Es gibt wohl kaum Touristen und im Lande lebende Ausländer, die die thailändische Nationalhymne noch nicht gehört haben. Sie erklingt morgens um 8 Uhr und spätnachmittags um 18 Uhr: auf TV-Kanälen, im Radio, in öffentlichen Gebäuden wie dem Bangkoker Hauptbahnhof Hua Lamphong und in Parks. Thais bleiben stehen, fast in strammer Haltung, oder sie erheben sich von den Sitzplätzen. Für Schüler ist der morgendliche Fahnenappell ohne die Hymne nicht denkbar. Die Melodie stammt von Piti Vadhayakorn, einem deutschstämmigen Thai, der auch als Peter Veit in die Geschichte einging.
Sein Vater war Jakob Veit. Er emigrierte am 18. Juli 1864 in die USA. Der 18-Jährige nutzte seine Chancen und wurde im amerikanischen Bürgerkrieg Ausbilder einer Militärkapelle. Zudem nahm er ein Studium der Musik auf. Dann folgte er seinem Freund Chandler, dem späteren amerikanischen Konsul in Bangkok, in das damalige Siam. Durch Chandlers Vermittlung kam Jakob Veit im Jahr 1867 als Musiklehrer an den königlichen Hof.
Jakob arrangierte die Königshymne
Als Experte für Blasmusik brachte er der königlichen Musikkapelle europäische Töne und Notentechnik bei – bis die Musiker die von ihm arrangierte Königshymne mit Blasinstrumenten spielen konnten. Jakob Veit heiratete eine Birmesin, eine Frau aus dem Volk der Mon. Mit ihr zog er drei Söhne groß: Leo, Paul und Peter. Der gebürtige Trierer starb im Jahr 1909.
Nach seinem Tod nahmen Witwe und Söhne den thailändischen Namen Vadhayakorn an. Für Peter, der sich nun Piti Vadhayakorn nannte, wurde die Musik zur Lebensaufgabe. Am 12. Juli 1883 im Bangkoker Bezirk Phra Nakhon geboren, besuchte er das Assumption College in Bangkok und arbeitete später im Fine Arts Department.
Rettete Teil des kulturellen Erbes

Vom damaligen König zum Berater in Musikfragen ernannt, machte er das königliche Orchester zum besten Klangkörper Südostasiens. Es spielte bei jeder königlichen Zeremonie und begeisterte die Zuhörer. Piti Vadhayakorn komponierte klassische Werke und machte es sich zur Aufgabe, alle noch bekannten thailändischen Musikstücke zu sammeln und in Noten festzuhalten. So wurde ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes gerettet. Im alten Siam wurden bis dahin Volks- und Tanzlieder vom Vater auf den Sohn, vom Lehrer auf den Schüler nach Gehör überliefert. Aufgrund seiner vielen Verdienste verlieh König Vachiravudh Piti den Titel „Phra Chen Duriyang“ (Großer Gelehrter der Musik).
Im Jahre 1932 kam es zu einem Umsturz, der der absoluten Monarchie ein Ende setzte. Der Nationalismus setzte sich durch, Siam wurde in Thailand umbenannt. Das „Land der Freien“, jetzt eine konstitutionelle Monarchie, brauchte eine Nationalhymne. Zuvor hatte die Königshymne deren Funktion erfüllt. Piti Vadhayakorn bekam den Auftrag, sich an der Ausschreibung zu beteiligen.
Rattern der Räder gab den Takt vor
Die Legende besagt, dass sich der Musiker und Komponist tagelang vergebens sein Gehirn zermarterte. Als er in Bangkoks Innenstadt von einer Straßenbahn in die nächste umstieg, fiel im plötzlich eine Melodie ein. Das Rattern der Räder gab den Takt vor, die Nationalhymne „Phleng Chat Thai“ war geboren. Die eingängige Musik in C-Dur setzte sich beim Volk schnell durch. Piti Vadhayakorn lehrte zwischen 1940 und 1959 an der Silpakorn-Universität in Bangkok. Er starb am 25. Dezember 1968. Den Text der Nationalhymne verfasste später der bekannte Schriftsteller Luang Saranupraphan.
Die thailändische Nationalhymne darf nicht mit der Königshymne verwechselt werden. Diese erklingt zum Beispiel vor Filmbeginn in den Kinos. Für Touristen ist es wichtig zu wissen, dass jeder, Thai und Ausländer, während des Abspielens der Nationalhymne und der Königshymne stehen bzw. stehen bleiben muss. Wer diese Regel nicht befolgt, kann mit einem Bußgeld bestraft werden.