Ein Traum war Wirklichkeit geworden. Thailand war so nahe. Wir hatten unsere Koffer gepackt, Möbel und den gesamten Haushalt verkauft bzw. verschenkt und freuten uns auf unsere zweite Heimat. Natürlich war uns beiden bewusst, dass wir so manche Hürde zu bewältigen hätten. Wir wollten es gemeinsam anpacken und schaffen”, erinnert sich Dagmar an die letzten Tage vor ihrer Übersiedlung nach Pattaya.
Vier Jahre später ist die Deutsche geschafft. Sie ist ein Nervenbündel, findet keine Ruhe und nimmt jede Nacht Schlaftabletten. “Ohne diese Pillen geht’s einfach nicht”, klagt die 57-jährige, greift nach einem Papiertaschentuch und tupft sich die Tränen aus dem Gesicht. Glück und Lebensfreude sind mit ihrem Mann gegangen. Nach fast 35-jähriger Ehe hat er sie verlassen. Hellmut lebt jetzt mit einer 26-jährigen Thai zusammen, in einem kleinen Apartment in Naklua.
Die Thailand-Geschichte der Eheleute N. (Namen und deutsche Ortsangaben von der Redaktion geändert) begann Mitte der 90er Jahre. Damals jetteten Dagmar und Hellmut zu ihrem ersten Urlaub nach Bangkok. “Wir haben uns spontan in Land und Leute verliebt”, erzählt die Hamburgerin. In den folgenden Jahren kehrten sie immer wieder zurück, setzten sich in Überlandbusse und entdeckten die
Schönheiten und historischen Sehenswürdigkeiten des Landes. Inzwischen reifte der Plan, sich in Thailand einen Altersruhesitz zu suchen.
Dagmar und Hellmut entschieden sich für Pattaya. Für das Ehepaar war es wichtig, dass es hier praktisch alles zu kaufen gibt und dass die Thais nicht fremdenfeindlich sind. “Mit unseren
Ersparnissen und den künftigen Renten hätten wir hier wie die Fürsten leben können, in Hamburg hätten wir bei dem anhaltenden Kaufkraftverlust und den hohen Lebenshaltungskosten den Gürtel
enger schnallen müssen”, begründet die Deutsche den Entschluss auszuwandern. Für Pattaya sprachen die umfassenden Dienstleistungen, die hervorragende Infrastruktur und die Nähe zur Hauptstadt Bangkok.
Mitte 2002 liessen die Ns das nass-kalte Klima Hamburgs hinter sich und richteten sich im schwül-heissen Pattaya ein. Die ersten Monate bewohnten sie ein möbliertes Apartment, dann fanden sie
in einem Village jenseits der Sukhumvit Road ihr Traumhaus. Dagmar und Hellmut waren sich einig: Sie hatten das grosse Los gezogen. Hilfsbereite Freunde, viel Sonne und eine hohe Lebensqualität
trugen zu ihrem Glück bei.
In der Siedlung lernte der 61-jährige gleichaltrige Männer verschiedener Nationalitäten kennen. Anfangs sassen sie auf den Terrassen bei Bier und Wein, später verabredete sie sich zu Fahrten
nach Pattaya. “Ich habe mir nichts dabei gedacht. In den vielen Jahren zuvor haben mein Mann und ich immer wieder gerne an einer Bar gesessen und mit den Mädchen geplaudert. Trotz ihrer
schlechten Englischkenntnisse erzählten sie uns von ihrem Dorf im Isaan, von ihrer Familie und wie sie dort aufgewachsen sind”, berichtet die Deutsche.
Die Fahrten nach Pattaya häuften sich, ihr Mann kam nachts später nach Hause. Dagmar fügte sich zunächst in die Rolle der Hausfrau, stellte das Essen pünktlich auf den Tisch und reinigte das
Wohnhaus. Schleichend kam die Tragödie in die Ehe. “Sobald ich meinen Mann auf seine nächtlichen Touren ansprach, hat er mit mir nicht mehr geredet. Es lag ein Geruch der Angst in der Luft, der
mir die Kehle zuschnürte. Ich erinnerte mich an einen wunderbaren Film von Rainer Werner Fassbinder mit Brigitte Mira in der Hauptrolle. Sein Titel: “Angst essen Seele auf”. Das Gefühl von
Lebensangst peinigt mich jeden Tag.”

Nach einigen Wochen, die Ehefrau konnte die Situation nicht mehr ertragen, wollte sie klar Schiff machen. Da gestand Hellmut, er habe eine thailändische Freundin und werde zu ihr ziehen. Drei Wochen später verliess er Dagmar, zuvor hatte sich das Paar nach harten Auseinandersetzungen finanziell geeinigt. "Seit der Vertreibung aus dem Garten Eden sind die Frauen als Evas Töchter eine ewige Versuchung für den Mann. Das gilt erst recht für Pattaya mit Hunderten von Bars und Tausenden Barmädchen.
Die 57-jährige ist vom Schicksalsschlag gezeichnet. “Wir Frauen haben uns oft über das Risiko unterhalten, dass unsere Männer in Short-Time-Bars gehen und dass wir sie an eine junge Thai verlieren können. Ich habe mir dann gesagt: Nicht mein Hellmut! Ich teile doch mit ihm eine Vergangenheit”, sagt die Hamburgerin.
Wenn ein Ehepaar, gleich ob jung oder alt, Dagmar fragen würde, wie sie zu einer Auswanderung nach Pattaya stehe, lautete die Antwort: “Lasst die Finger davon. Macht nicht die gleichen Fehler.
Es ist nicht nur ein Sprung ins kalte, unbekannte Wasser. Leichtsinn, Gutgläubigkeit und Selbstüberschätzung können in einer selbst verschuldeten Lebenskatastrophe münden.”
Auswanderungswillige Frauen sollten sich der drastischen Gefahren bewusst sein, die für ihre Männer von Bars und Barmädchen in Pattaya ausgehen. Persönliches Leid und eine finanzielle Talfahrt
könnten die Träume schnell platzen lassen.
Dagmar hat die Erfahrung gemacht, dass Tragödien sehr individuell empfunden und von jedem Menschen anders eingestuft und interpretiert werden. Unter ihren wenigen Bekannten sind ausländische Frauen, die durchaus wissen, wo und mit wem sich ihre Männer vergnügen. “Augen zu, Ohren zu und nichts wissen wollen” laute deren Überlebensthese.
Er gibt ja Geld
Thais scheinen dem Problem eher auszuweichen. In Dagmars Nachbarschaft wohnt ein Norweger mittleren Alters mit seiner jungen thailändischen Frau und ihrem achtjährigen Sohn. Im Village ist
allgemein bekannt, dass der Ehemann Stammgast in verschiedenen Bars ist und oftmals erst in den frühen Morgenstunden angetrunken oder betrunken nach Hause kommt. Als die Hamburgerin einmal die Ehefrau und Mutter daraufhin ansprach, schaute die Thai verlegen, lächelte und antwortete: “So lange er für uns aufkommt, so lange er mir Geld gibt, greife ich das Thema nicht auf. Seine
nächtlichen Touren haben für mich den Vorteil, dass er mich in Ruhe lässt!”
