Wie robust ist Robusta?

Klimawandel bedroht Vietnams Kaffeebauern

Foto: Freepik/Amenic181
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HANOI: Deutschland ist der weltweit wichtigste Abnehmer von Robusta-Kaffee aus Vietnam. Das Land am Mekong ist ein wahrer Kaffeegigant. Aber der Klimawandel bedroht zunehmend die Ernten. Widerstandsfähigere Arten könnten eine Lösung sein - aber die Farmer haben Bedenken.

Das müde Gesicht von Nguyen Van Thien verrät: Es war wieder ein langer, harter Arbeitstag auf seiner Kaffeeplantage im zentralen Hochland von Vietnam. Stundenlang hat er die Pflanzen bewässert, aber das so dringend für seine Farmarbeit nötige Nass wird immer knapper. Denn der Klimawandel ist auch in dem Land am Mekong längst präsent, und die so wichtigen Regenfälle in der Monsunzeit kommen immer unregelmäßiger oder bleiben ganz aus.

Das unvorhersehbare Wetter macht den Landwirten das Leben schwer. Die Folge: Die Kaffee-Exporte, die zu einem großen Teil für den europäischen Markt bestimmt sind, gehen von Jahr zu Jahr zurück. Deutschland ist mit rund 15 Prozent der Produktion (2021) der wichtigste Absatzmarkt überhaupt. Von den 1,21 Millionen Tonnen, die Deutschland 2021 an geröstetem und ungeröstetem Kaffee importierte, kamen nach Daten des Statistischen Bundesamtes rund 17 Prozent aus Vietnam.

Die Regenzeit in der Region dauert normalerweise von Mai bis Oktober. Aber in den vergangenen Jahren sei darauf kein Verlass mehr gewesen, sagt Thien. So sei im gesamten Juni kein einziger Tropfen vom Himmel gekommen. «Wenn wir Regen brauchen, damit die Kaffeepflanzen wachsen können, ist das Wetter heiß und sonnig», erzählt er. «Und wenn die Kaffeepflanzen blühen, dann regnet es plötzlich, so dass die Blüten verrotten und die Pflanzen die noch jungen Kaffeefrüchte abwerfen.»

Dies verringere sowohl den Ertrag als auch die Qualität des Kaffees, klagt der 50-Jährige, dessen Familie seit 36 Jahren in der Provinz Gia Lai eine Plantage bewirtschaftet - und in dieser Zeit die Veränderung der klimatischen Verhältnisse hautnah miterlebt hat. Die begehrten Bohnen gedeihen im Hochland an der Grenze zu Kambodscha und Laos besonders gut. Allein hier arbeiten etwa 1,5 Millionen Menschen in dem wichtigen Industriezweig.

Den Kaffeeanbau in Vietnam haben 1857 die Franzosen im Zuge der Kolonialisierung begonnen. Mittlerweile ist das Land nach Brasilien der zweitgrößte Produzent der Erde - und der weltgrößte für die einst im Kongo entdeckte Robusta-Sorte, aus denen unter anderem Instant-Kaffee hergestellt wird. Abnehmer sind weltweit etwa 80 Länder. Fast 40 Prozent der Produktion aus dem südostasiatischen Staat gehen nach Europa.

Aber ein Blick in die offiziellen Statistiken zeigt, dass die Exportzahlen seit Jahren sinken: Wurden 2018 noch 1,88 Millionen Tonnen Kaffee ins Ausland verkauft, so waren es 2019 nur noch 1,61 Millionen Tonnen, 2020 gerade einmal 1,57 Millionen Tonnen und im vergangenen Jahr 1,52 Millionen Tonnen. Wie aus dem jüngsten Kaffeereport des deutschen Marktführers Tchibo hervorgeht, entfallen 96 Prozent der vietnamesischen Kaffeeproduktion auf die Sorte Robusta.

«Die Niederschlagshäufigkeit hat abgenommen, aber die Niederschlagsmenge hat gleichzeitig stark zugenommen, was das Risiko der Bodenerosion erhöht», erläutert Tran Cong Thang, Direktor des Insituts für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung (IPSARD). Mittlerweile müssten die Bauern auf unterirdische Brunnen zurückgreifen, um die Pflanzen zu bewässern. «Aber aufgrund der steigenden Temperaturen verdunstet das Wasser schnell, so dass die Bauern ihre Kaffeepflanzen immer häufiger gießen müssen», sagt Thang. Dadurch sinke nun auch der Wasserspiegel in den Brunnen.

Einen Vorteil haben die vietnamesischen Kaffeebauern allerdings gegenüber Ländern, die hauptsächlich Arabica-Sträucher anbauen: Die Robusta-Pflanzen (Coffea canephora) sind weniger anfällig für klimatische Veränderungen. Aber auch dieser sehr koffeinhaltigen Bohne machen die steigenden Temperaturen mittlerweile zu schaffen. Eine Studie aus dem Jahr 2020 ergab, dass die Hitzetoleranz von Robusta nicht ganz so robust ist, wie ihr Name vermuten lässt - und die Erträge ab einem bestimmten Hitzegrad überproportional sinken.

«Der Klimawandel bereitet den Kaffeebauern große Sorgen», sagt auch Le Vu Quan, ein leitender Forscher des Instituts für Kreislaufwirtschaft in Ho-Chi-Minh-Stadt. Denn die wechselhaften klimatischen Bedingungen führten auch vermehrt zu Schädlingen und Krankheiten der Kaffeepflanzen, wodurch nicht nur die Erträge, sondern auch die Qualität der Bohnen abnähmen.

«Landläufig ist die Meinung, Arabica ist der bessere und Robusta der weniger gute Kaffee», sagt Tchibo-Sprecher Arnd Liedtke. «Das gilt aber nicht in jedem Fall.» Oft wird der erheblich koffeinhaltigere Robusta zum Beispiel in Espressomischungen verwendet. Generell wird der Sorte ein kräftigerer, erdiger Geschmack im Vergleich zu den bei deutschen Kaffeetrinkern beliebten filigraneren und fruchtigen Arabica-Kaffees zugeschrieben.

Um die vietnamesische Kaffeeindustrie widerstandsfähiger und nachhaltiger zu machen, arbeiten Regierungsstellen und Nichtregierungsorganisationen (NGOs) an Lösungen. Das Landwirtschaftsministerium hat für den Zeitraum 2021 bis 2025 bereits ein Kaffee-Wiederbepflanzungsprojekt gestartet. Ziel sei es, auf etwa 107.000 Hektar alte Sträucher durch neue Sorten zu ersetzen, die resistenter gegen Schädlinge, Krankheiten und Klimaschwankungen sind.

Das Projekt hat bereits positive Ergebnisse erzielt - aber es gibt auch Widerstand bei den betroffenen Farmern. «Alte Kaffeepflanzen zu zerstören, um neue zu pflanzen, bringt sicherlich eine höhere Produktivität», sagt Kaffeebauer Thien. Aber viele Familien seien nicht bereit, alle alten Sträucher gleichzeitig zu ersetzen, weil sie dann drei Jahre warten müssten, bis sie erstmals wieder ernten könnten. «Und wie sollen die Menschen dann in der Zwischenzeit ihren Lebensunterhalt verdienen?», fragt Thien.

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