Thailand Mon Amour

Russisch Roulette

Streunende Hunde gehören in Thailand zum Alltag, mit Ausnahme der Hauptverkehrsachse, haben sie auch in Hua Hin freie Bahn. Einer von ihnen scheint das sehr wörtlich zu nehmen, denn er stellt sich jeden Abend genau in die Mitte einer gut frequentierten Ausfallstraße, die zu unserem Resort führt, und wartet dort.

Es ist schwer zu erraten worauf. Und wieso gerade mitten auf der Fahrbahn? Das macht sonst keiner, die andern lümmeln am Straßenrand herum oder beschnuppern sich den Hintern.

Will er überfahren werden? Ist ein Adrenalinkick fällig? Wenn das seine Absicht ist, hat er damit  bisher wenig Erfolg. Jedermann, der an ihm vorbeirast, scheint zu wissen, dass er da ist. Ein großes, braungeflecktes Tier, dessen Augen im Scheinwerferlicht aufleuchten und eine klare Botschaft aussenden: Hallo Leute, ich bin da, todesmutig und unerschütterlich, wieso überfährt mich denn keiner? Schlappschwänze!

Teuflische Wette mit dem Schicksal

Den Schlappschwänzen geht es vielleicht gar nicht um den Hund. Sie fürchten um Dellen an ihren Karossen oder Stürze mit ihren Motorrädern. Es liegt auch der Verdacht nahe, dass man bei einem

Zwischenfall den Kürzeren ziehen und selbst ins Gras beißen würde, das üppig am Straßenrand wuchert. Vielleicht ist dies die teuflische Wette, die das Tier mit dem Schicksal insgeheim geschlossen hat: ich oder die, mal sehen, was passiert. Russisch Roulette als hündischer Kurzweil, oder was weiß ich.

An mir jedenfalls scheint er wenig Spaß zu haben. Ich bin auf meinem Velo keine Bedrohung. Ich existiere für dieses Tier gar nicht. Wo keine Gefahr, da kein Kitzel, kein Roulette, also ignoriert er mich, oder besser: er ignoriert mich nicht einmal! Ich trete gemächlich in die Pedale und sehe ihn von weitem im trüben Streulicht einer einsamen Straßenlaterne außerhalb der Stadt.

Dass der immer noch da ist?! Schon seit über einem Jahr, Nacht für Nacht treibt er dieses Spielchen – und ist immer noch da! Und was macht er eigentlich tagsüber? Ist er der polizeilich gesuchte Übeltäter, der nach Zeugenaussagen einen Chefbeamten ins Bein gebissen hat, der vor dem Market Village seiner uniformierten Mannschaft Instruktionen erteilte? Einfach durch den Kreis der Männer hindurch, geradewegs zum Chef mittenmang, kurz und heftig zugebissen und wieder weg, bevor Polizei wusste, was geschah.

Symbol der Anarchoszene

Das würde ihm ähnlichsehen: Tagsüber die reißende Bestie und zur Tarnung in der Nacht den unerschütterlichen Stoiker zu geben. Ob er wohl weiß, dass er durch dieses Attentat zur klammheimlichen Symbolfigur der kleinstädtischen Anarchoszene geworden ist? Vielleicht ist ja auch schon ein neues Logo im Umlauf: Ein Hund, der mit einem Bein im Maul, das unzweifelhaft einem Uniformierten gehörte, das Weite sucht.

Ich komme ihm näher, langsam, lautlos, Tritt für Tritt. Es ist für mich immer wieder eine ungewöhnliche Begegnung. Ich bewundere diesen Überlebenskünstler der tierischen Art, der da sein Schicksal herausfordert. Sein oder Nichtsein, scheint ihm Wurst zu sein. Das ist für einen Hund doch ziemlich stark, ich meine, es geht hier um mehr als um die Wurst.

Er wiederum ist sich an schweres Gerät gewöhnt, an bedrohlicheres, an alkoholisierte Raser auf Motorrädern, an röhrende PS, an Lastwagen mit abenteuerlichen Aufbauten, die sich im Kriechgang haarscharf an ihm vorbeiwälzen. Und dann komme ich: einer auf zwei Rädern. Kein Krach, kein Röhren, niente Diesel, null Roulette. Wenn Hunde gähnen könnten – er würde es tun.

Aber dieser hier lacht, darauf würde ich wetten. Er lacht mich aus.

Jetzt bin ich auf seiner Höhe und gleite still an ihm vorüber. Er bleibt völlig ungerührt. Wedelt er mit dem Schwanz? Nebbich! Wendet er mir den Kopf zu? Vergiss es! Er schaut stur an mir vorbei, als wäre da der Asphalt und nichts drauf. Eine Ameise würde er bemerken.

Das nächste Mal miete ich einen Traktor und tue ihm den Gefallen. Was wird wohl sein letzter Gedanke sein? Ausgerechnet der mit dem Drahtesel, wie man sich täuschen kann...

P.S.: Falls die Tierschützer Erkundigungen einziehen – mein Name ist Hase, ich weiß von nichts!


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Louis P. Schwendener 31.03.19 14:45
Danke
hallo khun resjek, einfach nur ein simples danke schön für ihre humorvollen und erfrischend zu lesenden beiträge. freue mich jedesmal wenn eine neue thailändische "liebesgeschichte" von ihnen erscheint. bitte weitermachen.