Ist die «dunkle Ära» vorbei?

​Syrien ein Jahr ohne Assad 

Bei Feiern in Damaskus schwenkt eine Frau die syrische Flagge, während Soldaten der neuen Armee ein Jahr nach Assads Sturz Aufstellung nehmen. Foto: dpa/Omar Sanadiki
Bei Feiern in Damaskus schwenkt eine Frau die syrische Flagge, während Soldaten der neuen Armee ein Jahr nach Assads Sturz Aufstellung nehmen. Foto: dpa/Omar Sanadiki

DAMASKUS/BERLIN: Vor einem Jahr wurde in Syrien die Regierung gestürzt. Hunderttausende feiern den «Tag der Befreiung». Doch Konflikte halten an. Wie stabil ist das Land? Und wie geht es Syrern in Deutschland?

Hunderttausende Menschen erinnern in Syrien an den ersten Jahrestag des Sturzes der Assad-Herrschaft. Mit Militärparaden, Feierlichkeiten und Kundgebungen feiern sie das, was über Jahre unerreichbar schien: ein Syrien ohne Machthaber Baschar al-Assad. Als «überwältigend» und «historisch», beschreiben Feiernde den Tag, an den sie als «Tag der Befreiung» erinnern.

Doch das Land steht vor vielen Herausforderungen. Wie lässt sich ein jahrzehntelang auf Geheimdienst-Kontrolle und Folter aufgebautes System zerlegen? Und konnten die neuen Machthaber mit alten Strukturen brechen? Ein Überblick:

Wer stellt die Regierung?

Am 8. Dezember 2024 wurde die Assad-Regierung in einer Blitzoffensive von einer Rebellenallianz unter Führung der Islamistengruppe Haiat Tahrir al-Scham (HTS) gestürzt. HTS-Kopf Ahmed al-Scharaa führt aktuell das Land mit rund 23 Millionen Einwohnern als Übergangspräsident.

Mit dem Umbruch wurde die mehr als 50-jährige Herrschaft der Assad-Familie in Syrien beendet. Als Assad zu seinem Verbündeten Wladimir Putin nach Russland floh, übernahmen seine einstigen Gegner die Regierung. Sie stellten eine Übergangsregierung zusammen, die auch aus Technokraten besteht.

Was macht diese Regierung?

Beobachter sehen sie auf einem guten Weg. Kritisiert wurden aber die ersten Parlamentswahlen: Der Anteil von Frauen und Minderheiten blieb dabei gering. Menschenrechtsorganisationen pochen auf mehr Demokratie.

Al-Scharaa und seiner Regierung ist es gelungen, das Land aus der jahrelangen internationalen Isolation zu holen. Er wurde nicht nur von Putin empfangen, der Assad jahrelang militärisch im Kampf gegen die jetzigen Machthaber geholfen hatte, sondern war auch als erster syrischer Präsident im Weißen Haus in Washington. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat ihn nach Berlin eingeladen. Ein Termin dafür steht bisher nicht fest.

Noch immer stehe das Land vor vielen Herausforderungen, sagte Gesundheitsminister Musaab al-Ali der Deutschen Presse-Agentur in Damaskus. Die Verwaltungen seien auf einem guten Weg. Das Gesundheitssystem etwa verbessere sich, habe aber noch nicht das angestrebte Niveau erreicht. Er selbst ging während des Kriegs nach Deutschland und arbeitete dort als Chirurg.

Wie geht es Minderheiten?

Im ersten Jahr im «neuen Syrien» ist es wiederholt zu Gewaltausbrüchen gegen Minderheiten gekommen. Dabei wurden Hunderte Menschen getötet. Auch der Regierung nahestehende Sicherheitskräfte waren darin involviert. Präsident al-Scharaa hat versprochen, Minderheiten im Land zu schützen. Kritiker werfen der Regierung jedoch vor, Transparenz und staatliche Justiz unter anderem mit symbolischen Verhaftungen und Scheinverfahren vorzutäuschen.

Die jahrzehntelange Assad-Herrschaft hat ein tief gespaltenes Land hinterlassen. Angehörige der Alawiten, der Glaubensgemeinschaft der Assad angehörte, wurden zum Teil Opfer von Racheakten. Auch viele Christen, die von der Assad-Regierung geschützt wurden, fürchten sich vor Gewalttaten. Im Süden sind in drusischen Gebieten bei Auseinandersetzungen mit sunnitischen Beduinenverbänden Hunderte Menschen getötet worden.

Personen mit Verbindungen zur Assad-Regierung versuchten Spannungen mit Minderheiten anzuheizen, um das Land zu destabilisieren, sagte Adham al-Kaak, ein Aktivist der drusischen Gemeinschaft, der dpa. Auch die wachsende Unterstützung der internationalen Gemeinschaft für den Interimspräsidenten befeuere das.

Wie sieht Syrien heute aus?

Nach dem brutalen Krieg liegt das Land in vielen Teilen in Trümmern. Bundesaußenminister Johann Wadephul (CDU) hat es bei einem jüngsten Besuch in Harasta bei Damaskus mit eigenen Augen gesehen. «Hier können wirklich kaum Menschen richtig würdig leben», sagte er. Syrien sehe schlimmer aus als Deutschland 1945.

Die Menschen sind traumatisiert. «Man vergisst nicht, wie Hunger schmeckt, und wie sich Angst anfühlt», sagte der 25-jährige Mohammed, Anwohner in Harasta. Der Ort stand jahrelang unter heftigem Beschuss und Belagerung.

Auch in Ost-Aleppo wurden ganze Viertel dem Erdboden gleichgemacht. Heute sehen manche Straßen noch immer so aus, als habe der Krieg dort gestern noch getobt. Die Lage habe sich jedoch im vergangenen Jahr verbessert, sagte ein Anwohner in Aleppo. Zum ersten Mal seit Jahren habe es im November 24 Stunden lang ununterbrochen Strom gegeben.

Ist Syrien bereit für Rückkehrer?

Nach UN-Angaben gelten sieben Millionen Menschen im Land als Binnenvertriebene. Noch immer sind rund 16 Millionen Menschen in Syrien auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zwar entscheiden sich immer mehr ins Ausland geflüchtete Syrerinnen und Syrer in ihre Heimat zurückzukehren. Die Zahl, derer die aus Ländern wie Deutschland zurückkehren, bleibt jedoch vergleichsweise gering.

Seit dem Umbruch sind UN-Angaben zufolge mehr als drei Millionen vertriebene Syrer in ihre Heimat zurückgekehrt. Mehr als 1,2 Millionen Menschen seien vor allem aus den Nachbarländern zurückgekommen, und mehr als 1,9 Millionen intern Vertriebene lebten inzwischen wieder in ihren Heimatdörfern. Viele weitere hätten den Wunsch auf baldige Rückkehr geäußert. Während des Kriegs wurden rund 14 Millionen Menschen vertrieben.

Viele Syrer seien zurückgekommen, um zur Förderung der Wissenschaft beizutragen, sagte Gesundheitsminister al-Ali. «Der Reichtum Syriens liegt heute in seinem Volk - sowohl im Inland als auch im Ausland.» Fachleute sehen Syrien noch nicht bereit für eine schnelle Rückkehr der Geflüchteten. Infrastrukturen und Wohnhäuser sind weitläufig zerstört. Die Wirtschaftslage im Land ist weiterhin instabil. Große Gefahr geht nach UN-Angaben auch von nicht explodierten Munitionsrückständen aus.

Wie hat sich die Lage für Syrer in Deutschland verändert?

Auch in mehreren deutschen Städten gab es am vergangenen Wochenende Kundgebungen von feiernden Syrern, die an das Ende der Assad-Herrschaft erinnerten. Doch die Freude über den Machtwechsel bedeutet nicht, dass alle Menschen zurückkehren wollen. Viele Syrer haben sich in Deutschland eingelebt, einen Job gefunden, geheiratet. So mancher ist schon eingebürgert. Syrische Kinder besuchen deutsche Schulen. Hocharabisch, die Unterrichtssprache der Heimat ihrer Eltern, beherrschen sie nicht.

Zwei Dinge haben sich jedoch geändert seit Dezember 2024. Erstens: Die Zahl der Syrerinnen und Syrer, die in Deutschland Asyl beantragen, ist deutlich gesunken. Nahm das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) in den ersten elf Monaten des vergangenen Jahres noch 72.420 Asylanträge von Menschen aus Syrien entgegen, so waren es zwischen Anfang Januar 2025 und Ende November 22.156 Erstanträge von Syrern.

Zweitens: Nachdem syrische Antragsteller jahrelang fast automatisch Schutz zuerkannt bekommen hatten, ist dies heute nicht mehr der Fall. Das gilt vor allem für junge Männer, die ohne Familie in Deutschland sind und keiner ethnischen oder religiösen Minderheit angehören.

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