84 Jahre alter Professor im Iran gibt Interview nach Verschleppung

84 Jahre alter Professor im Iran gibt Interview nach Verschleppung

TEHERAN: Ein renommierter iranischer Professor hat sich erstmals öffentlich nach seiner mehrtägigen Verschleppung geäußert. In einem am Donnerstag publizierten Interview mit der Zeitung «Etemad» schilderte der Mediziner Dariusch Farhud Details seiner Entführung in Teheran. Als er früh morgens aus dem Haus ging, hätten zwei unbekannte Männer mit dunkler Kleidung vor einem Fahrzeug gestanden. Sie sagten: «Wir fahren mit Ihrem Auto». Die Männer bezeichnete der bekannte Professor, der als «Vater der Genetik» im Iran gilt, als höchst professionell. Wer hinter der Verschleppung stand, war zunächst unklar.

Der Fall von Farhud hat im Iran, in dem seit mehreren Wochen systemkritische Massenproteste andauern, für Aufsehen gesorgt. Üblicherweise sind ältere Menschen und Professoren in der Gesellschaft hoch angesehen. Der Fall wird daher von Kritikern als Beispiel angeführt, dass das Ausmaß an Einschüchterung im Land steigt.

Angesprochen auf den Grund seiner Entführung hätten die Unbekannten die kritischen Äußerungen des Mediziners genannt. «Menschen protestieren und kritisieren, besonders wenn der Mensch ein Lehrer ist. Es ist mein Job, zu kritisieren. Das ist meine Rolle», sagte der 84-Jährige der Zeitung weiter. Während der 36 Stunden seiner Verschleppung habe er kaum geschlafen, und er sei sehr besorgt gewesen.

Die Zeitung teilte mit, dass ein Teil des Interviews auf Wunsch Farhuds editiert worden sei. Staatliche Medien hatten am Montag über Farhuds Fall berichtet und einer Entführung widersprochen.

Ob der Professor im Zusammenhang mit den systemkritischen Protesten entführt wurde, blieb zunächst ungewiss. In den vergangenen Tagen wurden mehrere prominente Sportler und Kulturschaffende festgenommen. Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass Kritiker unter Druck gesetzt werden und öffentliche erzwungene Geständnisse äußern.

Bei den seit rund sechs Wochen andauernden Massendemonstrationen wurden nach Angaben von Menschenrechtlern mindestens 14.000 Menschen verhaftet. Auslöser war der Tod der jungen iranischen Kurdin Mahsa Amini am 16. September. Sie starb in Polizeigewahrsam, nachdem sie von der Sittenpolizei wegen Verstoßes gegen die islamischen Kleidungsvorschriften festgenommen worden war.

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