Wer bin ich ohne Auto?

Die Antwort auf diese Frage kam damals wie ein Pistolenschuss aus dem Mund meines Freundes: „Nichts“! Herbert hielt, als er das Abitur bestanden hatte, schon seinen Führerschein in der Hand, und vor dem Haus stand sein lang ersehntes Auto. Jetzt endlich war er jemand.

Wenn Menschen beginnen, sich über ihr Auto zu definieren, dann stimmt irgendetwas nicht. Herberts Selbstbewusstsein wuchs vierrädrig. Philosophisch ausgedrückt hieß das: Ich hupe, also bin ich. Ich will wahrgenommen werden. Und dann setzt auch schon die Rücksichtslosigkeit ein, die einer bestimmten Hierarchie folgt. An erster Stelle stehen Lastwagen und Busse, dann folgen Jeeps und PKWs und schließlich Motorräder. Radfahrer und Fußgänger haben in dieser Rangfolge nichts zu suchen, also muss man sie auch nicht beachten. Letzteres gilt vor allem in asiatischen Ländern, nicht zuletzt auch in Thailand. Motto: Der Stärkere hat Recht.

So viele junge Menschen können es kaum erwarten, ihr erstes eigenes Auto zu haben. Wenn es dann so weit ist, erfahren sie, was ein Stau ist, was ein Motorschaden bedeutet, was die Benzinkosten ausmachen und was ein Unfall für Folgen hat. Und sie begreifen vielleicht auch, welche Folgen der CO-2- Ausstoß für unser Klima hat. Außerdem ist es für den Fahrer, mit dem wir abends zur Party fahren eine Zumutung, zusehen zu müssen, wie wir Bier oder Wein trinken, während er nüchtern bleiben muss.

Dass der fortschreitende Individualverkehr das Klima belastet, wird nirgends optisch so deutlich wie in China, wo die Menschen sich ohne Atemschutzmasken kaum noch auf die Straße wagen. Und so mancher fragt sich, ob es so weitergehen kann. Tagtäglich werden weltweit Hunderttausende neue Autos zugelassen. Die Straßen in den Städten sind verstopft. Der Stau dauert länger als die Fahrt mit der Bahn. Die Versuche der Politiker über höhere Steuern und Benzinkosten dieser Entwicklung entgegen zu steuern sind kläglich gescheitert. Schließlich ist die Auto-Industrie eine Wirtschaftsmacht, und ihre Lobbyisten arbeiten höchst effizient. Sie stellen nicht nur Forderungen sondern beteiligen sich aktiv an den Formulierungen neuer Gesetze.

Trotzdem arbeiten Wissenschaftler und Ingenieure in aller Welt längst an der Antwort auf die zukünftigen Herausforderungen des Verkehrs. Sie bauen kleine Busse, die führerlos fahren, mit einem Handy oder Smartphone gestartet und gestoppt werden können. Andere Wissenschaftler haben ein Schienensystem entwickelt, dass dazu beitragen kann, das Verkehrsaufkommen zu verringern. Aber bis das alles realisiert wird, können noch einige Jahre ins Land gehen. Eine Übergangslösung könnte das Auto-Sharing sein. Das bedeutet, wenn ich mein Auto heute nicht brauche, stelle ich es anderen zur Verfügung. Auch dafür reicht eine App aus. Andere haben sich zu Fahrgemeinschaften zusammengeschlossen, was den Verkehr um ein vielfaches reduziert.

Trotzdem reicht das nicht für die Probleme der Zukunft aus, weil eine sich weltweit vermehrende und verkehrende Menschheit, die sich global bewegt, nachhaltige Lösungen einfordert, egal, auf der Straße, in der Luft oder unter der Erde. Für alles gibt es heute schon ausgearbeitete Pläne. Das private Auto wird dabei keine große Rolle mehr spielen. Es passt nicht mehr in unsere Zeit. Ob es der führerlos fahrende Bus oder die private Drohne sein werden, die uns dann befördern – ich weiß es auch nicht. Aber ich vermute, ihren Führerschein wird die nächste Generation sich gerahmt an die Wand hängen können. Ob die Erforschung neuer Verkehrsmittel erstrebenswert ist? Wer mit seinem Fahrrad immer noch schneller an seinen Arbeitsplatz gelangt als der Kollege mit seinem Auto, wird diese Frage sicher bejahen. Deshalb mein Rat: Schenken Sie Ihren Kindern Spielzeugautos mit denen sie sich austoben können. Später brauchen sie das alles nicht mehr, denn dann geht alles automatisch.

PS:

Um auf Herbert zurückzukommen, von dem ich am Anfang dieser Kolumne kurz berichtete: Er ist nach einem Disco-Besuch und leicht angeheitert, in eine Baustelle gerast. Bis zum Hals gelähmt fährt er jetzt wieder zweirädrig: Im Rollstuhl.

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Leserkommentare

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uli von.Berlin 31.07.17 01:33
Oh - lieber Thomas - wieso soooo kleinlich. Ein Rollstuhl hat zwei große Räder, die auffallen. Das andere sind doch nur kleine Stützräder. Zum Thema: In Zukunft wird es keine Statusdarstellung übers Auto mehr geben, denn nach den Elektro-Autos kommen "selbstfahrende Taxen", die man mit nem Knopf im Ohr (anstelle eines Telefons) zu sich beordert. Schade nur für das Dahingleiten mit nem MotorBike, denn man fährt dann nicht mehr aus Spaß, sondern nur noch, um anzukommen. Aber dann werde ich schon da sein, (im Himmel), denn det Janze wird sicher noch dreiunddreißig Jahre dauern, meint uli von Berlin, zur Zeit auch IN Berlin.
Thomas Sylten 30.07.17 18:53
Rollstuhl
555 - wie darf ich mir denn einen 2-rädrigen Rollstuhl vorstellen: wie so'nen Segway ??