Menschenwürdige Pflege für Demenzkranke

Geschäftsidee Altenpflege breitet sich aus – Nur wenige bieten tatsächlich professionellen Service

In Thailand geht noch mal die Sonne auf.
In Thailand geht noch mal die Sonne auf.

Pflegenotstand in Europa – die große Chance für eine neue Art der Völkerwanderung nach Thailand? Teure Versorgungskosten für behinderte Rentner und an Demenz Erkrankte öffnen einen interessanten Markt. Senioren- und Pflegeheime sind für viele Auswanderer ein lukratives Geschäftsfeld geworden. Dass eine professionelle Betreuung und eine adäquate medizinische Versorgung aber nur mit Fachpersonal und hohem finanziellen Einsatz zu leisten sind – das ist die große Diskrepanz zwischen seriösen Einrichtungen und halbherzig betriebenen Pensionen. Ein Bericht über zwei Schweizer Pflegeheime zeigt, wie es funktionieren kann.

Die Idee klingt simpel. Der Markt öffnet sich weit und weiter. Die Menschen in Europa werden immer älter, und alleine die Zahl der Demenzkranken soll sich bis 2050 verdreifacht haben! Das ruft auch im Königreich Thailand findige Investoren auf den Plan. Die Zahl der Pflegeheime steigt sprunghaft an. Das Geschäft in diesem enormen Wachstumsmarkt lockt, denn die Pflege von alten und hilflosen Patienten stößt in deren Heimatländern zunehmend an Grenzen.

Es ist auch der finanzielle Aspekt, der eine regelrechte Völkerwanderung bei der künftigen Altenpflege auslösen könnte. Vor allem in der Schweiz und in Deutschland sind an Demenz oder Parkinson erkrankte Senioren nur mit hohem Kostenaufwand zu betreuen. Wer das Geld von bis zu 10.000 Schweizer Franken pro Monat (ca. 8.100 Euro) bei schweren Pflegefällen nicht aufbringen kann, ist für günstigere Varianten empfänglich. Das betrifft viele – insbesondere Familien, die bei der Pflege dementer Angehöriger völlig überfordert sind.

Die Spreu trennt sich vom Weizen

Zuhören, Zeit haben, Geduld aufbringen: Die Betreuung Demenzkranker – wie hier im „Baan Kamlangchay“ in Chiang Mai – gelingt nur mit geschultem Personal.
Zuhören, Zeit haben, Geduld aufbringen: Die Betreuung Demenzkranker – wie hier im „Baan Kamlangchay“ in Chiang Mai – gelingt nur mit geschultem Personal.

Genau hier trennt sich auch in Thailand schnell die Spreu vom Weizen. Eine seriöse und professionelle Altenpflege und die Betreuung schwerer Demenzfälle erfordert Fachpersonal und einen hohen finanziellen Einsatz. Zwei Schweizer haben sich diesem Anspruch verschrieben. Anita Somaini (51) betreibt seit zwei Jahren das Nursing Home mit dem thailändischen Namen „Baan Tschuai Duu Lää“ (Haus der Pflege und Hilfe) auf der Ferieninsel Phuket.

Ihr Landsmann Martin Woodtli (52) ist der Leiter des „Baan Kamlangchay“ (Begleitung des Herzens), einer von ihm gegründeten Institution für Demenzkranke in Chiang Mai in Nordthailand. Woodtli war vor 12 Jahren der Pionier auf diesem Sektor und hat über die Betreuung der eigenen Mutter zu seiner Berufung in Thailand gefunden. Die Mutter ist 2006 friedlich im Kreis ihrer Liebsten gestorben. Martin Woodtli blieb und ist durch Bücher sowie das Fernsehen und Printmedien der bekannteste unter den Pflegeheimbetreibern geworden. Sein Projekt sieht er eher als Zentrum der Begegnung und ist zu Recht stolz auf die gelungene Integration im dörflichen Umfeld des „Baan Kamlangchay“.

Qualitätsstandard vorher prüfen

Wie können Interessenten sichergehen, bei ihrer Suche nach einem Pflegeheim in Thailand nicht einem verkappten Immobilien-Hai oder einem Bauernfänger in die Fänge zu geraten? „Unbedingt persönlich ein Bild machen, sich alle Pflegeeinrichtungen zeigen lassen, auch einen Nachweis über die Qualifikation des Personals!“ Mit diesem Ratschlag setzt die resolute Schweizerin Anita Somaini die Messlatte hoch an. Wohlwissend auch deshalb, weil sie um den eigenen Anspruch weiß und um die Befindlichkeiten der Angehörigen in der Heimat.

Dem Anspruch gerecht zu werden, das ist die tägliche Hürde im Leben der Solothurnerin. Wenn Patienten ins „Baan Tschuai Duu Lää“ nach Phuket kommen, dann soll sich deren Zustand verbessern und nicht verschlechtern. Hilfsbedürftigen Landsleuten will sie eine echte Alternative zu den Alters- und Pflegeheimen in der Heimat bieten.

So wie Anita Somaini das sagt, klingt es kategorisch. Auch wenn die Unterbringung mit durchschnittlich ca. 3.700 Schweizer Franken (inklusive Vollpension, Pflege, Betreuung 3:1, Wäscheservice, Pflegematerial und Medikamente) pro Monat für thailändische Verhältnisse nicht billig erscheint, rein rechnerisch halbiert sich die Belastung für die Angehörigen gegenüber dem Heimatland. Bei besserer Pflege und durchwegs freundlichen Rahmenbedingungen ist das ein überzeugendes Argument.

3,5 Pfleger für einen Patienten

Profis aus der Schweiz und Deutschland: Anita Somaini (Mitte) hat mit der ausgebildeten Pflegedienstleiterin Isabel Harmuth eine Fachkraft mit deutschem Standard geholt.
Profis aus der Schweiz und Deutschland: Anita Somaini (Mitte) hat mit der ausgebildeten Pflegedienstleiterin Isabel Harmuth eine Fachkraft mit deutschem Standard geholt.

Fachwissen ist im „Baan Tschuai Duu Lää“ vorhanden. Anita Somaini absolvierte eine dreijährige Ausbildung zur Pharma-Assistentin, dann die vierjährige Ausbildung zur Pflegefachfrau Diplomstufe 2 im Lindenhof in Bern und danach die Notfallausbildung. Seit Juli hat sie sich eine versierte Assistentin aus Deutschland geholt: Isabel Harmuth (36) kann langjährige Erfahrung auf der Intensivstation der Uniklinik Heidelberg und in Australien vorweisen. Zudem hat die Heidelbergerin die Ausbildung zur Pflegedienstleiterin absolviert und Kenntnisse mit Demenzkranken gesammelt.

Der Alltag mit pflegebedürftigen Senioren ist auch in Thailand keine reine Sache des Lächelns. Dreieinhalb Pflegerinnen muss die Solothurnerin pro Gast kalkulieren, dazu sieben Reinemachefrauen, einen Küchenchef mit europäischer Ausbildung – die Personalkosten sind enorm. Das macht den Unterschied aus zwischen den beiden Schweizer Anbietern und manchen schnell auf den Pflegezug aufgesprungenen Konkurrenten: Beim Konzept sowie dem Kosten- und Materialeinsatz trennen Profis und ungeschulte Laien Welten. Gute Pflege kostet auch in Thailand Geld. Martin Woodtli betont: „Für mich ist Professionalität wichtig, noch wichtiger sind die persönliche Zuwendung und das familiäre Umfeld.“

In Phuket veranschaulicht das Schicksal eines Schweizer Patienten den Unterschied zwischen echter Fürsorge und kalter Bürokratie. Erwin H. (Name geändert) leidet an schwerer Demenz. Er wurde von seinem Bruder aus Australien in die Schweiz zurückgeholt. Damals war er noch zusätzlich alkoholkrank. Dort landete der Mittsechziger in einem Heim, wo er jedoch schwer depressiv wurde.

In Thailand begann ein neues Leben

Als ihn sein Bruder auch wegen der hohen Kosten für die Schweizer Allgemeinheit endlich erfolgreich nach Phuket vermittelt hatte, begann für den demenzkranken Erwin ein neues Leben in Freiheit. „Drei Nächte lang habe ich nach seiner Ankunft an seinem Bett gekniet und seine Hand gehalten“, erinnert sich Anita Somaini. Die ersten Wochen verbrachte der traurige Patient im Garten und sah mit großen Augen die Blumen und die Sonne an. Sein Aggressionspotential sei um ein Vielfaches verringert worden, sagt Somaini, dank menschennaher Betreuung.

Es ist kein Selbstläufer, mit Alzheimerpatienten den Alltag zu meistern. Menschen, die an Demenz erkrankt sind, fühlen sich oft falsch verstanden, herumkommandiert oder bevormundet, da sie die Entscheidungsgründe der Pfleger nicht erfassen können. Mit gemeinsamen Programmen, Spielen, Massagen, Malen oder Spaziergängen und Ausflügen stellen die Mitarbeiter im „Baan Tschuai Duu Lää“ einen Bezug zum normalen Leben her. Gegessen wird prinzipiell gemeinsam. Der geregelte Tagesablauf ist Programm.

Der signifikante Unterschied bei der Pflege in Thailand liegt nicht nur bei der Halbierung der Kosten. Im Gegensatz zu Deutschland und der Schweiz sind alte Menschen in Thailand nicht lästig. Thais schauen zu ihnen auf – dieser Respekt macht den Unterschied aus, der die letzten Lebensjahre noch einmal mit Sonne erhellt.

Was ist Demenz?

Eine Demenz („ohne Geist“ - Mens = Verstand, de = abnehmend) ist ein Defizit in kognitiven, emotionalen und sozialen Fähigkeiten, das zu einer Beeinträchtigung sozialer und beruflicher Funktionen führt und meist mit einer diagnostizierbaren Erkrankung des Gehirns einhergeht. Vor allem betroffen sind das Kurzzeitgedächtnis von älteren Menschen jenseits der 65, ferner das Denkvermögen, die Sprache und die Motorik, bei einigen Formen auch die Persönlichkeitsstruktur. Die am häufigsten auftretende Form der Demenz ist die Alzheimer-Krankheit. Sie trifft Frauen stärker als Männer – das Verhältnis ist fast zwei Drittel zu einem Drittel.

Demenz greift in jede Familie hinein und droht deren Strukturen zu zerstören

115 Millionen Demenzkranke, 277 Millionen Pflegebedürftige - so sieht die Prognose des Welt-Alzheimer-Berichts in spätestens 35 Jahren aus. Trotz des Trends sehen die Statistiker kein Land der Welt gewappnet. Es ist ein alarmierender Blick in die Zukunft: Bis 2050 soll sich, das veranschaulicht der aktuelle Report, die Zahl der Demenzkranken mehr als verdreifachen. Ein düsterer Ausblick zum Welt-Alzheimer-Tag am 21. September 2013.

Demenzkranke aktuell in Deutschland: 1,4 Millionen, jährliche Neuerkrankungen 45.000; Schweiz: 120.000, Neuerkrankungen geschätzt pro Jahr ca. 25.000 Fälle; Österreich: 130.000, neue Fälle jährlich 30.000.

Die Vorsitzende der Deutschen Alzheimer Gesellschaft, Heike von Lützau-Hohlbein, erklärt, Demenzkranke und ihre Familien bräuchten auf ihrem schwierigen Weg Informationen, Beratung und Unterstützung, keine Kostenfallen und bürokratische Hürden.

Eine von der Schweizer Alzheimer Vereinigung beauftragte Studie zeigt auf, dass von Angehörigen und Bekannten Leistungen für die informelle Pflege und Betreuung ihrer Angehörigen in der Größenordnung von jährlich 2,8 Milliarden Franken geleistet werden.

In Österreich sieht es im Proporz ähnlich dramatisch aus. Die Zahl der Demenz-Patienten wird in 30 Jahren auf 280.000 geschätzt. Für viele Familien ist das der Supergau, denn 80 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden von den Angehörigen gepflegt, dem „eigentlichen Pflegehelfer der Nation“, sagt Österreichs Caritasdirektor Michael Landau. Das sei auf Dauer nicht zu leisten und zerstöre familiäre Strukturen.

Weiterführende Links:

Baan Tschuai Duu LääBaan Kamlangchay

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als vollfarbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.

Leserkommentare

Für unabhängige Themen senden Sie einen Leserbrief an die Redaktion. Allgem. Kommentardiskussion

Pflichtfelder
Yuchira Hadson 06.01.14 22:08
Da sollte sich Deutschland was abkucken
Das ist doch toll, wenn es für alte Menschen mit solchen Krankheiten doch noch ein Stück Erde gibt, wo man sich wohlfühlen kann.