Neulich, am Strand: Der Jungbrunnenclub Pattaya

„Bei euch läuft doch jeder Tag gleich ab“, reklamiere ich in die Runde. Mit einigen Kollegen versammeln wir uns zum allabendlichen Sonnenuntergangsritual am Strand. Gerade habe ich wieder einmal so erfrischende Erzählungen über Herzkatheter, Knieoperationen und unfähige Mitarbeiter in irgendeinem Betrieb vernehmen können. Gekrönt wurde es mit einer anschließenden kollektiven Stänkerei über die zu knappe Rente, mit der man immer weniger weit kommt. Immer dasselbe. Nur die Krankheiten sind ständig andere. Oh, Mann!

„Wieso? Ist da was falsch?“, meint einer. „Ihr motzt herum, was alles scheisse läuft, die horrenden Preise für euer Bierchen und was Mutti zu Hause alles besser machen sollte“, erkläre ich meinen Unmut. „Jo, klar. Was sollten wir denn anderes tun?“, kommt prompt zurück. „Na, statt tagtäglich um 10 Uhr pünktlich am Swimmingpool aufzukreuzen, um im Schatten die immer gleichen Kreuzworträtsel zu lösen und anschließendem Mittagsschläfchen, könnte man auch mal was Geistreicheres tun.“ „Jo, klar. Was denn?“, meint derselbe. „Ihr könntet zum Beispiel einen Club gründen“, schlage ich vor. „Jou. Was für einen Club?“ „Na, einen wo ihr eure Zeit sinnvoller verwenden könnt. Strengt doch mal eure Hirne an, wenn ihr da oben noch Reste vorfindet“, ereifere ich mich und tippe an die Schläfe. „Jaaa, ich hab’s. Er meint, wir sollten mal was Kreatives machen. Nicht?“, springt mir ein anderer zur Seite. „Ja, genau. Einen Rentnerclub zum Beispiel. Rentner wird es ja hier wohl genügend geben. Da wird es wohl kein Problem sein, einen Freizeitclub zu gründen“, rege ich an. „Na, aber jeden Trottel wollen wir auch nicht dabei haben“, bremst unser Alter mit dem Bart. „Na, dann stellt mal Aufnahmekriterien auf. Die könnt ihr ja selber bestimmen“, kontere ich. „Also, keine Aufnahmekriterien wären saufen und blöd daher lamentieren. Das können alle.“ Alle nicken zustimmend. „Wir könnten bestimmen, dass man Glatze haben, einen Mindest-BMI von 32 + haben und Ü-60 sein muss, um bei uns mitmachen zu können“, wird vorgeschlagen. „Tönt nicht schlecht. Einen Mindest-IQ würde ich aber nicht fordern. Da hätten wir schnell keine Kandidaten mehr“, entgegne ich. Das Lachen bestätigt mich, dass die Herren nun begriffen haben, was ich meine. Wenn Intelligenz ein Kriterium wäre, könnten wir die Idee gleich wieder begraben. „Hier findest du keine schlaueren Kerle als uns“, will einer wissen. „Ich bin Toupet-Träger. Kann ich dann auch mitmachen?“, fragt einer aus der hinteren Reihe. Gelächter. „Was? Deine Haare sind nicht echt? Wenn das nicht ein Fake ist. Komm her und zeig uns mal deine wahre Schönheit“, wird er gleich aufgezogen. „Oben nackt zu sein hat doch auch seine Reize“, streiche ich mir über meine Platte. „Jou. Und was tun wir denn in unserem Club?“, will unser Erster wissen.

Massagekurs und Stangentanz

„Wir könnten zum Beispiel eine Massage nur für Damen führen. Anleitungen geben, wie man einer Lady gekonnt den Rücken massiert. Das ist kostbares Insiderwissen. Was glaubt ihr, wie viele unbeholfene Typen solche Tipps benötigen?“ „Aha. Auch anderes, außer dem Damenrücken?“ Ich sehe ein Leuchten in seinen Augen. „Ich sehe schon. Bei dir wirkt die Verjüngung schon. Dein Hirn fängt wieder mit Tätigkeiten an, die schon lange nicht mehr aktiv waren“, lache ich laut. „Ich schlage vor, einen Kurs anzubieten: Tabledance für 70-jährige und ältere Farangs. Das hält die Gelenke beweglich“, ruft der Toupet-Träger. „Oder einen Grundkurs in „an der Stange tanzen“, wäre doch auch nicht schlecht“, wird aufgeworfen. „Stangentanzen findest du in jedem Schuppen in Pattaya. Das ist nix Neues“, wende ich ein. „Jou, schon. Aber nicht für 140 Kilo schwere Farangs. Das haste noch nicht gesehen“, amüsiert er sich. „Na, ich weiß nicht, ob ich das wirklich sehen will. Deine nackte Wampe im Rhythmus geschüttelt von „Je t’aime, moi non plus“? Da wird sich die Stange verbiegen.“ „Ho, Hoo! Das wäre was“, klatscht der Danebenstehende, und macht gespielt gleich mal vor, wie sich das ansehen würde.

Ich erkenne, dass ich mir selber eingestehen muss, ich bin vermutlich mit meiner Idee gescheitert. Aber so richtig daran geglaubt habe ich ja eh nicht. Was soll es. Es war zumindest ein unterhaltsamer Nachmittag. „Komm, ich lade dich zu einem Glas Wasser ein“, tröstet mich der „Jou“. „Wenn es mit Hopfen und Malz behandelt ist, gerne“, antworte ich und mache mich mit ihm auf, die Runde zu verlassen. „Jou. Weißte. Du hast immer so lustige Ideen. Aber das wäre doch schon was, der Rentnerklub.“ Er klopft mir auf die Schulter. Wir ziehen ab. „Danke, dass du das sagst. Es ist schon blöd, wenn man dauernd selber sagen muss, wie gut man ist!“ Lachend gehen wir in die nächste Bar.

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André Brunner 24.06.18 14:40
Der Jungbrunnenclub Pattaya
Schade, dass ihr gleich so schnell diese Idee aufgegeben habt. Diese Initiative fand ich toll.