Gute Sorten zu vermehren, will gelernt sein

Das Abmoosen gelingt sehr gut, das Aufpfropfen lernen wir gerade intensiv

An einem einzigen Ast hängen sechs Zitronen. Klar, dass man eine so produktive Pflanze identisch vermehren will. Fotos: Hf
An einem einzigen Ast hängen sechs Zitronen. Klar, dass man eine so produktive Pflanze identisch vermehren will. Fotos: Hf

Ein weit verbreiteter Irrtum ist, dass sich alle Pflanzensorten durch Samen einfach vervielfältigen lassen. Nimmt man zum Beispiel den Kern einer Blutorange und pflanzt ihn, kommt dabei eine neue Zitruspflanze heraus, aber höchstwahrscheinlich keine Blutorange.

An dieser Stelle sollen zwei Pflanzen zusammenwachsen.
An dieser Stelle sollen zwei Pflanzen zusammenwachsen.

Gerade bei den Zitrusfrüchten wäre es so schön, wenn man sie sortengerecht aus Samen ziehen könnte. Ich mag zum Beispiel Orangen, aber in Thailand habe ich die Moro oder Navels noch nie irgendwo im Anbau gesehen. Mandarinen, ja, aber der Campari schmeckt damit einfach nicht, da gehört „richtiger“ Orangensaft rein, finde ich.

Gelbe Zitronen wachsen ja bestens

Auch die gelben Zitronen sind bis heute auf den lokalen Märkten nicht zu haben und im Supermarkt relativ teuer, da importiert. Dabei wachsen sie hier bestens, wie jeder Besucher im „Discovery Garden“ klar sehen kann: Die älteren Pflanzen sind vollgehangen mit leckeren Zitronen.

Da will man die produktivs­ten Pflanzen (die mit vielen großen saftigen Früchten – möglichst ohne Kerne) natürlich am liebsten vermehren. Es gibt bei den Zitrusfrüchten grundsätzlich zwei Methoden: Abmoosen und Aufpfropfen.

Beim Abmoosen schneidet man beim Ast der Wahl die äußerste Rindenschicht rundherum weg und bringt eine Plastiktüte an, die mit leicht feuchter, gemahlener Schale der Kokosnuss und etwas Pflanzen-Vitamin B versetzt ist, das der Wurzelbildung förderlich ist. Meistens bilden sich an der verletzten Stelle Wurzeln. Wenn der dortige Wurzelballen gut ausgebildet ist, schneidet man den Ast darunter ab und pflanzt ihn ein: Man hat eine genetisch identische Pflanze produziert. Das Abmoosen gelingt wie gesagt gut bei Zitrusfrüchten aller Art, bei Feigen nicht, aber bei Kakao, Avocados oder Gewürzlorbeer.

Zitrusfrüchte können aber auch durch das Aufpfropfen sortengenau vermehrt werden: Man zieht aus Kernen eine Wurzelpflanze und setzt ihr einen neuen Kopf auf, nämlich die gewünschte Zitronensorte, eine Grapefruit oder Orange, es entsteht eine Chimäre. Bei beiden Methoden braucht man aber vorgängig Material der gewünschten Zielpflanze, und das ist in Thailand eben manchmal nicht ganz einfach zu finden.

Vier Sorten Avocados haben wir nun

Meine Gäste bekommen momentan zum Aperitif viel Guacamole mit Maischips, weil ich etwa 60 oder 70 lokale Avocados dazu verarbeitet und eingefroren habe, was problemlos geht. Ich brauchte all die Kerne, um Wurzelunterlagen für das Aufpfropfen unserer vier Avocado Sorten zu bekommen. Wir haben momentan Booth 7, Peterson, Fuerte und ganz neu Hass. Das sind alles Sorten, die ursprünglich „zufällig“ aus Kernen gezogen wurden, dann aber wegen ihrer guten Eigenschaften vermehrt und verbreitet wurden. Eine Hass-Avocado (dicke, schwarze Schale) stammt von einem Baum, dem original Hass-Pflanzenmaterial aufgepfropft wurde.

Nach dem „chirurgischen“ Eingriff wartet man 45 Tage.
Nach dem „chirurgischen“ Eingriff wartet man 45 Tage.

Es gibt beim Aufpfropfen drei gängige Methoden: Bei Zitrusfrüchten und beim Kakao wird bei der Unterlage, der Wurzelpflanze, eine V-förmige „Spalte“ herausgeschnitten, in die das zu einem Pfeil geschnittene Zielmaterial gesetzt und mit Plastikbändchen sorgsam verschlossen wird. Wenn die Operation gelingt, wächst alles zusammen.

Bei Avocados wird häufig ein schräger Schnitt bei beiden Pflanzenteilen vorgenommen und ein Kopf aufgesetzt: Am ehesten gelingt die Sache (die an Dr. Frankenstein erinnert), wenn hygienisch gearbeitet wird und die beiden Schnittstellen möglichst gut aufeinander passen.

Und dann gibt es bei den Avocados noch die erfolgreichs­te Methode: Man schneidet beide Pflanzen zunächst nur an und wartet 45 Tage bis die Wurzelpflanze mit der Zielpflanze gut verwachsen ist. Erst danach wird der verwachsene Ast abgeschnitten und wird danach vollumfänglich von der Wurzelpflanze mit Wasser und Nährstoffen versorgt.

Hans Fritschi, Jahrgang 1957, ist ehemaliger Journalist und Buchautor, er lebt seit 1991 in Thailand. Mehrere Monate des Jahres reist er in der Welt herum, den Rest verbringt der Hobbygärtner in Pattaya und Nong Khai. Falls Sie Fragen und Anregungen an unseren Gartenkolumnisten haben, oder seinen Garten mal anschauen möchten, schicken Sie ihm eine E-Mail an hansfritschi1957@gmail.com oder besuchen Sie seine Webseite www.discovery-garden.net oder Facebookseite.

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Leserkommentare

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Manfred Spies 20.11.16 13:16
Der dicke, grüne Superdaumen von Hans
Es ist für uns mit unseren grünen Liliputaner-Daumen immer wieder unterhaltsam, informativ und sehr lehrreich, was der Hans Fritschi schreibt. Eddy Wyrsch aus der Schweiz, der mein Nachbar ist, probiert ja seit vielen Jahren alles Mögliche. Vieles gelingt. Aber an seinen Weinstöcken gab es seit 12 Jahren keine einzige Traube. Ich riet ihm, die Betonpfähle für Drachenfrüchte zu verwenden. Aber er ist trotzig und versucht weiter. Vielleicht kommen wir den Hans mit dem grünen Superdaumen mal besuchen. Bis dahin für alles vielen Dank!