Klimawandel macht Mali-Einsatz noch gefährlicher

Ein Soldat der Bundeswehr steht am Flughafen nahe des Stützpunktes in Gao im Norden Malis. Foto: Michael Kappeler/dpa
Ein Soldat der Bundeswehr steht am Flughafen nahe des Stützpunktes in Gao im Norden Malis. Foto: Michael Kappeler/dpa

GAO, MALI: Schwelende Hitze, zunehmende Dürren und Überschwemmungen. Das Wetter im Norden Malis, wo die Bundeswehr als Teil einer UN-Friedensmission im Einsatz ist, ist extrem. Der Klimawandel könnte den gefährlichsten Einsatz deutscher Soldaten noch riskanter machen.

Bei der frühmorgendlichen Befehlsausgabe im Bundeswehrlager im Norden Malis misst das Thermometer bereits fast 40 Grad Celsius. Dabei ist noch nicht mal die Sonne aufgegangen. Außerhalb der klimatisierten Zelte erwartet die Soldaten eine öde Wüstengegend aus rötlichem Sand, steinigen Straßen und dornigen Sträuchern. Schatten gibt es kaum.

«Unter diesen Bedingungen strengt es teilweise sehr an, konzentriert zu bleiben», schreibt die Bundeswehr, die im Camp Castor am Rande der Stadt Gao rund 950 Soldaten als Teil der UN-Friedensmission Minusma stationiert hat, in einem Lagebericht. «Das Klima ist eine hohe Belastung», bestätigt Oberstleutnant Germar Lacher der Deutschen Presse-Agentur per Feldtelefon aus Gao. Besonders bei Patrouillen und Aufklärungseinsätzen erschwerten extreme Wetterbedingungen Truppenbewegungen und Logistik.

Staub, Steine, Hitze und UV-Belastung stellten eine besondere Herausforderung an das Material, sagt Lacher. Der feine rote Staub findet seinen Weg in die kleinsten Ritzen. Das bedeutet ständige, gründliche Reinigung und Wartung, teilweise in verschlossenen, gekühlten Zelten. «Die Wartung ist grundsätzlich wesentlich höher, als wie wir es in Deutschland kennen. Der technische Dienst muss besonders sorgfältig sein», erklärt Lacher. Daher habe die Ersatzteilversorgung in Mali hohe Priorität.

Doch was tun, wenn der Klimawandel die Bedingungen noch extremer macht? Schon heute gilt der Einsatz in der ehemaligen französischen Kolonie, die zu zwei Dritteln aus Wüste besteht und rund dreieinhalb Mal so groß ist wie die Bundesrepublik, als der gefährlichste der Bundeswehr. Experten warnen, klimatische Veränderungen könnten ihn noch härter und riskanter machen.

Für die Bundeswehr ist die Antwort simpel, sagt Lacher: Man müsse die Ausrüstung weiter anpassen. Schon heute tragen die Soldaten speziell für die Wüstenregion entwickelte Uniformen. Zur Einsatz-Vorbereitung gehören Fahrtraining im Sand sowie der Umgang mit Hitzeschäden. Soldaten sind angewiesen, fünf Liter am Tag zu trinken. Aufgrund der überdurchschnittlichen körperlichen Belastung, die das extreme Klima mit sich bringt, werden Mineralien und Vitamine bereitgestellt.

Für die Bevölkerung in Mali ist die Anpassung an den Klimawandel jedoch wesentlich schwerer umsetzbar. Auch birgt er größere Gefahren. Zunehmende Wetterkatastrophen wie Dürren und Fluten führen schon heute zu Wasser- und Lebensmittelknappheit, warnen Experten. Weide- und Ackerland schwinden, die Wüste dringt vor. Das schürt auch Konflikte um Acker- und Weideland und zwischen Volksgruppen.

Schwache Regierungsführung habe die Herausforderungen verschärft, Sicherheit untergraben und lokale Missstände und sozio-ökonomische Marginalisierung verstärkt, analysiert das Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut SIPRI. Dies wiederum erleichtere es kriminellen und extremistischen Gruppen, in der Region zu agieren und Kämpfer zu rekrutieren - nicht nur in Mali, auch in anderen Ländern der Sahelzone wie Niger und Burkina Faso.

Lucia Santabarbara, Analystin beim Internationalen Institut zur Terrorismusbekämpfung (ICT), beschreibt den Klimawandel in der Sahelzone als «eine der gefährlichsten Bedrohungen des 21. Jahrhunderts». Extremisten nutzten die zunehmende Instabilität, um mehr Macht und Kontrolle in der Region zu erlangen, so Santabarbara. Einige Gruppen hätten Teile der Bevölkerung aufgerufen, sich ihnen im Tausch gegen Schutz und «humanitäre» Hilfe anzuschließen.

Mali befindet sich seit fast einem Jahrzehnt in einem langwierigen Konflikt, in dem Anschläge und Kämpfe zwischen Terrorgruppen, Rebellen und Regierungstruppen weite Teile des Landes destabilisieren. Der Krisenstaat mit rund 20 Millionen Einwohnern hat seit 2012 drei Militärputsche erlebt und gilt als politisch äußerst instabil. Seit dem bisher letzten Putsch im Mai wird das Land von einer militärischen Übergangsregierung geführt. International ausgehandelte Versprechen, bis Februar 2022 demokratische Wahlen abzuhalten, scheinen leer auszugehen.

Die Zahl der Menschen, die in Mali aufgrund von Konflikten und einer sich verschärfenden Klimakrise vertrieben wurden, hat sich in den letzten zwölf Monaten vervierfacht. Aktuell seien mehr als 400.000 Menschen auf der Flucht, warnt die Hilfsorganisation Care. Eine drohende Dürre könne die Nahrungsmittelkrise weiter verschlimmern. Schon heute seien mehr als eine Million Malier von Hunger bedroht.

«Wir haben in den letzten Jahren einen Anstieg der Temperaturen . und eine Zunahme extremer Wetterereignisse wie Überschwemmungen und Dürren erlebt», bestätigt Lemba Bisimwa, Projektleiterin für das Internationale Komitee des Roten Kreuzes in Mali. Im vergangenen Jahr seien 80.000 Menschen von Überschwemmungen betroffen gewesen. Es werde immer schwieriger, Menschen in konfliktbetroffenen Landesteilen ausreichend mit Wasser zu versorgen.

Die Vereinten Nationen haben den Klimawandel als systematisches Risiko für friedensfördernde Einsätze erkannt. Bereits bei der Mandatsverlängerung für die Minusma 2018 wies die UN auf den Klimawandel als Sicherheitsbedrohung und Hindernis für die Blauhelme hin. Was das konkret für den tagtäglichen Einsatz und den Kampf gegen den Terror in Mali bedeutet, wird die Zukunft erweisen.

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