Selenskyj fordert Nato-Beschlüsse nach Raketenangriff
KIEW: Russland hat die Ukraine in der Nacht erneut mit schweren Angriffen überzogen. Nach den vielen zivilen Opfern fordert der ukrainische Präsident Selenskyj eine Reaktion auch von der Nato.
Nach dem schweren Drohnen- und Raketenangriff auf Kiew hat der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Nato zu mehr Hilfe bei der Flugabwehr aufgerufen. «Es ist äußerst wichtig, dass die Welt, allen voran Amerika und unsere europäischen Partner, vom Nato-Gipfel starke Entscheidungen zur Unterstützung unserer Luftabwehr und zum Schutz von Zivilisten mitbringen», schrieb Selenskyj bei Telegram. Seinen Angaben nach hat Russland bei dem Angriff in Kiew 11 Menschen getötet und etwa 60 verletzt. Auch im Umland gebe es 3 Tote und 16 Verletzte, schrieb er.
Seinen Angaben nach hat das russische Militär in der Nacht neben 351 Drohnen auch 68 Raketen und Marschflugkörper eingesetzt. «Unsere Kämpfer haben heute ein gutes Resultat beim Abschuss von Drohnen und Marschflugkörpern gezeigt, aber leider nicht gegenüber der russischen Ballistik». Grund dafür sei das Fehlen von Flugabwehrraketen in der Ukraine, klagte Selenskyj.
Ballistische Raketen kann Kiew nur mithilfe westlicher Flugabwehrsysteme, speziell des US-Raketenkomplexes Patriot abwehren. Wenn Patriot-Raketen in den Lagern der Verbündeten verstaubten, ermutige das Russland nur, seinen Krieg gegen Wohnhäuser fortzusetzen, schrieb der ukrainische Staatschef.
Staats- und Regierungschefs der Nato-Länder treffen sich am 7. und 8. Juli in Ankara, um über die Lage in der Welt und die Zukunft des Militärbündnisses zu sprechen. Dabei geht es auch um weitere Milliardenhilfen für Kiew. Ein Treffen zwischen US-Präsident Trump und Selenskyj steht auf dem Plan.
«Rzeczpospolita»: Ukraine noch weit von der EU entfernt
WARSCHAU: Die konservative polnische Zeitung «Rzeczpospolita» in Warschau schreibt am Montag zur Lage der Ukraine:
«Die Ukraine hat auf internationaler Ebene deutlich an Selbstbewusstsein gewonnen. Sie hat gemerkt, dass sie zu Polen auf Konfrontationskurs gehen kann. Zugleich hat sie Weißrussland mit militärischen Maßnahmen gedroht und den Druck auf Russland erhöht, indem sie russische Raffinerien erfolgreich mit Drohnen angreift. Ihre Angriffe haben zu erheblichen Treibstoffengpässen in Russland geführt und gefährden den Personen- und Güterverkehr auf die Krim erheblich.
Andererseits beginnt die Ukraine erneut im Donbass Gelände an Russland zu verlieren. Die ukrainischen Streitkräfte haben Probleme mit dem Nachschub, und die Bevölkerung ist zunehmend kriegsmüde. Das Ansehen des Teams von Präsident Wolodymyr Selenskyj hat durch Korruptionsskandale um seinen engsten Vertrauten Andrij Jermak erheblich gelitten. Obwohl die Europäische Union Beitrittsgespräche mit der Ukraine begonnen hat, scheint die europäische Perspektive für das Land nach wie vor in weiter Ferne zu liegen. Ein Beitritt zur EU würde nicht nur ein Ende (oder zumindest ein Einfrieren) des Krieges erfordern, sondern auch eine entschlossenere Bekämpfung der Korruption und einen Umbau des oligarchischen Wirtschaftssystems.»
Raffinerie in russischem Jaroslawl attackiert
JAROSLAWL: Russland beschießt mit Raketen Kiew, die Ukraine attackiert mit Drohnen strategische Objekte in Russland. Medienberichten zufolge war wieder eine wichtige Ölanlage Ziel der Angriffe.
Die Ukraine hat Russland nach Angaben aus Moskau mit mehr als 500 Drohnen angegriffen. 519 Drohnen seien abgeschossen worden, meldete das russische Verteidigungsministerium. Derweil berichtete das unabhängige Internetportal «Astra» von einem erneuten Angriff auf die Raffinerie in der Großstadt Jaroslawl nördlich von Moskau. Auf in sozialen Netzwerken kursierenden Bildern seien Rauchwolken über der Anlage zu erkennen. Die Raffinerie ist in der Vergangenheit schon mehrfach attackiert worden.
Offiziell gibt es keine Angaben zu möglichen Schäden an der Ölverarbeitungsanlage. Laut dem Jaroslawler Gouverneur Michail Jewrajew hat die Flugabwehr mehr als 70 Drohnen abgeschossen. «Zwei Menschen haben Splitterverletzungen erlitten», sie würden im Krankenhaus behandelt, schrieb er auf Telegram. Er warnte vor möglichen weiteren Angriffen.
Insgesamt hat die Ukraine nach Angaben des Verteidigungsministeriums in Moskau rund 20 russische und unter russischer Kontrolle stehende Regionen attackiert, darunter auch einmal mehr die seit 2014 von Moskau annektierte Krim. Auf der Halbinsel hätten Drohnenangriffe eine Frau getötet und zwei weitere Menschen verletzt, schrieb der von Moskau eingesetzte Statthalter Sergej Aksjonow.
In der Hafenstadt Sewastopol wiederum sei die Energieinfrastruktur getroffen worden, teilte der eingesetzte Gouverneur Michail Raswoschajew mit. Später schrieb er, dass die Stromversorgung für die meisten Haushalte nach der Umstellung auf Reservekapazitäten wiederhergestellt sei.