Die fast unmögliche Mission in der Tham Luang Höhle

Nichtschwimmer sollen tauchen lernen – Derzeit einzige Chance

Fünf Kilometer vom Eingang, überflutete Sektionen und Engstellen, in denen die jungen Thais alleine tauchen müssten: die Rettungsmission ist waghalsig und risikoreich und doch haben die Retter kaum Alternativen.
Fünf Kilometer vom Eingang, überflutete Sektionen und Engstellen, in denen die jungen Thais alleine tauchen müssten: die Rettungsmission ist waghalsig und risikoreich und doch haben die Retter kaum Alternativen.

CHIANG RAI: Thailand hält seit Tagen den Atem an. Und auch weite Teile der Welt blicken mit Bangen in die Provinz Chiang Rai im Norden des Landes. 12 Jugendliche und ihr 23-jähriger Fußballtrainer sind nach zehn Tagen verzweifelter Suche in der überfluteten und verschlammten Tham Luang Höhle lebendig gefunden worden. Der ersten Euphorie folgt nun eine Mischung aus Skepsis, Bedenken, Angst, unmenschlichem Zeitdruck und Durchhalte-Optimismus.

Als Chiang Rais Gouverneur Narongsak Osotthanakorn nach dem Auffinden der vollständigen Gruppe überschwänglich vom Meistern der Mission Impossible – der unmöglichen Aufgabe – gesprochen hatte, waren wohl die eigene Begeisterung und Erleichterung der 1.000 Helfer vor Ort sowie der Angehörigen der jungen Thais in seine Rhetorik geschlüpft. Als Laie ohne Taucherfahrung konnte der von Thailands König in die Nachbarprovinz Phayao abberufene Gouverneur noch nicht ahnen, dass die echte Mission Impossible erst bevorsteht.

Ein riskanter Wettlauf mit der Zeit

Die Experten unter den Rettungskräften haben längst die Kontrolle übernommen. Das sind erfahrene einheimische Navy Seals und auch ausländische Taucherprofis, darunter die beiden Briten, die am Montag um 22.40 Uhr als Erste die fünf Kilometer vom Höhleneingang eingeschlossenen 13 Vermissten entdeckt hatten. Sie alle wissen: Die Wetteraussichten für die kommenden Tage sind miserabel. Mehr Regen wird erwartet, Im schlimmsten Fall sehr starker Regen, der die Situation der Eingeschlossenen und die ihrer Helfer katastrophal verschlechtern könnte.

Es ist ein Wettlauf mit der Zeit und eine in der Tat unmögliche Mission, die dem Bergungsteam mit seinen Spitzentauchern bevorsteht. Wie bekommt man 13 Nichtschwimmer binnen kürzester Zeit so trainiert, dass sie auf engen Streckenabschnitten auch ohne ihre Tauchbegleiter durch das Labyrinth kommen? Computergraphiken der Tham Luang Höhle legen nahe, dass neben 400 Meter langen begleiteten Tauchabschnitten auch immer wieder Engstellen das Risiko erhöhen, an denen die jungen Schüler alleine auf sich gestellt wären.

Bereits seit gestern scheinen Tauchexperten mit dem Schnelltraining der Gruppe begonnen zu haben – angesichts der Tatsache, dass Thailands Meteorologen ihnen wenig Hoffnung und noch weniger Zeit geben. Die Aufgabe ist prekär, sie ist komplex und sie ist hochriskant. 12 Schüler im Alter zwischen elf und 16 Jahren und ihr Trainer werden mit Spezialnahrung aufgepäppelt und medizinisch versorgt, gleichzeitig müssen sie erste Tauchübungen absolvieren, um zumindest die lebensnotwendigen Handgriffe und Abläufe zu verinnerlichen.

Südthailands Taucher plötzlich positiv wahrgenommen

Es scheint fast grotesk, dass ausgerechnet Tauchspezialisten aus den südlichen Urlaubsgebieten Thailands mit ihrem professionellen Equipment und Knowhow in die Schlüsselrolle geraten. In den vergangenen Jahren hatte es eine regelrechte Hexenjagd gegen sie gegeben, wenn Immigrations- und Touristenpolizei turnusmäßig ihre gefürchteten Razzien in Koh Tao oder Phuket durchführten und fast immer angebliche Verstöße gegen thailändische Arbeitsbestimmungen feststellten.

Selbst wenn wie in den meisten Fällen die Tauchinstrukteure gültige Visa und Arbeitspapiere vorlegen konnten, fanden die Kontrolleure mit dem Trick X doch noch eine Handhabe, um die Tauchschulbetreiber zu drangsalieren und zur Kasse zu bitten – diese wurden dann als Tourguides sprich Tourführer bezeichnet und diese Tätigkeit dürfen nur thailändische Staatsbürger ausüben. Viele altgediente Tauchprofis hatten nach Jahren der Gängelei die Nase voll und verließen Thailand. Werden das Ansehen und der Stellenwert der ausländischen Tauchprofis durch diese Tragödie in ein neues, besseres Licht gerückt?

Tauchexperten übernehmen wohl die Hauptverantwortung

Im Vordergrund steht die Rettung von Menschenleben und die in der Provinz Chiang Rai weilenden Tauchexperten denken derzeit kaum an solche Szenarien. In Koh Tao, auf Koh Samui, in Phuket und im Tauchparadies Similan Islands wird jedoch sehr wohl mit leiser Genugtuung registriert, dass die oft als ausländische Mafia bezeichnete Taucherzunft plötzlich gebraucht wird. Und das im hellen Scheinwerferlicht in- und ausländischer Medien und einer breiten Bevölkerung.

Der Zeitfaktor gibt den Tauchern die Hauptverantwortung. Als kurz nach dem Auffinden der jungen Gruppe in der Tham Luang Höhle erste Spekulanten skandierten, die 13 Thais und ihre Helfer könnten möglicherweise monatelang im Inneren der sieben Kilometer langen Höhle gefangen bleiben, fuhren Thailands Verantwortliche ihnen schnell über den Mund und dementierten.

Aktuell sieht es nun allerdings so aus, als wäre der Rettungsversuch mit Tauchern und den bekannten Risiken die einzige Option, das zu verhindern. Der Druck auf allen Beteiligten ist fast unmenschlich. Menschenleben sind in Gefahr, draußen braut sich der nächste Monsunsturm zusammen und Millionen von Menschen verfolgen jede Bewegung und jede neue Nachricht mit Argusaugen.

Alle Nationalitäten ziehen an einem gemeinsamen Strang

Es stimmt hoffnungsfroh, dass in diesem Fall die thailändischen Retter und ihre ausländischen Helfer an einem Strang ziehen und andere Sorgen haben als kontraproduktiven Nationalismus. Das Schönste an diesem nervenaufreibenden Fall war neben dem Auffinden der jungen Fußballer am Montagabend der demonstrative Schulterschluss aller Beteiligten in Tham Luangs Höhlenmassiv. Plötzlich standen wichtigere Dinge im Vordergrund. Plötzlich waren sie alle gleich, die ohne großes Nachdenken hinauf in die Provinz Chiang Rai geeilt waren und länderübergreifend ein Team bildeten, das es so in Thailands jüngerer Geschichte noch nicht gegeben hat. Eine Mannschaft der Hoffnung.

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Jürgen Franke 05.07.18 16:18
Alle Aktionen, die nicht mit absoluter Sicherheit
gewährleisten, dass alle Eingeschlossenen unversehrt gerettet werden können, sollten unterbleiben, auch wenn die Rettungsaktion noch monatelang dauern würde. In diesem Fall geht es um das Leben der eingeschlossenen jungen Menschen, die qualifizierte und fachmännische Hilfe erwarten und keine Experimente. Wir können uns glücklich schätzen, dass die beiden englischen Taucher, die um Hilfe gebeten wurden, die Unglücklichen überhaupt gefunden haben.
Jürgen Franke 05.07.18 10:08
Solange die Geretteten dort verpflegt und
auch ärztlich bereut werden können, wo sie sich derzeitig aufhalten, sollte lediglich ein absolut risikofreier Rückweg gewählt werden.
Jürgen Franke 04.07.18 18:57
Danke für den Bericht Herr Gruber,
der uns vor Augen führt, in welcher Situation die Eingeschlossenen sich befinden. Die Lösung ist sicherlich nicht einfach
Frederik 04.07.18 17:13
Nichtschwimmer sollen tauchen lernen.
Jeder Nichtschwimmer kann tauchen.