Vorurteile

Es heißt, wer einen anderen Menschen zum ersten Mal sieht, entscheidet in weniger als einer Sekunde darüber, ob der sympathisch oder unsympathisch ist. Natürlich kann das nur ein Vorurteil sein. Aber davon und damit leben wir. Wenn wir diesen Typen, den wir im ersten Augenblick als unsympathisch empfunden haben, durch bestimmte Umstände näher kennen lernen, kann es sein, dass wir zu einem gegenteiligen Urteil kommen: Das ist ein prima Kerl, mit dem man gern befreundet ist. Umgekehrt geht es genauso: Der sympathische Typ erweist sich als ein nur auf sich selbst fixiertes Ekelpaket, das man sich gern vom Hals hält.

Wie auch immer. Die Welt lebt von Vorurteilen. Wir werden von allen Seiten beeinflusst und müssen uns oft entscheiden, ohne nähere Informationen zu haben. Wir kaufen, was gut beworben wird, wir wählen, wer unerfüllbare Versprechungen macht, und wir fallen rein auf äußere Attribute, die sich letztlich als gefälscht erweisen.

Die Deutschen sind angeblich zuverlässig und pünktlich. Ich habe leider oft ganz andere Erfahrungen machen müssen. Und auch das Vorurteil, die Thais seien nur auf unser Geld aus, kann ich nicht bestätigen. Bei meinem ersten Besuch in Thailand vergaß ich im Bus meine Umhängetasche mit allen Pässen, Tickets und viel Geld. Mitreisende gaben dem Fahrer die Tasche. Der hielt sofort an, weil er darauf vertraute, dass ich den Verlust schnell bemerken und mit dem Taxi seiner Route folgen würde. Als ich den Bus eingeholt hatte, reichte der Fahrer mir die Tasche, unter dem Beifall aller Passagiere, heraus. Nichts fehlte. Der Urlaub war gerettet. Das war wohl der Augenblick, in dem ich mich für immer in Thailand verliebt habe. All die unliebsamen Umstände, die ich hier inzwischen auch erlebt habe, können den Eindruck nicht verwischen, dass ich gerne und mit großer Freude in diesem Land lebe, wo eben so viel schief läuft wie in meiner alten europäischen Heimat.

Gerade las ich, dass ein vor 18 Jahren illegal von Mexiko in die USA eigereistes Ehepaar aus Überzeugung Donald Trump zum Präsidenten gewählt hat, weil man ihnen versichert hatte, seine Androhungen seien nur Wahl-Rhetorik. Jetzt sitzen sie in Abschiebehaft.

Vorurteile bestimmen unser Leben. Wir wissen nichts, hören etwas, und schon haben wir uns eine Meinung gebildet. Ganz Europa und die halbe Welt verteufelt pauschal den Islam, aber kaum einer kennt ihn. Was wir wissen, erfahren wir meistens über die Medien. Wenn die AfD von Lügenpresse spricht, dann, weil die Presse die Ansichten dieser Partei nicht teilt. Trotzdem gibt es auch bei der AfD einige Punkte, die man ernst nehmen muss. Aus dem Kontext der Parteien ist sie allerdings ausgeschlossen, denn es kann ja nicht sein, dass einige ihrer Repräsentanten das Holocaust-Denkmal in Berlin als Schandmal bezeichnen. Mir persönlich erscheint die AfD als Kollateralschaden der Nazis. Vorurteile, wohin man schaut. Der eine sieht in der Religion das Elend der Welt, der andere im Kapitalismus.

Ich komme zurück auf das Private: Gerd will sich mit uns nicht mehr treffen, weil Egon dabei ist. Harald hat etwas gegen Somschai. Und solange jeder etwas gegen einen anderen hat, kann es kein friedliches Miteinander geben. Dabei wäre es mit etwas Toleranz doch ganz einfach.

Kein Land braucht zusätzliche Gebiete. Kein Land braucht zusätzliche Ressourcen, und wenn, dann kann man sie kaufen. Kein Land muss deshalb ein anderes bedrohen. Wir könnten alle miteinander in Frieden leben und unterschiedliche Ansichten in Gesprächen und Kompromissen lösen. Warum passiert das nicht? Weil wir alle vollgestopft sind mit Vorurteilen. Natürlich ungeprüft und schon gar nicht hinterfragt. Die Leute, die das Sagen haben, wissen das und nutzen es auch weidlich aus. Ob Politiker oder Indus­triekapitäne, ihr Kompass ist immer auf den eigenen Vorteil gerichtet. Es geht darum, die Mehrheit mit Scheinargumenten auf ihre Seite zu ziehen. So funktionieren bis auf den heutigen Tag die Politik und der Kapitalismus. Wer dazwischen geht, häufig sind das Nichtregierungsorganisationen (NGO‘s), wird hart bekämpft, mit Prozessen überhäuft solange, bis sie aufgeben. Wie dieser Kampf aussehen kann, sehe ich ja schon, wenn ich in den Supermärkten an den Regalen vorbei gehe: 50 verschiedene Joghurts, 60 verschieden Müslis und mindes­tens 30 verschiedene Schokoladensorten buhlen um meine Aufmerksamkeit. Wie soll ich mich entscheiden? Ich lese das Kleingedruckte und denke: Diese Marke ist für mich die beste. Dummes Zeug! Papier ist geduldig, alle Angaben sind für mich unüberprüfbar. Die gesamte Industrie lebt von den Vorurteilen, die sie mit ihrer Werbung in uns erzeugt hat.

Ich wünsche allen, dass ihr Vorurteil sie an das gewünschte Ziel führt.

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