«Risiko sehr real» - So steht es um Corona in Europa

Eine ältere Frau mit einem improvisierten Mundschutz spaziert in Bukarest. Foto: Andreea Alexandru/Ap/dpa
Eine ältere Frau mit einem improvisierten Mundschutz spaziert in Bukarest. Foto: Andreea Alexandru/Ap/dpa

KOPENHAGEN: Kräftig gestiegene Zahlen in Belgien und Spanien, lokale Ausbrüche in Manchester und Aarhus: Die Infektionszahlen ziehen in Europa in diesem Sommer wieder an, auch weil viele die Hygieneregeln vernachlässigen. Wie schlimm wird es?

Im Frühjahr stand die EU mit ihren Brandherden Italien und Spanien im Zentrum der Corona-Krise, dann hat sich der Kampf gegen das Virus in andere Weltregionen verlagert - in die USA, nach Lateinamerika und Indien. Doch auch die EU-Staaten haben in diesem Sommer ein beinahe kollektives Problem: Die Infektionszahlen steigen fast überall wieder. Sowohl das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) als auch das Europa-Büro der Weltgesundheitsorganisation WHO sprechen bereits von einem Wiedererstarken des Virus in manchen Ländern - und vielerorts herrschen Sorgen vor weiter zunehmenden Zahlen, wie die Reporter der Deutschen Presse-Agentur berichten.

«Das Risiko eines Wiederauflebens von Covid-19 ist sehr real», schrieb EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides zu Wochenbeginn auf Twitter. Sie verwies dabei auf die jüngste ECDC-Risikobewertung für die Länder des Europäischen Wirtschaftsraums (EWR) zuzüglich Großbritannien. Darin heißt es, viele Staaten testeten jetzt bereits milde Verdachtsfälle ohne Symptome, was zu der Zunahme der Fallzahlen beitrage. In mehreren Ländern gebe es allerdings auch «ein echtes Wiederaufleben an Fällen», das eine Folge davon sei, dass die Maßnahmen zum Abstandhalten gelockert worden seien.

Dabei gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht im Corona-Kampf. Die gute ist unverkennbar: Die Zahl der Europäer, die im Zusammenhang mit einer Covid-19-Erkrankung sterben, steigt seit langem viel langsamer als in den heftigen Corona-Monaten März und April. Derzeit liegt sie bei etwa 184.000 Todesfällen für den EWR plus Großbritannien, hinzu kommen rund 1700 in der Schweiz. Aus diesen 32 Ländern kamen zu Spitzenzeiten zwei Drittel der Todesfälle weltweit, mittlerweile ist der Anteil auf ein knappes Viertel zurückgegangen.

Beunruhigender ist dagegen die Zahl der täglichen Neuinfektionen. Dieser Wert war in 27 der 32 genannten Länder in den ersten sieben Tagen im August höher als in den ersten sieben Tagen des Julis, darunter auch in Deutschland. Während das einst so coronagebeutelte Italien seit Wochen verhältnismäßig gut dasteht und auch die Zunahme etwa in Österreich moderat ausfiel, schossen die Infektionszahlen in Belgien, den Niederlanden und Spanien um ein Vielfaches in die Höhe. Die einst von vergleichsweise vielen Infektionen geplagten Schweden und Portugiesen konnten dagegen einen starken Rückgang vermelden - ob das anhält, bleibt abzuwarten.

Die Gründe für die insgesamt wachsenden Zahlen sind verschieden. Vier davon treten aber immer wieder auf: mehr Tests, gelockerte Beschränkungen, der sommerliche Reiseverkehr - und eine Corona-Müdigkeit, bei der die Menschen die Covid-19-Risiken nach Monaten der Pandemie nicht mehr so stark wahrnehmen. Zu letzterem Faktor brachte es Estlands Sozialminister Tanel Kiik jüngst auf den Punkt. «Die Krankheit und das Virus sind in Estland wieder auf dem Vormarsch», sagte er in Tallinn. «Leider liegt das Problem nicht in den Einschränkungen oder den Maßnahmen, sondern in deren Einhaltung.»

Vielerorts sind es lokale Ausbrüche, die zu regionalen Maßnahmen führen - etwa im dänischen Aarhus, im belgischen Antwerpen oder im englischen Manchester. Belgien an sich verzeichnete wieder stark steigende Infektionszahlen, auch Rumänien und Bulgarien gelten als Sorgenkinder. Die Briten kriegen ihre hohe Zahl an Todesfällen nicht in den Griff. Das betrifft in erster Linie England, wo im Durchschnitt täglich immer noch mehrere Dutzend Menschen an einer Coronavirus-Infektion sterben.

In Ländern wie Frankreich oder den Niederlanden steigen die Infektionszahlen derweil vor allem bei jungen Erwachsenen. Die französischen Behörden monieren, dass gerade im Zusammenhang mit Urlaubsreisen und sommerlichen Festen und Feiern die Abstandsregeln nicht eingehalten werden. «Haltet euch an die Regeln, sonst sitzen wir alle bald wieder zu Hause fest», mahnte der niederländische Ministerpräsident Mark Rutte bereits an. Illegale Partys, volle Kneipen, aber auch Familienfeste: Das sind die großen Ansteckungsherde vor allem in Amsterdam und Rotterdam.

Zwei Länder standen im Frühjahr im Zentrum der Krise und befinden sich nun weit voneinander entfernt: Spanien und Italien. Während die Italiener die Pandemie mit einem harten Lockdown unter Kontrolle brachten, sich konsequent an die Schutzregeln halten und stolz auf das Erreichte sind, verzeichnen die Spanier nach dem Lockdown-Ende wieder mehr Infektionen als die meisten anderen Länder Europas.

Zwar versichert die Regierung in Madrid, dass die Pandemie im Griff sei. Doch nach offiziellen Angaben gibt es derzeit rund 675 lokale Ausbrüche. Eine Folge davon ist, dass das Auswärtige Amt in Berlin vor Reisen in fünf spanische Regionen warnt, darunter Madrid und Katalonien um die Metropole Barcelona. Das Gesundheitssystem steht dabei unter Druck, aber nicht mehr vor dem Kollaps wie etwa im April.

Aber auch in den Ländern, die die Krise bislang gut gemeistert haben, ist das Virus noch nicht verschwunden. Norwegen zum Beispiel führte zuletzt aus Corona-Sorge ebenso wie Finnland und Dänemark wieder Reisebeschränkungen für bestimmte Länder ein, während die nationalen Experten zur weiteren Vorsicht mahnen. «Es gab vielleicht jemanden, der geglaubt hat, dass Corona nur ein dummer Traum des Frühjahrs war, dass wir in einen Herbst ohne Corona gehen würden», sagte etwa der führende dänische Epidemiologe Kåre Mølbak am Montag in Kopenhagen. «Aber das war kein dummer Traum. Das Virus ist immer noch da.»

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