PHNOM PENH: Der Fall des Tycoons Chen Zhi erschüttert die südostasiatische Geschäftswelt. Der Gründer der mächtigen Prince Holding Group wurde am Mittwoch nach China ausgeliefert, nachdem ihm zuvor die kambodschanische Staatsbürgerschaft per königlichem Dekret entzogen worden war. Dem 37-jährigen wird vorgeworfen, von Kambodscha aus eines der weltweit größten Netzwerke für Online-Betrug und Geldwäsche gesteuert zu haben.
Die Festnahme erfolgte im Rahmen einer großangelegten Kooperation zwischen kambodschanischen und chinesischen Behörden. Neben Chen Zhi wurden zwei weitere chinesische Staatsbürger festgenommen und überstellt. Dem Zugriff waren monatelange Ermittlungen vorausgegangen, die das Ausmaß der kriminellen Aktivitäten der Prince Group ans Licht brachten.
Zwangsarbeit und Milliarden-Betrug im großen Stil
Die Vorwürfe wiegen schwer: Die US-Justiz hatte bereits im Oktober 2024 Anklage gegen Chen erhoben. Er soll in Kambodscha regelrechte „Betrugs-Fabriken“ betrieben haben. In diesen bewachten Komplexen wurden hunderte von Menschenhandel betroffene Migranten festgehalten und unter Androhung von Gewalt dazu gezwungen, Internetbetrug zu begehen.
Besonders perfide war die Methode des sogenannten „Pig Butchering“. Hierbei bauten die Täter über Monate hinweg Vertrauen zu ihren Opfern im Internet auf, nur um sie am Ende zur Investition in manipulierte Kryptowährungs-Plattformen zu bewegen. Die Verluste gehen weltweit in die Milliarden.
Die Thailand-Connection
Bangkok schlägt zurück: Auch in Thailand hinterließ das Netzwerk von Chen Zhi eine Spur der Verwüstung. Die thailändische Cyber-Polizei und die Geldwäschebehörde AMLO führten im Dezember 2025 massive Razzien durch. Dabei wurden Vermögenswerte im Wert von über 10 Milliarden Baht beschlagnahmt, darunter Luxusvillen in Bangkok und Phuket sowie Anteile an thailändischen Unternehmen. Thailand verdächtigte die Prince Group schon lange, thailändische Staatsbürger in kambodschanische Grenzstädte wie Poipet gelockt und dort zur Arbeit in Scam-Zentren gezwungen zu haben.
Internationale Jagd auf das Vermögen der Prince Group
Nach der US-Anklage und Sanktionen aus Washington und London im vergangenen Jahr geriet das Firmengeflecht der Prince Holding Group global unter Beschuss. In Singapur wurden bereits im Oktober 2025 Vermögenswerte in Höhe von über 150 Millionen Singapur-Dollar beschlagnahmt, darunter Immobilien, Bankkonten und Bargeld.
Auch in anderen Finanzzentren wie Hongkong und Taiwan wurden Konten eingefroren und Dutzende Verdächtige festgenommen. Das US-Justizministerium spricht von einer der größten Finanzbetrugs-Zerschlagungen der Geschichte. Allein die beschlagnahmten Bitcoins haben einen aktuellen Gegenwert von rund 11 Milliarden US-Dollar.
Vom Berater des Premierministers zum Staatsfeind
Der tiefe Fall von Chen Zhi ist deshalb so bemerkenswert, weil er in Kambodscha den Ehrentitel „Neak Oknha“ trug und offizieller Berater der Regierungsspitze war. Die Prince Group war in fast allen Sektoren des Landes präsent, von der Prince Bank bis hin zu riesigen Immobilienprojekten wie der Prince Plaza in Phnom Penh.
Noch vor kurzem bezeichnete die Unternehmenswebsite Chen als „angesehenen Philanthropen“. Dass die kambodschanische Regierung nun so konsequent durchgegriffen hat, deutet auf einen massiven internationalen Druck hin, insbesondere aus Peking und Washington, die das Land dazu drängten, die grassierende Internetkriminalität einzudämmen.
Ein Signal an die gesamte Region Südostasien
Beobachter werten die Auslieferung als klares Signal an andere Betreiber von Online-Scam-Zentren in Laos, Myanmar und Kambodscha. Bisher konnten sich viele Hintermänner durch politische Verbindungen und Bestechung vor dem Zugriff der Justiz schützen. Der Entzug der Staatsbürgerschaft und die direkte Übergabe an China zeigen, dass dieser Schutzschirm Risse bekommt.
Für Kambodscha steht viel auf dem Spiel. Das Land kämpft seit Jahren gegen den Ruf, ein sicherer Hafen für kriminelle Syndikate zu sein. Die Zusammenarbeit mit China bei der Auslieferung von Chen Zhi könnte ein erster Schritt sein, um das internationale Ansehen und das Vertrauen von Investoren zurückzugewinnen.
Chinas Druck und die Hoffnung der Opfer
Die aktuelle Verhaftungswelle wird maßgeblich durch die wachsende Verärgerung Chinas über den massiven Kapitalabfluss und die Schädigung eigener Bürger durch Online-Betrug in Südostasien vorangetrieben. Peking hat den diplomatischen und polizeilichen Druck auf seine Nachbarstaaten massiv erhöht, um die Drahtzieher hinter diesen Organisationen endlich dingfest zu machen.
Zukünftig ist fest damit zu rechnen, dass weitere hochrangige Geschäftsleute mit zweifelhaften Verbindungen verstärkt unter Beobachtung der internationalen Fahnder geraten. Für die Millionen Betrugsopfer weltweit besteht nun erstmals die reale Hoffnung, dass zumindest Teile der beschlagnahmten Milliardenbeträge für Entschädigungen verwendet werden können. Der bevorstehende Prozess gegen Chen Zhi in China wird zweifellos weitere Details über die tiefen Verflechtungen zwischen organisierter Kriminalität und regionalen Wirtschaftseliten ans Licht bringen.
Quellen zum Artikel: Interior Ministry of Cambodia, US Department of Justice, Channel News Asia (CNA), Singapore Police Force (SPF), AMLO Thailand.