Verheerender Angriff auf Klinik in Kabul

«Sah überall Leichen»

Von Kugeln beschädigtes Fenster nach dem Angriff auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kabul. Foto: EPA/Hedayatullah Amid
Von Kugeln beschädigtes Fenster nach dem Angriff auf ein Krankenhaus von Ärzte ohne Grenzen in Kabul. Foto: EPA/Hedayatullah Amid

KABUL: Im März zerstörte ein pakistanischer Luftangriff eine Entzugsklinik in Kabul. Hunderte Menschen wurden getötet, bestätigt jetzt ein UN-Bericht. Die Hinterbliebenen kämpfen ums Weiterleben.

Es war nur ein Schuh, den Zarghona von ihrem Sohn fand. Nach langem Suchen stand sie inmitten einer zerstörten Klinik in Kabul und sie überkam die Verzweiflung, ihren Sohn vielleicht nie wiederzusehen.

Der 27-Jährige war wegen Abhängigkeit von Methamphetamin in der Omid-Entzugsklinik untergebracht. In der Nacht vom 16. März wurde die Einrichtung bei einem pakistanischen Luftangriff in der afghanischen Hauptstadt weitestgehend zerstört.

In einem ersten unabhängigen Bericht über die Opfer nennen die Vereinten Nationen diese Woche 269 Tote und 122 Verletzte infolge des Angriffs. Menschenrechtler sprechen von möglichen Kriegsverbrechen.

Familien vermissen weiter ihre Angehörigen

Menschen wie Zarghona, die anders heißt, aber ihren Namen nicht öffentlich preisgeben will, kommen in dem Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan immer wieder zwischen die Fronten. Wenn nicht bei Angriffen, dann durch deren Folgen.

Seit Ende Februar spricht Islamabad von «offenem Krieg» mit Afghanistan und wirft der Regierung im Nachbarland vor, Terroristen zu beherbergen, die in Pakistan Angriffe verüben. Kabul bestreitet das.

In dem Krieg kommt es zu Gefechten im langen und umstrittenen gemeinsamen Grenzgebiet. Immer wieder greift die pakistanische Luftwaffe auch Ziele im afghanischen Landesinnern an.

Die UN-Hilfsmission für Afghanistan (Unama) berichtet nun von insgesamt 372 getöteten Zivilisten in Afghanistan in den ersten drei Monaten des Jahres. Der Angriff, bei dem die Klinik in Kabul zerstört wurde, bildet den tragischen Höhepunkt dieser Opferzahlen.

Viele Familien suchten in den Tagen nach dem verheerenden Luftangriff noch nach Angehörigen. In ihrem Bericht schreibt Unama, sie habe Fotografien von Leichen eingesehen, die so stark verbrannt waren, dass sie nicht mehr zu erkennen seien.

Auch Zarghona suchte weiter nach ihrem Sohn. Zehn Tage, sagt sie, habe sie in Krankenhäusern gesucht. Dann hätten Behörden sie informiert, dass ihr Sohn weder auf der Liste der Toten, noch auf der Liste der Verletzten sei. Er existierte einfach nicht mehr.

Pakistan: Entzugsklinik nicht Ziel des Angriffs

Ein anderer kann von dem Angriff erzählen. Fahim - auch er heißt eigentlich anders - war als Entzugspatient in der Klinik und wollte sich nach dem Abendessen hinlegen. Mit ihm seien etwa 300 Menschen im Schlaftrakt gewesen, erzählt er. Dann schlugen die ersten Bomben ein.

Die Explosionsgeräusche seien überwältigend gewesen, er habe kaum mehr hören können. «Als ich zur Eingangstür floh, sah ich überall um mich herum Leichen und menschliche Körperteile», sagt der 28-Jährige knapp zwei Monate später. Überall sei Feuer gewesen, er habe Trümmer mit seinen Händen weggeschoben und rannte weiter zum Haupttor der Einrichtung. Mit einem Taxi fuhr er in ein Krankenhaus.

Pakistan gibt an, dass die Entzugsklinik nicht Ziel des Angriffs gewesen sei. Vielmehr habe die Luftwaffe Lager für Drohnen und Munition angegriffen. Wiederholt schreibt Pakistan in Stellungnahmen, dass die eigenen Luftangriffe «präzise» durchgeführt werden. Anfragen der Deutschen Presse-Agentur an pakistanische Behörden zu den Luftangriffen blieben unbeantwortet.

HRW: Angriff könnte Kriegsverbrechen sein

Nach einer Auswertung von Satellitenbildern kommt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) zum Schluss, dass die Anlage der Entzugsklinik nicht für militärische Zwecke genutzt wurde. Die HRW-Analystin Fereshta Abbasi sagt daher, es gebe keine Grundlage dafür, die Einrichtung als legitimes, militärisches Ziel zu betrachten. «Der Angriff war daher rechtswidrig und könnte ein Kriegsverbrechen darstellen».

In Fahims Gesicht, an seiner Schulter und den Beinen sieht man noch jetzt die Spuren der Verbrennungen jener Nacht. Er zeigt Fotos aus dem Krankenhaus, als sein komplettes Gesicht bandagiert war. Kostenlos sei er dort behandelt worden und afghanische Behörden würden ihn jetzt mit 15.000 Afghanis unterstützen - einer Einmalzahlung von etwa 200 Euro.

Frauen in Afghanistan besonders ausgeliefert

Die Opfer der Angriffe auf die Entzugsklinik waren fast alles Männer - für die Hinterbliebenen ein besonderes Problem. Zarghonas Sohn hinterlässt seine Frau und zwei kleine Kinder. Erst wenige Tage vor dem Angriff war er in die Klinik eingeliefert worden und hatte vorher als Straßenverkäufer für die Familie Geld verdient.

Aber Frauen unterliegen in Afghanistan seit der Machtübernahme der islamistischen Taliban strengen Auflagen, wie sie arbeiten dürfen. Auch ihre Bewegungsfreiheit ist ohne männlichen Begleiter stark eingeschränkt.

Zarghona erzählt, ihrer Familie stünden nun einmalig umgerechnet etwa 670 Euro als eine Art Hinterbliebenenrente zu. Für die Miete des Hauses, das sie mit drei anderen Familien bewohnen, zahlen sie monatlich umgerechnet knapp 30 Euro. Um die Familie durchzubringen, gehe sie nun auf den Straßen Kabuls betteln.

Fahim wird derzeit noch von seiner Familie versorgt. Er vertraut auf die Hilfe Gottes. Nach der Behandlung im Krankenhaus werde es besser werden, sagt er. Für die Zukunft hofft er, wieder arbeiten zu können. Er habe einen Führerschein. Vielleicht könne er Taxi fahren.

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