkommentare

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Thomas Thoenes 21.01.16 03:11
Leselektüre für den Flug nach Thailand
Sehr guter Kommentar. Sollte man als Leselektüre auf allen Flügen nach Thailand verteilen. :-)
Roman Knoepfel 06.02.14 01:41
Brilliant
Ich denke Ihrem Kommentar ist nichts, aber auch gar nichts hinzuzufügen. Ausser vielleicht die Hoffnung, das die ewigen Nörgler und Jammeri, Ihrem Kommentar lesen und verstehen. Herzliche Grüsse von einem Pendler zwischen den Welten.