Flaute: Deutsche Wirtschaft zwischen Bangen und Hoffen

Eine Mitarbeiterin von Continental arbeitet in der Endmontage der Produktion von Elektromotoren bei der Conti Temic microelectronic Gmbh. Foto: Daniel Karmann/Dpa
Eine Mitarbeiterin von Continental arbeitet in der Endmontage der Produktion von Elektromotoren bei der Conti Temic microelectronic Gmbh. Foto: Daniel Karmann/Dpa

FRANKFURT/MAIN (dpa) - Europas größte Volkswirtschaft steckt im Abschwung. Auch 2020 wird kein leichtes Jahr für Deutschland, sagen Ökonomen voraus. Was bedeutet das für Beschäftigte, Unternehmen und Verbraucher?

Der jahrelange Aufschwung in Deutschland ist vorerst beendet. Internationale Handelskonflikte, die Abkühlung des Welthandels und die Brexit-Hängepartie bremsen vor allem die exportorientierte Industrie. Daran dürfte sich auch 2020 zunächst nicht viel ändern. «Es wird ein schwieriges Jahr. Dem wird sich auch Deutschland nicht entziehen können», sagt LBBW-Chefvolkswirt Uwe Burkert voraus. Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen (Wirtschaftsweise) erwartet frühestens im Jahresverlauf 2020 eine Belebung der Konjunktur. Es gibt aber auch Lichtblicke.

BESCHÄFTIGTE: Bislang trotzt der Arbeitsmarkt der Konjunkturflaute. Zuletzt gab es erste Bremsspuren - der Rückgang der Arbeitslosigkeit verlangsamte sich. Dennoch zeigte sich der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele zuversichtlich: «Wir gehen davon aus, dass es keine konjunkturelle Krise, sondern eine Delle ist.» Zwar sorgen große Konzerne wie BASF, Thyssenkrupp oder die Deutsche Bank mit dem Abbau Tausender Stellen für Schlagzeilen. Nach Einschätzung der Wirtschaftsweisen und anderer Volkswirte wird die Arbeitslosenquote insgesamt 2020 aber nur leicht von 5 Prozent auf 5,1 Prozent steigen.

Nach wie vor suchen viele Unternehmen - vor allem kleinere und mittlere - händeringend Fachkräfte. Sie versuchen daher, Mitarbeiter auch in schwierigeren Zeiten zu halten, zum Beispiel mit Kurzarbeit. «Mit den üppig gefüllten Arbeitszeitkonten und den großzügigen Regelungen zum Kurzarbeitergeld stehen auch diesmal wirksame Instrumente bereit, die sogar in der schweren Rezession des Jahres 2009 einen Einbruch der Beschäftigung verhindert haben», argumentiert Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

VERBRAUCHER: Wegen der nach wie vor guten Lage auf dem Arbeitsmarkt bekommen die meisten Verbraucher bislang noch nicht viel von der Konjunkturflaute zu spüren. Dank der vergleichsweise niedrigen Inflation haben Beschäftigte sogar mehr von den jüngsten Lohn- und Gehaltserhöhungen. Hinzu kommen die historisch niedrigen Zinsen, die die Budgets der privaten Haushalte entlasten. Daran dürfte sich auch 2020 nicht viel ändern. Ein deutlicher Anstieg der Verbraucherpreise wird nicht erwartet, ein baldiges Ende der Zinsflaute im Euroraum ist nicht in Sicht. Haben die Menschen mehr Geld zur Verfügung, stärkt das ihre Kaufkraft. Das kann den Konsum ankurbeln. Auch im kommenden Jahr wird der Privatkonsum nach Einschätzung von Ökonomen die Konjunktur in Europas größter Volkswirtschaft stützen.

INDUSTRIE: Kräftigen Gegenwind spürt dagegen die deutsche Industrie. Internationale Handelskonflikte und die Brexit-Hängepartie belasten vor allem Unternehmen, die viel ins Ausland liefern. Der Welthandel schwächelt, verunsicherte Kunden halten sich mit Bestellungen zurück. Bei Industrieunternehmen gehen weniger Aufträge ein. Die Folge: Die Produktion muss heruntergefahren werden. Der Industrieverband BDI rechnet damit, dass die Industrieproduktion in Deutschland 2019 um insgesamt vier Prozent schrumpft.

Die Flaute trifft vor allem exportorientierte Schlüsselbranchen wie den Auto- und Maschinenbau sowie die Elektro- und Chemieindustrie. Die Maschinenbauer rechnen auch 2020 nicht mit einer durchgreifenden Besserung. «Für die kommenden Quartale wird entscheidend sein, ob sich die internationale Lage tatsächlich wieder etwas entspannt», meint DZ-Bank-Volkswirt Michael Holstein. Erste Signale dafür gebe es.

BANKEN: Die Abkühlung der Konjunktur könnte die von Niedrigzinsen gebeutelten Kreditinstituten vor zusätzliche Probleme stellen. Sie müssen möglicherweise mehr Geld beiseitelegen für den Fall, dass Kunden ihre Kredite nicht mehr bedienen können. Bayerns Sparkassenpräsident Ulrich Netzer warnte jüngst, dass mit der Konjunkturabschwächung voraussichtlich die notleidenden Kredite bei den kommunalen Geldinstituten zunehmen könnten. «Die Frage wird sein: Wie schwerwiegend wird das?» Er sehe in Bayern noch keine Sparkasse mit roten Zahlen. «Aber die nachlassende Konjunktur ist eine weitere Zutat für einen bitteren Cocktail. Dies alles verengt unsere Spielräume, um ausreichende Erträge zu erwirtschaften.» Während der Finanzkrise in den Jahren nach 2008 waren viele Kreditnehmer nicht mehr in der Lage, ihre Darlehen zurückzuzahlen, etwa wegen des Verlusts ihres Arbeitsplatzes oder wegen Unternehmensinsolvenzen.

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