Im Banne der Torturen

Rückblick auf den Höhepunkt des Vegetarierfestivals in Phuket-Town

Foto: Holandan
Foto: Holandan

PHUKET: Spektakulärer Höhepunkt des Vegetarian Festivals: Die Prozession unglaublicher Selbstverstümmelungen quer durch die Altstadt

Lange Spieße sind ein besonders beliebtes Piercingobjekt...
Lange Spieße sind ein besonders beliebtes Piercingobjekt...

Samstag, 5. September 2019. Seit den frühen Morgenstunden drängt ein endloser Besucher-Strom in die Innenstadt von Phuket-Town. Sämtliche Zufahrtsstraßen sind hoffnungslos verstopft. Die den Einheimischen bekannten Schleichwege verdienen zu recht diesen Namen. Je näher die Fahrzeuge der Altstadt der Inselmetropole kommen, desto schläfriger und gemächlicher werden die Geschwindigkeiten. Gelbe Fahnen mit chinesischen Schriftzeichen markieren die Straßen. So gut wie alle, die unterwegs sind, haben sich von Kopf bis Fuß in weiß gekleidet.

...wie auch dieser Mann unter Beweis stellt.
...wie auch dieser Mann unter Beweis stellt.

Dabei bildet die Anfahrt nicht einmal das eigentliche Problem. Hat man glücklich und endlich die Mitte der Stadt erreicht, stellt sich die Frage, wohin mit dem Auto? Parkplätze gibt es genug – dumm ist nur, dass sie allesamt bereits belegt sind. Die meisten Ankömmlinge haben keine andere Wahl: Sie wenden und fahren ein Stück zurück, um ihr Fahrzeug abstellen zu können. Auch wenn das einen längeren Fußmarsch bedeutet, der in diesem Land nach Möglichkeit vermieden wird.

Viele der Teilnehmer verfallen in Trance-Zustand.
Viele der Teilnehmer verfallen in Trance-Zustand.

Der Umzug ist inzwischen in vollem Gange. Er startet am Chinesischen Tempel, dem Jui-Tui-Schrein und bringt es auf die stattliche Länge von mehreren Kilometern. In der Woche zuvor fanden überall an den vielen chinesischen Schreinen Phukets religiöse Veranstaltungen statt. Man sieht wie Barfußläufer unbehelligt und offensichtlich schmerzfrei eine Feuersglut durchschreiten. Auch fanden täglich kleinere Umzüge durch die näheren Straßen und Gassen statt. Absoluter Höhepunkt ist Jahr für Jahr die  große Prozession, eine Veranstaltung, die Zehntausende an Zuschauern anzieht und weltweites Aufsehen erregt.

Gepiercte und verletzte Gesichter als Attraktion

Nicht nur Männer, auch Frauen nehmen an dem Ritual teil.
Nicht nur Männer, auch Frauen nehmen an dem Ritual teil.

Hauptdarsteller und Aufsehen erregender Blickfang des Aufmarsches sind ohne Frage die Moh Tong, die zu die hunderten mitmarschieren. Es sind die Auserwählten, die Selbstlosen, die ihre Körper peinigen, sich schwere Verletzungen und heftige Schmerzen zufügen, um am Umzug teilzunehmen. Zum Einsatz kommen scharfe, schwere und gefährliche Waffen oder Objekte, die eine oder zwei Wangen und gelegentlich auch die Zunge oder die Arme durchbohren. Dazu gehören Messer, Dolche, Spieße und große Nadeln. Es werden auch extreme Gegenstände wie Wasserhähne, Auspuffleitungen, Fahnenstangen, Bambusstöcke und Spielzeugmodelle ins Gesicht hinein operiert.

Sechs lange Wochen vorher lebt der Moh Tong bewusst und enthaltsam. Nur vegetarisches Essen ist ihm gestattet, auch auf Alkohol und Sex wird verzichtet. Diese freiwillige Fasten- und Enthaltsamkeitswochen beschränken sich nicht nur auf die Teilnehmer der Prozession. Viele Menschen in Phuket erklären sich solidarisch und leben entsprechend, oder sie nutzen den Anlass um Körper und Geist zu reinigen.

Selbstloser Einsatz für die Gemeinschaft

Für ihre Qualen erhalten die Teilnehmer von ihren Glaubensbrüdern große Anerkennung.
Für ihre Qualen erhalten die Teilnehmer von ihren Glaubensbrüdern große Anerkennung.

Wer sich entscheidet als Moh Tong mit zu marschieren und sich freiwillig und ohne Zwang zum Büßer, Asketen und Flagellanten macht, der wird weniger als Held, sondern vielmehr als Vorbild anerkannt. Wer sich seinen Körper und seine Seele selbstlos und idealistisch zur Verfügung stellt, wer Schmerzen, Leiden, Qualen und alle anderen Strapazen großmütig auf sich nimmt, der findet Achtung, Akzeptanz und Anerkennung. Denn die Torturen, Geißelungen und Verletzungen, die der Moh Song erleidet und erduldet, versprechen seiner Glaubens-Gemeinschaft Glück, Gesundheit, Zufriedenheit und langes Leben. Dafür wird er in der Gemeinde verehrt, belobigt und nimmt ab sofort eine Sonderstellung ein.

Zehntausende Besucher zieht der Umzug jedes Jahr in seinen Bann.
Zehntausende Besucher zieht der Umzug jedes Jahr in seinen Bann.

Mäanderförmig wälzt sich die Prozession durch die Straßen der Innenstadt. Komplette Straßenzüge sind ausgefüllt mit Imbissständen, die vegetarische Kost und Fruchtsäfte anbieten. Dicht an dicht drängen sich die Zuschauer, manche in der Pose des stillen und andächtigen Beters, andere feuern die Vorüberziehenden frenetisch an. Viele Fotografen und Videofilmer sind zu sehen, die nach knallharten und spektakulären Motiven Ausschau halten und wissen, dass sie diese auch finden werden. Es ist unglaublich laut, denn alle paar Sekunden explodieren Batterien von Feuerwerkskörpern. Offiziell ist es nicht erlaubt, die Knallfrösche auf Menschen zu werfen, aber einige der Teilnehmer bitten die Zuschauer geradezu darum, von ihnen bombardiert zu werden.

Auch große, gefährliche Objekte kommen bei der Selbstverstümmelung zum Einsatz.
Auch große, gefährliche Objekte kommen bei der Selbstverstümmelung zum Einsatz.

Die Mah Tongs sind nicht alleine unterwegs, sondern werden von einer eigenen Encourage begleitet, einer Art Ehrenwache, die aus zwei oder drei Mitläufern oder auch zwanzig bis dreißig Verwandten und Freunden bestehen kann. Immer wieder gerät die Prozession ins stocken, wenn Teilnehmer stehen bleiben, um Zuschauer zu segnen oder sich fotografieren zu lassen.

Viele befinden sich im Zustand tiefer Versunkenheit, in echter Trance und bekommen nur am Rande ihres Bewusstseins mit, was um sie herum geschieht. Andere wiederum sind hellwach reagieren auf ihre Umgebung und grüßen in die Menge der Zuschauer.

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Siam Fan 08.10.19 15:57
Gestern war der letzte Tag
Ich war echt froh drum! Am Abend wurde am Strand alles verbrannt und dann wurden die Geister auf Schiffen bis zum nächsten Jahr entlassen. Danach war dann eigentlich alles fertig, aber scheinbar erlagen die unverwundbaren Kriege dann dem Alk! Die Knallerei und Brüllerei ging noch bis nach Mitternacht. Ich war noch nie so enttäuscht von diesem Fest, wie dieses Jahr. Das fing damit an, zwei Herren in Weiß schmissen völlig ungeniert den Müll sackweise von der großen Brücke in den Fluß. Dann sah ich, wie auf der Highway von einer Kolonne kleine Knallergürtel auf die Straße geschmissen wurden. Ich stand mit dem Moped in sicherer Entfernung an der Ampel der Einmündung. Aber ein weiteres Kraftrad bekam so ein Teil direkt vor das Vorderrad geschmissen und hatte viel Glück, das ohne Sturz zu überstehen.