Des Farangs größtes Vergnügen?

Sie ahnen es? Klar. Es ist das Nörgeln. Vom morgendlichen Aufstehen („Scheißwetter!“) bis zum ins Bett gehen („Das deutsche Fernsehen verarscht uns doch nur“) meckert sich der Farang durch den Tag. Und sofern er dabei Zuhörer hat, zählt das Glück doppelt.

Ich glaube, der große Erfolg des politischen Kabaretts in Deutschland beruht auf diesem Wesenszug. Für mich ist es schon Glück genug, einfach darüber schreiben zu dürfen. Ich nenne das „indirektes“ Meckern. Vielleicht haben wir das Nörgeln auch schon mit der Kenntnis der zehn Gebote in uns aufgenommen: „Du sollst, du sollst nicht…“ Scheiße, was darf ich denn überhaupt noch? Gut, wenn man einen Partner oder eine Partnerin hat. Je länger man mit ihnen zusammenlebt, umso besser kennt man sie und weiß, wie man sie mit Klagen, Kritisieren und Lamentieren treffen kann: „Die Schlampe soll sich endlich mal anständig anziehen“, oder „der eingebildete Herr sollte endlich begreifen, dass er ohne mich nur ein armer Arsch wäre.“ Vor Gästen ist dieses Palaver reines Vergnügen: „Sie ist dumm wie Stroh.“ – „Er ist ein fetter Choleriker.“ Und hinterher sind sie sich einig, was für ein wunderbarer Abend es war. Wie gesagt: Keine Proletarier, sondern gesunder Mittelstand. Man könnte sagen, völlig normal.

Kürzlich nahm ich als Gast an einer Geburtstagsparty meines Hausarztes teil. Neben der Familie fast fünfzig Teilnehmer. Die Familie hielt Reden auf den Jubilar. Aber was waren das für Reden? Es hagelte Kritik von den Kindern, von den Eltern und von der Ehefrau, und dass in einer Weise, die in mir den Wunsch auslöste, nicht anwesend sein zu müssen. Welcher Hass, welche unausgesprochene Wut hatte sich da angesammelt, bis sie endlich ihren beglückenden Ausbruch erlebten. Und das Geburtstagskind lächelte verkniffen dazu. Vielleicht fühlte der Angesprochene sich dabei noch moralisch überlegen. Gemeinsames Nörgeln schafft einen gewissen Zusammenhalt, vor allem dann, wenn das Objekt unserer Nörgelei bei allen Zustimmung findet.

Früher bin ich viel gereist, habe viele Länder kennengelernt und dabei verstanden, dass Meckern und Nörgeln keineswegs von intellektueller Brillanz zeugt, sondern oft als schlechtes Benehmen gewertet wird. Mit Meckern schafft man sich in vielen Ländern keine Freunde. Loben, über das Unabwendbare oder kleine Missgeschicke hinwegsehen, und schon gehört man dazu, hat seine gute Erziehung bewiesen. Kritisieren und Rummosern verschafft den Farangs hier in Thailand oft das Gefühl der Überlegenheit, und sie bemerken nicht, wie die Thais in ihrer Umgebung dieses Verhalten missbilligen. Die befolgen die alte Regel: Mit Honig fängt man mehr Fliegen als mit der Fliegenklatsche. Und dass sie damit überaus erfolgreich sind, beweisen Tausende täglich eingegangener Verbindungen zwischen Farangs und Einheimischen, die gekennzeichnet sind vom friedlichen Geist des Buddhismus. Aber wehe, die Farangs sind unter sich, dann wird aus der Braut der letzten Nacht eine dumme Kuh aus dem Isaan, die nichts kann, nichts gelernt hat, außer sich hinzulegen, um die Frustentladung des Freiers zu überstehen. Aber der fühlt sich in dieser Pose als kritischer Intellektueller. Und wenn die Thais ihn dafür loben, dann merkt er meistens gar nicht, dass es alles andere als ein Kompliment ist, sondern einfach dem Harmoniebedürfnis der Thais entspricht.

Wir Westler sind es gewöhnt, dass alles funktioniert, dass jeder Fehler sofort korrigiert wird. Und mit dieser Vorstellung reisen wir dann nach Thailand. Nach dem Auspacken ist duschen angesagt, aber leider, die Pumpanlage ist kaputt. „Aber Sie können die Dusche am Pool benutzen.“ Die hat zwar nur kaltes Wasser, aber was solls? Bei 30 Grad sollte das eigentlich kein Problem bedeuten. Ne, nicht mit mir! Wo ist der Manager? „Ich habe ein Zimmer mit Bad gebucht. Ich sehe gar nicht ein, mich am Pool unter eine kalte Brause zu stellen. Ich werde umziehen oder den Preis halbieren, wenn bis heute Abend kein warmes Wasser zur Verfügung steht.“ So sorgt der Farang selbst dafür, dass sein Urlaub von einem Ärgernis zum nächsten führt, die Kritik sich häuft, und als Fazit heißt es dann „Scheißurlaub“.

Die Thais stehen daneben und können sich nur wundern. Aufregung wegen dieser Lappalie? Völlig unverständlich. Diese Langnasen sind schon ein merkwürdiges Völkchen. Das werden sie aber nicht laut sagen, zumal wenn sie von dieser Urlaubsbekanntschaft leben. Lächelnd erdulden sie den Ausbruch ihres Freiers. Sie können ja nicht wissen, dass man sich im Westen nur behaupten kann, wenn man sich lauthals beschwert. Und auch wichtige Umwälzungen wurden nicht durch Wahlen, sondern durch massive Kritik und durch Streiks durchgesetzt. Der Westen ist eine wehrhafte Demokratie, und nur eine lautstarke Opposition setzt sich hier durch. Die Thais lächeln einfach alle Probleme fort und lassen uns glauben, wir lebten mit ihnen im Paradies.

Vom Nörgeln wird mich das aber nicht abhalten. Und wenn meine Freunde heute Abend wieder über die Thais meckern, weil der Kellner etwas verwechselt oder falsch verstanden hat, dann müssen meine Freunde zur Kenntnis nehmen, dass meine Kritik ihnen gilt: „Hattet ihr auch so eine beschissene Schule, in der selbst der Englischlehrer kein Englisch konnte? Hattet ihr auch nur vier Jahre Schulunterricht? Wenn ihr morgen in Japan kellnern müsstet, ihr würdet auch kein besseres Bild abgeben.“ Dann ist für einen Moment verlegene Stille angesagt. Aber dann schlägt die angesammelte Nörgelwut auf mich ein. Ich werde es überstehen. Denn ich weiß ja, Nörgeln, Meckern und sich aufplustern gehört zum größten Vergnügen der Farangs.

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