Das Dilemma mit den Löchern im Emmentaler

​Alles Käse 

Käser Diego prüft im Reifekeller einen Käselaib. Die neuen US-Zölle von 39 Prozent setzen Schweizer Exporte spürbar unter Druck. Foto: epa/Til Buergy.
Käser Diego prüft im Reifekeller einen Käselaib. Die neuen US-Zölle von 39 Prozent setzen Schweizer Exporte spürbar unter Druck. Foto: epa/Til Buergy.

BIRWINKEN: Weil die Schweizer Milch heutzutage so sauber ist, haben Hersteller von Emmentaler Käse Probleme mit den Löchern. Aber es ist eine Lösung da.

Jahrelang haben Schweizer Käser Ärger mit den Löchern im Emmentaler Käse gehabt: entweder es gab zu wenige oder sie waren zu groß, was bei der Qualitätsbegutachtung Einbußen bringt. Das Problem war kurios: Die Milch ist zu sauber. Seit 2025 ist aber eine Lösung auf dem Tisch - in Form von «Lochansatzpulver». Eine Rettung, wie Käsermeister Andreas Brunner (58) in Birwinken unweit des Bodensees sagt: «Ich bin sehr froh, dass es dieses Pulver gibt». Was es mit dem Käselöcherproblem auf sich hat.

Wieso sind die Löcher nicht das, was sie früher mal waren?

Das Rätsel um die schwindenden Löcher hat zahlreiche Expertinnen und Experten beschäftigt - bis die schweizerische Forschungsstelle Agroscope 2015 feststellte: Die Milch ist für die Lochbildung zu sauber. Als Kühe noch von Hand gemolken wurden, gerieten im Stall winzige Heustaubpartikel in die Milch. Wenn daraus Emmentaler gemacht wurde, setzte das Kohlendioxidgas, das beim Reifeprozess des Käses entsteht, an den Heupartikeln an. So kommt es zu den Löchern, weil das Gas durch die Rinde nicht entweichen kann.

«Ich hatte über die Jahre immer weniger Löcher», sagt Brunner. Er führt den 1971 von seinen Eltern gegründeten Betrieb mit seiner Frau Svetlana. Im blitzsauberen Familienbetrieb stellen sie jeden Tag sechs riesige runde Käselaibe à etwa 90 Kilogramm her. Ihr Sohn (18) macht gerade eine Käser-Lehre.

Warum sind die Löcher denn so wichtig?

Ein Emmentaler ohne Löcher ist wie ein Wald ohne Bäume. Natürlich ändern die Löcher selbst am Geschmack des Käses nichts, wohl aber der Prozess, der die Löcher entstehen lässt. Bei der Emmentaler-Herstellung werden wenige Tropfen mit Kulturen von Propionibakterien zugesetzt. Das sorgt beim Reifen nicht nur für das Kohlendioxidgas, sondern auch für den typischen nussigen Geschmack. Für die Löcher gibt es genaue Vorschriften: «Regelmäßige, saubere, runde bis leicht ovale Lochung, mehrheitlich 2 bis 4 Zentimeter groß.»

Warum streut man nicht einfach ein paar Heupartikel hinein?

«Unmöglich», sagt Käser Brunner. Es gibt ein Pflichtenheft, und wer das Gütesiegel des Verbandes Emmentaler Switzerland haben möchte, muss sich genau daran halten. In dem Heft steht, was neben der Rohmilch beim Käsemachen in den Kupferkessel darf. Von Heupartikeln ist da keine Rede.

Der Verband musste bis vor das Bundesverwaltungsgericht ziehen, um das zu ändern. Das Bundesamt für Landwirtschaft vertrat die Ansicht, zusätzliche Verarbeitungshilfsstoffe würden zu einer Industrialisierung des Produkts führen - auch wenn die Käser sagen: Heupartikel waren doch immer drin. Erst im April 2025 fiel das Urteil, mit der Anweisung, «Lochansatzpulver» als Hilfsstoff zuzulassen.

Was ist Lochansatzpulver?

«Es ist nichts anderes als das, was in der Natur wächst und früher auch Bestandteil der Milch war», sagt Brunner. Das Pulver besteht aus gemahlenen Bioheublumen. Ihm reicht für 500 bis 600 Kilogramm Käse eine winzige Messerspitze Pulver. «Bei mir ist es besser geworden mit den Löchern», sagt er.

Wie viele es ihm gleichtun, ist unbekannt. Der Verband macht keine Erhebungen dazu, wie Direktor Urs Schluechter sagt. Emmentaler-Hersteller im Allgäu sagen, sie setzten kein Lochansatzpulver bei der Herstellung ein.

Es sei auch noch zu früh für eine klare Beurteilung, sagt Schluechter: «Auf Basis unserer Qualitätsbeurteilungen konnten bisher keine generellen Unterschiede in der Lochqualität festgestellt werden, die eindeutig auf den Einsatz oder Verzicht auf Lochansatzpulver zurückzuführen wären.»

Warum sind die Schweizer Käser sauer auf die EU?

Die Schweizer sind 2025 damit gescheitert, für Emmentaler in der EU die Anerkennung als geschützte Ursprungsbezeichnung zu bekommen - obwohl der Käse aus dem Emmental östlich von Bern stammt. Mit der Anerkennung dürfte er nur noch in der Schweiz hergestellt werden.

Die EU-Kommission findet, der Name sei nur ein Begriff für eine bestimmte Käsesorte. Sie schützt damit EU-Produzenten, denn Emmentaler wird etwa auch in Deutschland, Österreich oder Frankreich hergestellt, und das meist deutlich billiger. Die Schweizer sprechen nur von «ausländischen Kopien» und «Großlochkäse». Der Verband hat gegen den EU-Bescheid Berufung eingelegt.

Was bedeutet das für die Schweizer Emmentaler-Käsereien?

Der Emmentaler Export geht seit Jahren zurück, nach Deutschland seit 2020 etwa um mehr als 20 Prozent, wie aus den Zahlen des Dienstleisters TSM im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums hervorgeht. Der Verband stabilisiert die Preise durch Mengensteuerung, heißt: Er lässt heute rund 25 Prozent weniger produzieren als noch vor fünf Jahren. 2025 waren es nach vorläufigen Zahlen 12.864 Tonnen.

Für Käsereien wie die von Brunner heißt dies: die Menge Emmentaler, die er produzieren darf, nimmt stetig ab. Zusätzlich eine andere Sorte zu produzieren, wäre für einen kleinen Familienbetrieb wie seinen zu aufwendig. Deshalb muss er die Milch, die er nicht zu Emmentaler verarbeiten darf, an Großkäsereien weiterverkaufen, die andere Produkte machen.

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Pivat Märkl 04.04.26 21:50
Und wieder mal, Hr. Hunn....
... bin ich mit meinen nun 78 J. ein wenig schlauer geworden. Bis jetzt hielt ich nur einen speziellen, gut schmelzenden "Raclettkäse" und Schoko als Auflage auf die heißen Pfännchen für würdig.
Aber wir Schwaben sind halt mit unseren Spätzle als Beigabe (Kässpätzla) allzu voreingenommen. -:)

Da ich um Fertiggerichte u. - beigaben sowieso einen großen Bogen mache, steht auf dem Einkaufszettel für mein nächstes Raclette: Kartoffel, Baguette, Brokoli, Mais, Gürkchen, Aioli u.ä. als Beigabe zu Almkäse aus diverse Regionen.
Danke für die "Horizonterweiterung", wie es ein inzwischen leider verstorbener Forist immer nannte.
Hermann Hunn 04.04.26 19:20
@Pivat Märkl: Raclette
Im privaten Kreis werden überwiegend Wärmequellen eingesetzt, bei der jeder Esser sein eigenes Schmelzpfännchen mit vorgeschnittenen Portionen schmelzen lässt. Hier ist eine Palette diverser Käsesorten angesagt. Dazu reicht man neben weichgekochten Kartoffeln auch kleine blanchierte Gemüsestückchen, Pilze, Silberzwiebeln, Maiskölbchen, Cornichon etc.

Auch hier ist die Empfehlung eines Käsers dem Angebot industrieller Fertigpackungen vorzuziehen. Falls unter den Gästen solche mit Laktoseintoleranz anzutreffen sind, sollten dafür entsprechende Alternativen einbezogen werden.
Pivat Märkl 04.04.26 17:10
Norbert
Allzuoft kommt es auch auf die Stimmung an, wo was besonders gut schmeckt!
Bei unseren jährl. Rad- Touren, z.B. im frz. Beaufort- Savoyen mit ähnlichen Blumen- Bergwiesen wie in Greyerz, war es diesmal diese regionale Käsesorte, die für uns als Nobelpreis- vedächtig galt.
Norbert, dabei möchte ich deine Gastgeschenke mit ausgesuchten verschiedenen Sorten an Käsespezialitäten nicht unerwähnt lassen !!!

Da wir Deutsche für gesellschaftliche Abende gerne unkomplizierte Vorbereitung bevorzugen: eine Frage an unsere verehrte Helvetier: welcher Käse ist für ein R a c l e t t e bei euch der Favorit ?
Im Voraus schon ein Merci vilmol. -:))
Hermann Hunn 04.04.26 12:10
Alles nur Käse, …
In eine sämige Fondue-Mischung gehört Gruyere und Vacherin. Und ganz sicher nicht aus einem Fertigbeutel. Für den Wein eine Flasche trockener Weisswin, dabei Lieferanten mit Gleisanschluss unbedingt meiden.

En Güte
Michael Meier 04.04.26 12:00
@ Norbert & Pivat
Keine Ahnung was ihr für Ansprüche habt , aber Gauda und Edamer bei Makro schmecken mir ausgezeichnet. Ich esse den Käse eh nicht pur , sondern im Sandwich mit Ham und Ei . VG, Michael
Norbert Schettler 04.04.26 06:40
Pivat
Es ist schon möglich, das es in Neuseeland "vernünftigen" Käse gibt, nur, den findet man in Thailand nicht, bzw. ich finde den nicht. Das was hier ankommt, meistens aus Australien, ist auf jeden Fall nicht so toll. Somit bleibe ich bei den mir bekannten Sorten. Dazu zähle ich auch guten Camembert oder Brie, auch länger gereifter Gouda ist ok oder irgendwelche Parmesan Variationen. Ziegen- oder Schafskäse sei noch zu erwähnen...womit ich sagen will, nicht nur die Schweiz kann Käse.
Michel Maillet 04.04.26 00:30
@Märkl
Unbedingt, Gruyère over Appenzeller was Fondue anbelangt. Daher, immer eine Mischung aus beiden, mit trockenem Weißwein und Gatiamm. Den Geschmack der deutschen Freunde stelle ich mal so nicht in Frage, obwohl da die Briten gegenüber Currywurst und Leberkäse deutlich seit der Wende an Boden gewannen. Was früher mal Standard war, muss nicht zwangsläufig immer noch so sein!
Pivat Märkl 03.04.26 22:30
@ Norbert
Auch in Neuseeland gibt es prämierten Käse aus Qualitäts-Weidemilch. Leider nur für etwas betuchte Käufer.
Was den Gruyère betrifft: wer mal die Blumenwiesen in dieser Region durchwandert hat, wird erahnen, dass meine Schweizer Freunde hier diesen würzigen Käse meist als Basis für ihr Käsefondue aussuchen. Ein "Geschmackserlebnis" - oft an Silvester - das deutsche Gaumen kaum kennen.

Norbert Schettler 03.04.26 19:30
Klar,
"über" ist besser "als". Alles was aus Neuseeland oder Australien kommt und sich Käse nennt, kann man getrost vergessen.
Michel Maillet 03.04.26 19:00
Endlich
Wird hier mal "über" Käse geredet. @Schettler, Ja, Appenzeller und Gruyere, als schwachen Ersatz vielleicht ein alter Cheddar....nur vielleicht, denn auch der Emmentalerersatz aus Neuseeland ist einfach nur: Löcherlich!
Norbert Schettler 03.04.26 18:00
Emmentaler,
ja ok., esse ich auch manchmal. Geschmacklich bin ich aber eher bei Gruyere oder Appenzeller. Den bestelle ich regelmäßig in Bangkok bei meinem Käse Lieferanten. Nicht ganz billig aber man gönnt sich ja sonst nichts.
Laddawan Sukkon 03.04.26 16:20
Oft kopiert, nie erreicht ......
Ein Emmentaler aus Dänemark, Neuseeland oder weiss der Gott von wo, ist allenfalls chemtechnisch ein Emmentaler aber wer das Original kennt, weiss den Unterschied zu schätzen. Genauso verhält es sich mit vielen erfolgreichen Produkten, seien dies Läckerli - mit Kopien als Leckerli - oder die ganze Palette von helvetischer Schokolade.

Die "Kopien" sind allenfalls nicht schlecht aber erstens ersetzen sie nie das Original und zweitens - und das ist vielleicht viel wichtiger - sind sie eine reine Geschmacksache. Der Unterschied zwischen einem "parmigiano reggiano" und einem "grand padano" ist geschmacklich da; wieder andere schwören auf die schweizerische Variante, welche als "Sprinz" bekannt ist.

Die Wahl der Qual und am Schluss des Tages entscheidet der Kunde.

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