Das Geheimnis der Buddha-Bildnisse

Über die Formen, Farben und Faszination buddhistischer Darstellungen

Auf dem Weg zur Erleuchtung.
Auf dem Weg zur Erleuchtung.

Wer sich für Urlaub in Thailand entscheidet, sollte sich nicht nur an den paradiesischen Stränden und Inseln erfreuen, das üppige Shopping- und Sport-Angebot geniessen oder sich ausschliesslich günstigen Gaumen- und Wellnessfreuden hingeben. Mindestens genauso erquicklich und sogar nachhaltiger kann es sein, sich mit dem kulturhistorischen Hintergrund seines exotischen Gastlandes zu befassen. Denn dafür bietet sich im Königreich eine herrliche Vielfalt von Buddha-Bildnissen an, die den Alltag der Einheimischen prägen und ihren Besuchern aufschlussreiche Erlebnisse, Eindrücke und Erkenntnisse über eine interessante Weltreligion vermitteln können.

Die rasante Verwestlichung Thailands macht auch vor dem Buddhismus nicht halt. Inzwischen gibt es sogar schon eine modern anmutende Buddha-Figur: Von den Einheimischen „Maitreya” genannt, besticht sie in einer „westlichen Haltung”, wobei beide Beine nicht mehr angewinkelt sind, sondern herabhängen wie beim Sitzen auf einem Stuhl. Das heisst jedoch noch lange nicht, dass die buddhistischen Traditionen im Königreich bröckeln würden…. Sie spielen nach wie vor eine entscheidende Rolle und bestimmen die Lebenseinstellung von rund 95 Prozent der Bevölkerung. Wer die Thais, ihre Gedanken und Gefühle, Haltungs- und Handlungsweisen verstehen möchte, muss sich also zwangsläufig mit dieser Religion beschäftigen. Das lässt sich am besten über die herrlichen Buddha-Bildnisse tun, die hier in beeindruckender Vielfalt das Alltagsleben prägen.

Eine Buddha-Statue für jeden Wochentag

Erst wenige Jahre alt, erhebt sich diese goldglänzende Buddha-Statue genau im Herzen des Goldenen Dreiecks.
Erst wenige Jahre alt, erhebt sich diese goldglänzende Buddha-Statue genau im Herzen des Goldenen Dreiecks.

Prinzipiell sollen die Bildnisse nicht die Person Buddhas darstellen oder vergöttern, sondern an seine Lehre erinnern und Gläubige inspirieren. Bereits 500-600 n.Chr. soll die Tradition entstanden sein, sogenannte Dhamma-Tage (Dhamma = die Lehre) einzurichten: Buddhistische Gläubige waren davon überzeugt, dass verschiedene Ereignisse im Leben Buddhas an bestimmten Wochentagen stattfanden. Darauf folgte der Wunsch, die einzelnen Tage durch verschiedene Abbildungen zu symbolisieren (s. Kas­tentexte). So wurden festgelegte Haltungen Buddhas, die er in seinem Leben und Wirken annahm, den Wochentagen zugeordnet, um diese Figuren als Basis für alle Gläubigen anzufertigen. Dabei erhielt der Mittwoch als einzige Ausnahme zwei Figuren. In der Ayutthaya-Periode wurden noch entsprechende Farben ergänzt: Montag erhielt die Farbe Gelb, Dienstag Rosa, Mittwoch (tagsüber) Grün, Mittwoch (abends) Hellgrün, Donnerstag Orange, Freitag Blau, Samstag Purpur und der Sonntag Rot. Die acht Buddha-Figuren sind in Heiligtümern oft in einer Reihe zu sehen. Dazwischen finden sich meist schwarze Almosenschalen. Hier können Münzen für spezielle Wochentags-Figuren gespendet werden, um sich persönliches Glück zu sichern.

Für die Einheimischen gehört der reichhaltige Umgang mit Buddha-Bildnissen zum ganz normalen Alltagsleben.
Für die Einheimischen gehört der reichhaltige Umgang mit Buddha-Bildnissen zum ganz normalen Alltagsleben.

Die weit verbreitete Tradition, Buddha-Bildnisse mit hauchdünnem Blattgold zu überziehen, um einen leuchtenden Effekt zu erzielen, basiert wahrscheinlich auf der wundersamen Kraft „Teja”. Dieser Begriff umschreibt eine Licht-Energie, die Buddha gleich zweimal beherrscht haben soll: An dem Tag, als er die Erleuchtung unter dem Bodhibaum fand und kurz vor seinem Übergang ins Nirwana soll sein Körper wie Gold geleuchtet haben. So finden sich auch viele Abbildungen, wo Buddha mit einer Art Strahlenkranz versehen ist. Durch die sagenumwobene Leuchtkraft sollen Buddha-Figuren sogar ein gewisses Eigenleben entwickeln können. So gibt es die Überzeugung, dass es normale und mächtige Statuen gibt, die man besonders verehrt. Dies hat im Laufe der Jahrhunderte sogar bei vielen Kriegen eine wichtige Rolle gespielt: Hatte eine Stadt einen mächtigen Buddha, so war es für einen Feind beim Angriff mit dem Risiko verbunden, dass die Statue vielleicht ihre magische Kraft auf sie richtete. Möglicherweise wurzelt darin auch der Grund, warum die Burmesen bei den Kriegen gegen Siam einst so viele Statuen zerstörten, obwohl sie ebenfalls überzeugte Buddhisten gewesen sind.

Stets voller Anmut und Grazie präsentieren sich die Bildnisse von Buddha.
Stets voller Anmut und Grazie präsentieren sich die Bildnisse von Buddha.

Obwohl es in Thailand Millionen von Buddha-Figuren aller Art gibt, beziehen sich die mystischen Geschichten auf nur wenige Figuren. Die meisten erfährt man erst so richtig, wenn man intensiv danach fragt, warum die eine Buddha-Statue mehr verehrt wird als die andere, wobei allerdings vieles unerklärlich bleibt. Von einer grossen, liegenden Buddha-Statue in einem Wat der Provinz Ang Thong zum Beispiel heisst es, sie habe in der Regentschaft von König Chulalongkorn die Fähigkeit der Sprache bewiesen. Anfangs zum Erstaunen der Bevölkerung nur murrend, habe sie schliesslich verbal die Rezeptur einer Kräutermischung von sich gegeben, die sich später als Allheilmittel gegen eine vorausgesagte Epidemie entpuppte. Eine weitere der landesweit ungewöhnlichsten Buddha-Figuren findet sich im Wat Thong - rund 20 Kilometer nördlich von Phuket. Sie ist halb in der Erde vergraben, während die obere Hälfte herausragt. Nicht einmal die 1809 eingefallenen, plündernden Burmesen sollen es geschafft haben, die heilige Figur aus dem Erdreich zu bergen oder ihr gar den Kopf abzuschlagen, um diesen als Trophäe zu rauben.

Seit über 2000 Jahren werden nun schon Buddha-Statuen hergestellt - in Stein gemeisselt, aus Holz geschnitzt, aus Ziegelsteinen und mit Gips überzogen, aus Bronze, Kupfer oder Gold gegossen sowie aus Elfenbein oder Halbedelsteinen gefertigt. Darüber hinaus zeugen unzählige Malereien und Kunstwerke von der grossen Verehrung und Inspiration Buddhas. Die ersten Statuen wurden wahrscheinlich in Indien hergestellt, in Thailand bzw. Siam jedoch sind sie unter dem Einfluss Sri Lankas entstanden.

Erschaffung mit verlorenem Wachs

Obwohl die Ausfuhr offiziell verboten ist, blüht der Buddha-Handel mit Touristen.
Obwohl die Ausfuhr offiziell verboten ist, blüht der Buddha-Handel mit Touristen.

Bis heute gelten grundsätz­liche Merkmale: Die Körper­form ist weich und elegant, so dass Buddha eine geschlechtsneutrale Darstellung widerfährt. Alle Finger an den Händen und alle Zehen an den Füssen sind gleich lang. Beim stehenden Buddha reichen die Hände bis zu den Knien. Das Kopfhaar ist eng gekraust, während die Ohrläppchen bis auf die Schultern reichen.

Nur noch ganz wenige Handwerker beherrschen heute traditionelle Herstellungsweisen wie die „Form des verlorenen Wachses”, die sehr aufwändig und zeitraubend ist: hierbei wird die Figur zunächst in roter Tonerde „Din Däng” geformt und getrocknet. Danach wird sie mit einer dicken Schicht Bienenwachs bedeckt, die exakt die Form der unterliegenden Tonfigur hat. Darauf wird dann eine weitere Tonschicht aufgetragen, die sich wiederum genau der Form der Wachsschicht anpasst. So entstehen also drei übereinander geschichtete, identisch geformte Figuren, die in einem Ofen gebrannt werden müssen.

Während sich die Tonschichten vollständig erhärten, fliesst das Wachs aus kleinen Öffnungen - was dieser Methode auch ihren Namen gab. Der zwischen den Tonschichten entstehende Zwischenraum indes wird zumeist mit flüssigem Zinn und Kupfer verfüllt - einst aber auch mit „Nak” als einer speziellen Legierung aus 80 Prozent Kupfer und 20 Prozent Gold. Nachdem sich die Legierung erhärtet hatte, wurde die äussere Tonschicht zerschlagen, so dass die frisch gegossene Figur zum Vorschein kam. Die innere Tonschicht wurde wegen der Gesamtstabilität oft in der Figur belassen. Um sie auf Hochglanz zu bringen, werden traditionelle, orangefarbene Tücher verwendet.

Eine herrliche Vielfalt von Buddha-Statuen erwartet die Besucher des Bangkoker Wochenend-Markts Chatuchak.
Eine herrliche Vielfalt von Buddha-Statuen erwartet die Besucher des Bangkoker Wochenend-Markts Chatuchak.

In früheren Zeiten wurde die Produktion von Buddha-Bildnissen mit einem buddhistischen Ritual begleitet. Während der Fertigung mussten die Handwerker z.B. ganz in Weiss gekleidet sein. Die entstehende Figur wurde sogar von allen Seiten durch einen Wandschirm aus weissem Tuch vor neugierigen Blicken geschützt. An den vier Ecken des Wandschirms knieten Mönche, die den Arbeitsvorgang nach Leibeskräften segneten. Heute hingegen werden alle hergestellten Buddha-Figuren immerhin noch von Mönchen gesegnet.

Wer sich heute für die Herstellung von Buddha-Figuren interessiert, sollte den Brahmanen-Tempel Bot Phram in der Ban-Dinso-Road von Bangkok oder die nahe gelegene Bam­rung-Muang-Road aufsuchen. Hier kann man zusehen, wie die gold- oder bronzefarbenen Metall-Buddhas hergestellt werden, die später die Tempel des ganzen Landes zieren: sitzende Buddhas (Phra nang), stehende Buddhas (Phra yün) und liegende Buddhas (Phra non). Die meisten werden heute aus Messing in fertigen Formen gegossen, anschliessend zum Teil auch mit Gips überzogen und bemalt. Die schönsten geschnitzten Buddha-Figuren aus Holz indes lassen sich nur in Nord- und Nordostthailand finden. Raritäten, und deshalb besonders kostbar, sind kleine Figuren aus Jade, Elfenbein, Silber und Gold.

Die Pflicht zu Pflege und Respekt

Nur wer es am frühen Morgen aus seinem Urlauber-Bett schafft, kann Thailands Bettelmönche in Aktion erleben.
Nur wer es am frühen Morgen aus seinem Urlauber-Bett schafft, kann Thailands Bettelmönche in Aktion erleben.

Nach ihrer religiösen Überzeu­gung haben die Menschen die Pflicht, sich so um Buddha-Figuren zu kümmern, als handle es sich um Lebewesen. Viele Gläubige sind der Ansicht, dass diese sogar über magische Kräfte verfügen und auch Wunder vollbringen können. Zum europäischen Kunstver­ständnis gehört es, Bruchstücke uralter religiöser Skulpturen zum Beispiel in Museen auszustellen. Ein gläubiger Buddhist jedoch empfindet für eine beschädigte Buddha-Statue eher Mitleid und sieht es als Pflicht an, die Beschädigungen mit Zement oder anderen Hilfsmitteln möglichst originalgetreu auszubessern. Nicht mehr zu reparierende Figuren wurden früher sogar in Chedis eingemauert, um eine würdevolle Bestattung zu erfahren. Entsprechend als Verbrechen galt es einst auch, eine Statue zu verletzen: Wer zum Beispiel einer Buddha-Statue den Kopf entfernte, wurde als Mörder verurteilt. Desgleichen, wer aus Habgier Gold von einer Statue kratzte, um es zu verkaufen - wurde doch das Entfernen der wertvollen Beschichtung als gleichbedeutend erachtet mit dem Häuten bei lebendigem Leibe.

Nicht nur innen, sondern auch im Aussenbereich sind Tempelanlagen häufig mit schmucken Buddha verziert.
Nicht nur innen, sondern auch im Aussenbereich sind Tempelanlagen häufig mit schmucken Buddha verziert.

Natürlich wird das Schänden von Buddha-Figuren auch heute noch geahndet - wenn auch nicht mit den drakonischen Strafen von einst. Eine schwerwiegende Verfehlung, wie sie zum Beispiel unbedarfte Touristen begehen können, besteht darin, eine grosse Buddha-Skulptur zu besteigen, um einen Schnappschuss zu machen. Aber auch das mutwillige Zerstören einer Buddha-Abbildung, das vorsätzliche Stören einer religiösen Versammlung oder das Verunglimpfen von Mönchen gehört zu den Vergehen, derer man sich schuldig machen kann. Nach dem Gesetz verboten ist zudem auch das Ausführen von Buddha-Figuren jeder Art - es sei denn, man kann dafür eine schriftliche Genehmigung der Behörden vorlegen oder seine Zugehörigkeit zur buddhistischen Religion belegen. In der Praxis jedoch nehmen Urlauber sogar oft massenweise Buddhas als Souvenir mit nach Hause. Denn es kommt sicherlich nur selten vor, dass Statuen aus dem Reisegepäck entfernt und für dieses Vergehen Bussgelder bezahlt werden müssen.

Montag

Paang Ham Yat

Wendet Übel und Krankheit ab, fungiert als Friedensstifter. Buddha hält seine rechte Hand (zuweilen auch die linke, sogar beide Hände) nach oben in Brusthöhe, wobei die Handfläche nach aussen zeigt. Legende: Die indische Stadt Vesali wird nach einer Dürre von Hungersnot, Cholera und bösen Geistern gepeinigt. Buddha lässt einen starken Regen niederprasseln und die Stadt reinigen. Danach wandert er mit seinem Jünger Ananda betend umher, um die Kranken mit Weihwasser aus Almosenschalen zu heilen und Geister zu vertreiben.

Dienstag

Paang Sai-Yat

Buddha liegt bzw. ruht auf seiner rechten Seite, der Kopf ruht - von der rechten Handfläche gestützt - auf einem Kissen, der linke Arm liegt am seitlichen Körper. Legende: Als grösster Riese im Königreich der Riesen ist Asurindarahu zu stolz und überheblich, um sich vor Buddha zu verbeugen. Buddha empfängt ihn auf seiner Liegstatt und zeigt ihm das Reich der Engel, die allesamt um ein Vielfaches grösser sind als der Riese. So wird dieser beschämt und verrichtet einsichtig seine Ehrerbietungen.

Mittwoch

Paang Um Baat (am Tag) Buddha steht andächtig und hält die Almosenschale der Mönche. Legende: Als Buddha in seiner Vaterstadt Kapilayastu seine Familie besuchte, wurde ein prächtiges Mahl für ihn vorbereitet. Jedoch vergass man, ihn ausdrücklich dazu einzuladen. So ging Buddha mit seinen Jüngern die Hauptstrasse entlang, um sich die Almosenschalen füllen zu lassen.

Paang Pa Le Lai (abends) Buddha sitzt bequem, seine linke Hand liegt auf dem Oberschenkel, die rechte auf dem Knie. Er empfängt Gaben von einem Affen und einem Elefanten. Legende: Einst in Kosambi angekommen, geraten die Jünger Buddhas in eine derart intensive Diskussion, dass sie vergessen, sich um Essen und Trinken zu kümmern. Buddha begibt sich in ein Waldstück, wo er sich unter einem Baum ausruht. Ohne sein Zutun reicht ihm ein Affe eine gefüllte Bienenwabe und ein Elefant einen Topf Wasser.

Donnerstag

Paang Samadhi

Buddha sitzt in der Meditationshaltung, seine Hände liegen entspannt im Schoss, wobei die Handflächen nach oben zeigen. Legende: Unter einem Feigenbaum (Bodhi) wird Buddha nach langer Meditation die Erkenntnis zuteil, dass Begierde, Gewalt und Unwissenheit die Ursache für alles Leid auf der Welt sind - und sie jeder überwinden muss, der ins ewige Nirvana eingehen will.

Freitag

Paang Ramphueng

Buddha steht nachdenklich, seine Hände liegen gekreuzt an seiner Brust, wobei die linke Hand über der rechten liegt. Legende: Obwohl Buddha ihnen noch nicht seine Lehre erklärt hat, werden die Kaufleute Tapussa und Bhallika Bud­dhas erste Laienan­hänger. Sie diskutieren darüber, wie seine religiöse Lehre für das einfache Volk verständlicher zu machen wäre, damit sie nicht nur von gebildeten Menschen verstanden wird. Schliesslich findet Buddha einen Weg, seine Lehre auch für das einfache Volk begreiflich zu machen.

Samstag

Paang Naga-Prok

Bud­dha sitzt in der Medi-­ ta­tionshaltung, seine Hände liegend entspannt in seinem Schoss, wobei die Hand­flächen nach aussen zeigen. Über ihm spreizt der König der Nagas seinen Körper. Legende: Nach seiner Erleuchtung blieb Buddha weitere sieben Tage unter dem Bodhibaum, um tiefer in die Meditation zu verfallen. Später droht ein starker Monsunregen, ihn zu wecken. Doch plötzlich erscheint die siebenköpfige Riesenkobra Mucilinda, um Buddha vor dem Regen zu schützen.

Sonntag

Paang Thawai Net

Buddha steht achtsam, seine Hände - die rechte über der linken - befinden sich in Höhe der Oberschenkel. Seine Augen sind geöffnet. Legende: Nachdem Buddha unter dem Bodhibaum seine Erleuchtung fand, macht er einen Schritt nach Nordosten und betrachtet ihn von dort sieben Tage lang, ohne einmal mit den Augen zu blinzeln. Das hat ihm das Leiden aller Lebewesen - auch das des Baumes - bewusst gemacht.

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