Symbolträchtiger Abstieg: Thyssenkrupp muss Dax verlassen

Foto: epa/Friedemann Vogel
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ESSEN (dpa) - Rund 160.000 Mitarbeiter, eine mehr als 200-jährige Firmengeschichte, weltweit gefragte Produkte. An der Börse zählt das nicht. Weil der Aktienwert von Thyssenkrupp drastisch eingebrochen ist, steigt der Konzern aus dem Dax ab. Sein Schicksal steht für eine ganze Branche.

Das Industrie-Urgestein Thyssenkrupp muss den Top-Börsenindex Dax verlassen. Damit gehe «auch symbolisch ein wichtiges Kapitel der deutschen Wirtschafts- und Unternehmensgeschichte zu Ende», ordnet der Wirtschaftshistoriker Werner Plumpe die Entscheidung der Deutschen Börse ein. Die 1999 fusionierten Unternehmen Thyssen und Krupp hätten bis in die 1960er Jahre die deutsche Industriegeschichte geprägt. Der dann einsetzende Niedergang der Montanbranche sei «allerdings genau so spektakulär wie der Aufstieg» gewesen.

Die Deutsche Börse hatte am Mittwochabend nach Handelsschluss mitgeteilt, dass das Dax-Gründungsmitglied Thyssenkrupp nach einem drastischen Kursverfall durch den Triebwerksbauer MTU ersetzt wird. Für den mehr als 200 Jahre alten Industrieriesen ist das ein Prestigeverlust. Der Abstieg in die zweite Börsenliga MDax führe allen vor Augen, «wo wir stehen und wie wir wahrgenommen werden», kommentierte Vorstandschef Guido Kerkhoff die Entscheidung der Börse. Am Donnerstag ging es für die Thyssenkrupp-Aktie allerdings wieder aufwärts, sie schloss mit rund 6,23 Prozent im Plus.

Der Stahl- und Industriekonzern wirkt zunehmend wie ein Koloss auf tönernen Füßen. Rund 160.000 Mitarbeiter an Standorten in 78 Ländern beschäftigen die Essener. Die Beteiligungsliste umfasst fast 500 Positionen - «eine riesige Ansammlung an Unternehmen», die «nicht richtig integriert wurden», hat Kerkhoff unlängst eingeräumt. An der Börse sind solche Konglomerate zunehmend unbeliebt. Der deutlich kleinere Nachfolger MTU steht mit seinem konzentrierten Geschäftsfeld aus Sicht der Anleger besser da.

MTU hatte in den vergangenen Jahren einen Rekordlauf hingelegt. Das Münchner Unternehmen mit gut 10.000 Mitarbeitern und 4,6 Milliarden Euro Jahresumsatz profitiert vom Wachstum der Luftfahrt. Da immer mehr Menschen weltweit fliegen, sind Triebwerke gefragt. Übertroffene Jahresziele und brummende Geschäfte haben die Aktie binnen eines Jahres um 32 Prozent hoch getrieben. Über zehn Jahre steht ein sagenhaftes Plus von 750 Prozent.

Beim Ruhrkonzern Thyssenkrupp hat sich dagegen die Krise in den vergangenen Jahren zugespitzt. Die Finanzdecke ist dünn - auch eine Folge von milliardenschweren Fehlinvestitionen in Stahlwerke in Brasilien und den USA. Die als Befreiungsschlag geplante und über Jahre vorbereitete Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata wurde von der EU untersagt. Kerkhoff sagte daraufhin auch die Aufspaltung des Konzerns in zwei eigenständige Unternehmen ab.

Um Geld für den jetzt angepeilten Konzernumbau in die leeren Kassen zu bekommen, plant Kerkhoff den Börsengang oder einen Verlauf der profitablen Aufzugssparte. Die Aufzüge sind bei Thyssenkrupp momentan fast das einzige Geschäft, das ordentliche Gewinne einfährt. Auch Konkurrenten sollen bereits die Finger nach dem Tafelsilber der Essener ausgestreckt haben.

So hat der finnische Konzern Kone jetzt offiziell sein Interesse angekündigt.Vorstandschef Henrik Ehrnrooth sagte der «Rheinischen Post» (Freitag), die Aufzugssparte von Thyssenkrupp würde perfekt zu Kone passen. Dem «Handelsblatt» (Freitag) sagte der Manager: «Beide Firmen sind sehr komplementär aufgestellt.» Sorge vor einem Veto der EU-Wettbewerbshüter hat er nicht.

Durch einen Verkauf dauerhaft auf die Gewinne der Aufzugssparte zu verzichten, hält Anlegervertreter Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz nicht unbedingt für eine gute Idee. Thyssenkrupp habe viel Geld in die Sparte investiert, um sie auf das Gewinnniveau der Konkurrenz zu bringen. «Das wäre bei einem Verkauf mit einem Schlag weg.» Für einen Börsengang sei allerdings momentan auch kein besonders günstiger Zeitpunkt.

Für die Beschäftigten hat der Dax-Abstieg keine direkten Folgen. Sie sind aber von dem Konzernumbau betroffen, bei dem 6000 Arbeitsplätze gestrichen werden sollen, davon 4000 in Deutschland. Will Kerkhoff über diese Zahlen hinausgehen, droht ihm massiver Ärger mit den Beschäftigten. Betriebsbedingte Kündigungen seien «eine rote Linie», die nicht überschritten werden dürfe, haben IG Metall und Betriebsräte frühzeitig gewarnt.

Für Wirtschaftshistoriker Plumpe, der eine Geschichte des Kapitalismus («Das kalte Herz») geschrieben hat, ist der Abstieg von Thyssenkrupp «auch eine Art Lehrstück, dass unter kapitalistischen Bedingungen nur der Wandel sicher ist». Das Schicksal der Schwerindustrie könne sich «in anderen Branchen leicht wiederholen».

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David Hermann 07.09.19 12:00
Old Economy verpasst die Zukunft ...
Interessanter Artikel. Doch das Thyssenkrupp-Problem liegt tiefer als bloss in einigen falschen Manager- und Politiker-Entscheidungen. Das Elend kommt auf Katzenpfoten und ist kulturimmanent: Unser Kulturkreis stellt Werte wie "Sicherheit" und "Bescheidenheit" vor "Pioniergeist" und "Erfolgswillen". Daraus resultiert ein kleingeistiges "weiter wie bisher aufm Trampelpfad, bloss besser", unterfuettert mit niedrigen Innovationsbudgets und Risikobereitschaft der Eigentuemer. Wer sich die zahlreichen Patente unseres Kulturkreises naeher ansieht erkennt, dass es sich fast ausschliesslich um sog. "Inkrementalerfindungen" handelt, also winizige Verbesserungen bestehender Konzepte. Dass radikale Innovationen, disruptive Technologien und saemtliche Industriellen Revolutionen seit Jahrhunderten von anderswo (den "dummen Amis") kommen, haben wir uns laengst gewoehnt. Daran sind auch die Konsumenten schuld, die erst gegen den Kat waren, dann gegen E-Autos und "Alexa" und bis heute gegen autonomes Fahren - als koennten wir den Fortschritt durch Aussitzen aufhalten. Die drei wertvollsten Unternehmen der Welt (Microsoft, Amazon, Google) besitzen keine einzige Fabrik und koennten doch aus ihrer Kampfkasse saemtliche (!) DAX-Unternehmen kaufen, tun das jedoch nicht. Warum? This is Old Economy. Rauchende Fabrikschloete war gestern ... die ziehen naemlich dem geographischen Lebenszyklus folgend gen Niedriglohnlaender. Wer dabei zu spaet kommt, den bestraft eben das Leben.