Zeitungen kommentieren das Weltgeschehen am Samstag

Foto: Adobe Stock/©elis Lasop
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«La Stampa»: Grenzen schließen wird nicht reichen

ROM: Zur neu entdeckten Virusvariante B.1.1.529 (Omikron) schreibt die italienische Zeitung «La Stampa» aus Turin am Samstag:

«Afrika kehrt mit der neuen Variante in den Mittelpunkt der Nachrichten und Debatte zurück - aber nur, um zu erschrecken. Aus Vorsicht schlossen in wenigen Stunden mehrere Länder ihre Grenzen und blockierten Flüge, insbesondere aus den afrikanischen Ländern, in denen die Variante auftauchte. Verständliche Initiativen, denn überall in Europa nehmen die Infektionen weiterhin ein wenig zu und wir können uns die Ankunft einer neuen, noch heimtückischeren Variante sicherlich nicht leisten. (...)

Die neue afrikanische Variante, die uns gerade in Alarmbereitschaft versetzt, ist der x-te Aufruf zur Verantwortung. Man sollte nicht den Fehler machen, zu glauben, dass es ausreichen wird, die Grenzen und Flüge zu sperren, wie als wenn es eine echte Tür gibt, die man hinter sich schließen könnte, während Afrika und die Afrikaner ihrem Schicksal überlassen werden. Es braucht ein stärkeres Bewusstsein und eine Geste der Großzügigkeit, die bisher leider noch nicht erfolgt ist: Die Signale sind alle da, sie müssen angesprochen werden, um uns wieder in die Normalität zu bringen - sonst wird man nichts anderes tun, als die Qual dieser Pandemie zu verlängern.»


«de Volkskrant»: Berlin sollte in der EU behutsam bleiben

AMSTERDAM: Die niederländische Zeitung «de Volkskrant» kommentiert am Samstag die Regierungsbildung in Deutschland:

«Die Scholz-Regierung hat vor, die Vorreiterrolle Deutschlands in Europa fortzusetzen, und dürfte mit der Grünen-Chefin Annalena Baerbock als Außenministerin sicherlich Druck auf die Mitgliedstaaten ausüben, damit diese ihre Klimaversprechen von Glasgow auch einhalten.

Wenn die jeweilige Parteibasis den Koalitionsvertrag annimmt, beginnt für Europa ebenfalls eine neue Ära mit einem ehrgeizigen und vielleicht ungeduldigen deutschen Anführer. Für die zerbrechliche Einheit der EU, die von immer mehr Machtblöcken bedroht ist und Jahre brauchen wird, um die Pandemie zu überwinden, wäre es gut, wenn etwas von Angela Merkels behutsamer Diplomatie erhalten bleiben würde.»


«The Times»: Johnson und Macron müssen Rivalität überwinden

LONDON: Die Londoner «Times» kommentiert am Samstag den Streit zwischen London und Paris über Maßnahmen zur Eindämmung der illegalen Migration über den Ärmelkanal:

«Sowohl Boris Johnson als auch Emmanuel Macron müssen ihre in wachsendem Maße zermürbende Rivalität überwinden. Es besteht kein Zweifel daran, dass ohne Maßnahmen zur Bekämpfung von Schlepperbanden und zum Stoppen der Boote noch mehr verzweifelte Menschen in den eiskalten Gewässern des Ärmelkanals sterben werden - insbesondere, wenn sich das Wetter weiter verschlechtert.

Doch nicht nur bei der Sicherung ihrer eigenen Grenzen sollten Großbritannien und Frankreich zusammenarbeiten. Die beiden Regierungen müssen bei der Bewältigung zahlreicher gemeinsamer Herausforderungen kooperieren, darunter die Lösung der Schwierigkeiten mit dem Nordirland-Protokoll, die Erzielung eines Fischereiabkommens, eine Verhinderung der russischen Aggression in der Ukraine und die Auseinandersetzung mit dem wachsenden Selbstbewusstsein Chinas. In einer Zeit der geopolitischen Instabilität ist besonnenes staatsmännisches Handeln gefragt, nicht unwürdige Punktehascherei.»


«NZZ»: Keine Zeitenwende für Deutschland

ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung» kommentiert am Samstag mit der Regierungsbildung in Deutschland:

«Insgesamt ist absehbar, dass die Aufbruchstimmung und der Fortschrittsglaube der Ampelkoalition sehr schnell in den altbekannten Niederungen der deutschen Realpolitik aufschlagen werden. Das wird noch verstärkt durch die anhaltende Corona-Krise, die von einer raschen Umsetzung der Regierungsziele ablenkt. Ob der Regierungswechsel nach 16 Jahren Kanzlerschaft Angela Merkels künftig als effektive Zeitenwende für Deutschland erkannt werden wird, ist daher eher fraglich. Dennoch ist er wichtig und willkommen. (...)

Die deutsche Bundespolitik ist nicht mehr «alternativlos», wie das die Langzeitkanzlerin Merkel so gerne und bequem dargestellt hat. Das selbstverschuldete Absinken der völlig entkräfteten CDU in die Opposition schafft die Chance dafür, dass künftig endlich wieder eine klar erkennbare bürgerliche Alternative mit neuen Ideen und eigenständigem Programm zur rot-grün geprägten Regierungskoalition entstehen kann. Nicht nur bürgerliche Wähler dürfen sich darauf freuen. Gewinner sind alle demokratisch gesinnten Geister in Deutschland.»

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