Neulich, am Strand: Baden in der Minestrone

„Ist dir auch schon aufgefallen, dass es nach einem Regen so viele kleine Fliegen und Insekten hat, die so lästig um dich herumschwirren?“, werde ich von meinem Kollegen Hajo gefragt. Und er fügt hinzu: „Dauernd umkreisen sie mich, immer vor den Augen und um den Kopf herum. Sie krabbeln auf meinen Beinen und Füßen herum und verheddern sich dabei in der Beinbehaarung. Und die lästigen Viecher lassen sich auf meiner Glatze genauso nieder, wie auf meinem Bauch oder, natürlich, auf meinem Bierglas!“ Ich sehe schon, mein Gegenüber ist sichtlich aufgebracht.

„Nun, ich denke, die Fliegen mögen totes Fleisch. Vermutlich riechst du nach Verwesung. Deswegen ziehst du sie an“, lache ich. „Na, hör mal“, protestiert Hajo. „Ich stinke doch nicht. Ich bin frisch geduscht. Lass mich mal an deinen Achselhöhlen riechen.“ Ich bin amüsiert. „Zu mir kommen die Brummer zwar nicht. Aber komm her, du darfst sniffen, wenn du willst.“ Hajo prostet mir grinsend zu. „Also, ich gehe ab und zu zur Fußmassage. Da werden wenigstens meine Füße gewaschen. Nur der Käsegeruch kommt stets schnell zurück. Vermutlich wegen meinen alten Schuhen. Sie sind aber erst dreieinhalb Jahre alt“, schaltet sich Dieter ein und setzt sich zu uns. Dieter hat unsere Unterhaltung mitverfolgt. „Aha. Dann seid ihr ja Experten“, folgere ich. „Dann kann ich euch ja meine Erfahrungen erzählen. Wollt ihr?“ Meine Kumpels kennen meinen Ton der Ankündigung einer „todernsten Angelegenheit“. Na klar, wollten sie.

Fußmassage mal anders

„Ok. Letzte Woche lag ich am Pool und genoss das Nichtstun, als sich eine große Fleischfliege auf meinem großen Zeh niederließ. Normalerweise hätte ich das Vieh erschlagen oder gleich weggescheucht. Doch dieses Exemplar war wirklich groß und ich beobachtete es erst einmal ein wenig, was es denn macht. Mit dem Rüssel betas­tete es den Zeh, dann putzte es sich die Flügel, wanderte dann zu den anderen Zehen. Dabei kostete es bei allen Zehen etwas, immer mit dem Rüssel.“ Hajo und Dieter lehnen sich zurück und hören entspannt zu. „Da kommt wieder etwas“, stubst Dieter Hajo mit dem Ellenbogen an. „Fußmassage mal anders“, gibt Hajo zurück. „Seid ruhig. Ihr verpasst das Wesentliche! Es war nämlich so, dass diese Fliege sprechen konnte! Wie ich sie nämlich verscheuchen wollte, flog sie auf, umschwirrte meinen Kopf und sagte zu mir: „Warum haust du Löcher in die Luft, um mich zu verscheuchen, du kriegst mich ja doch nicht. Zudem habe ich dir nichts zuleide getan, außer, dass ich von deinem Käse an den Zehen etwas abgeraspelt habe. Und von dem Käse hast du ja genügend.“ Ich war perplex eine sprechende Fliege anzutreffen. Aber ich antwortete ihr: „Ihr, Fliegen, folgt doch eurem Geruchsinn. Je mehr es stinkt und nach totem Fleisch riecht, ist es für euch interessanter. Also, was hockst du auf meinen Füßen? Ich habe doch erst geduscht und rieche nach Veilchenduft. Sollte ich vielleicht lieber Lavendel nehmen?“ Darauf fiepst die Fliege durch den Rüssel: „Ich bevorzuge andere Geschmacksrichtungen!“ „Ach, ja? Welche denn?“, will ich wissen. Worauf die Fliege: „Also, Menschenpisse riecht ganz gut, oder Hundekacke ist auch nicht schlecht. Die Geschmäcker sind halt verschieden.“ Meine Zuhörer lachen laut heraus. „Und im Laden zu kaufen brauchst du das auch nicht. Das triffst du hier überall auf Schritt und Tritt. Im wahrsten Sinne des Wortes!“ „Wie geht es weiter?“, will Dieter wissen. Ich winke die beiden näher an mich heran. „Hört zu, was die Fliege mir noch erzählt hat: „Manchmal schlürfe ich an einem Haufen, der am Strand oder auf der Straße herumliegt, und fliege dann zur Nachspeise ins Restaurant gegenüber. Da hocke ich mich dann auf einen Tellerrand von einem Menschen, der gerade fertig ist mit Essen und genehmige mir einige Schlucke. Doch werde ich meistens gleich wieder weggescheucht. Dabei seid ihr Menschen doch so liebe Kreaturen. Ihr verköstigt uns Fliegen, Kakerlaken und Ratten mit allen guten Speisen, die für euch zwar nur noch Abfälle sind, für uns aber den Garten Eden bedeuten. Wir sind ja noch so froh, dass ihr das Zeug einfach hinwerft und nicht, wie in Europa, in die Container entsorgt. Ganze Generationen von Ratten und Kakerlaken sind von eurem Wohlwollen abhängig. Das wollte ich dir sagen. Denn du musst wissen (die Fliege krabbelte ganz nahe an mein Ohr): „Schau dir den Strand an. Ihr sagt, es sei eine einzige große Kloake. Für euch Menschen vielleicht, aber nicht für uns, Kostverwerter! Für mich ist es ein einzig großer Teller feinster Suppe! „Minestrone à la Pattaya“, sozusagen. Nur, das einzige was mir nicht gefällt, ist, dass ihr Menschen in unserem Essen baden wollt. Ab und zu einen Nichtschwimmer zu fressen ist aber ok! Die Ratten müssen ja auch von etwas leben. Und zwischendurch darf es ruhig mal was Besonderes geben.“ Hajo und Dieter schauen sich an. „Ist der noch zu retten?“, scheinen sie sich zu fragen. Da setzt sich eine Fliege auf das Knie von Hajo. „Hau ab! Du elendes Vieh. Noch lebe ich“, raunzt er und verscheucht das Tier.

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