Wir hier – ihr dort

Jetzt ist aber Schluss! Hört endlich auf mit dem Gejammer! Wenn ihr mit dem Leben nicht klarkommt, dann haltet wenigstens eure Klappe. Wir wollen das nicht mehr hören. Wir sind jung, stark und wollen uns austoben. Es fehlt uns an nichts.

Wir werfen das Geld unserer Väter zum Fenster raus. Wir wollen das Leben genießen und uns unsere gute Laune von euch nicht verderben lassen. Champagner, Kaviar, her damit! Und Ihr verschwindet aus unseren Augen. Rücksicht aufs Klima? Was soll das denn? Klimawandel, Umweltkatastrophen, Tsunamis, Vulkanausbrüche? Das ist pubertäres Nachgequatsche von Leuten, die mit der Angstmacherei gutes Geld verdienen. All diese Katastrophen gibt es seit Anbeginn der Erde, hat die Dinosaurier ausgelöscht und ganze Völker. Also belästigt uns nicht mit diesem Unsinn. Wodka? Okay, einen Doppelten. Und ihr, lasst uns endlich in Ruhe. Was heißt überall Kriege? Die hat es immer gegeben, und die wird es auch immer geben. Ja, heult nur. Von euren Krokodilstränen wird es auch nicht besser. Na, das musste jetzt ja kommen, das große Absaufen im Meer. Erstens können wir es sowieso nicht verhindern. Und zweitens kennen wir die Leute gar nicht.

Was gehen sie uns an? Genauso die Kriegsflüchtlinge. Wenn die Merkel sie eingeladen hat, dann soll sie sich jetzt um sie kümmern. Wir haben Besseres zu tun: Party in Monaco, Feste in Rio, Feiern auf der Yacht von Papa oder Feten in Acapulco. Was guckt ihr so blöd? Nie davon gehört? Selber schuld. Nehmt endlich zur Kenntnis: Es gibt nun mal den Unterschied zwischen uns und euch. Damit werdet ihr euch abfinden müssen. Bitte? Was die Weiber bei unseren Happenings zu suchen haben? Das geht euch zwar nichts an, aber uns gefällt es. Oder wollt ihr, dass wir alle schwul werden? So, habt ihr euch jetzt endlich ausgekotzt? Und nun kommt ihr auch noch mit dem Antisemitismus. Nein, wir haben nichts gegen Juden. Sie sollen nur abhauen, statt uns auf der Pelle zu liegen. Historische Schuld? Das fehlte gerade noch. Dann lasst euch doch von ihnen damit erpressen. Was, Drogen? Klar, das musste ja auch noch kommen. Wir raten euch: Lasst die Finger davon. Ihr könnt damit eh nicht umgehen.

Wir haben Erfahrung damit von klein auf und wissen, wie man den Koksrausch genießt. So, und nun ist es genug. Habt ihr nichts anderes zu tun? Wenn ihr nicht arbeitet, schrumpfen unsere Konten. Also, bewegt euren Arsch. Hunger? Was ist das denn? Wenn euch oder denjenigen, um die ihr euch sorgt, Brot fehlt, dann fresst doch Torte. Und wenn das Wasser knapp wird, dann sauft Bier. Ihr kriegt eure Probleme nie auf die Reihe. Nein, bitte keine Gans, ich habe mich daran überfressen. Bring mir eine Feder, Lakai. Was heißt, mit unseren Spenden ginge es euch besser? Spinnt ihr? Wovon sollten wir denn unseren aufwendigen Lebensstil bezahlen? Ihr seid doch nur neidisch. Aber ihr müsst wissen, Neid zerfrisst die Seelen und gehört zu den sieben Todsünden. Findet euch endlich ab mit dem was ihr habt. Noch was? Ja ja, vom Elend in der Dritten Welt haben wir auch gehört. Aber das bringt uns doch auch viele Vorteile, billige Importe, teure Exporte. Da bleibt einiges hängen. Ja, einen doppelten Whisky, aber vom Besten. Was grinst du, blöder Muschkote? Beeil dich, bevor der Whisky warm wird. Und ihr, verzieht euch endlich.

Wir haben keine Lust mehr, eure elenden Gesichter zu sehen. Beklagt euch bei euren Göttern. Oder haben die euch auch im Stich gelassen? Ihr habt schon viel zu lange auf göttliche Hilfe gehofft. Jetzt seht ihr, was daraus geworden ist. Statt anzupacken habt ihr fantastische Wesen angebetet, die, wenn es sie gäbe, euch auslachen würden, dumme Trampel, die ihr seid. Aber es geschieht euch recht. Bleibt wie ihr seid, uns kann das nur recht sein. Arbeit macht frei. Das heißt, es hilft vor allem uns. Unsere Väter mussten sich einiges einfallen lassen, um euren Vätern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Natürlich mit Hilfe der Politik. Sie war immer für uns da und ist es immer noch. Guckt nicht so belämmert, das ist die Wahrheit. Dass wir heute das Tausendfache von dem besitzen, was ihr habt, ist eure eigene Schuld. Jedem das Seine. Nun kommt uns nur nicht mit Gerechtigkeit. Die gab es nie, und die wird es auch nie geben. Ja, droht uns nur mit Streik. Ihr werdet ja sehen, was ihr am Ende davon habt. Die Füße werdet ihr uns küssen, wenn ihr endlich wieder für uns arbeiten dürft. Und haltet sie nur hoch die Fotos mit den weinenden Kindern. Das ist wohl euer letztes Mittel, die Not der Kinder für euer Wohl zu missbrauchen. Aber nicht mit uns. Auf Sentimentalitäten fallen wir nicht rein. So langsam meldet sich der Appetit wieder. Was steht denn auf dem Speiseplan? Fasan? Das ist gut. Dazu einen Châteauneuf – du- Pape, Jahrgang 2002. Okay wir kommen. Und ihr macht euch vom Acker, aber plötzlich!

Und plötzlich öffnen sich alle Türen. Herein stürmen dunkle Gestalten mit Gewehren, die auf uns gerichtet sind. Die meinen es ja ernst!

He, was soll das denn? Wir haben doch gar nichts gemacht.

Eben deshalb!

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TheO Swisshai 09.12.19 20:37
Geld der Väter
Der Text könnte aus dem Mund von Trump stammen. Einfache Leute widern ihn richtiggehend an. Wehe er sieht irgendwo in seinem bescheidenen Privatflugzeug einen Fleck, solche Probleme haben zum Glück nur die Reichen. Die halten sich wegen ihrem vielen Geld ( danke Papa ) für etwas besseres.
Hans Breitrainer 08.12.19 23:08
Ce-eff
Auch ich finde ihren Leserbrief ist scharf wie eine Rasierklinge. Chapeau !!
Hansruedi Bütler 08.12.19 19:35
Lieber Ce-eff
Fantastisch getroffen. Vorschlag: In solch gehobenen Ebenen würde ich zum Fasan einen Domaine du Caillou Châteauneuf-du-Pape, Récolte 1998 empfehlen. Der Jahrgang 2002 ist auch excellent, kommt aber nie in die Nähe von 1998. A votre santé!
Wolfgang Dlapa 08.12.19 16:07
bravo
Ich kann mich den Vorrednern nur anschließen: Ce-eff ist auf dem Höhepunkt seiner Schreiberei angelangt, möge er noch lange tätig sein.
Norbert Kurt Leupi 08.12.19 13:55
Wir hier - ihr dort
Chapeau ! Das " beste Wort zum Sonntag " , seit ich den FARANG lese ! Man bekommt die Welt nicht besser " gemerkert " !