Kompromisse

Kann es sein, dass wir, jeder von uns statt seiner Selbst ein Kompromiss ist? Immer hin und her geschüttelt zwischen irgendwelchen Alternativen? Beruf erlernen oder studieren? Allein bleiben oder heiraten? Kinder zeugen oder darauf verzichten? Täglich drängen Fragen auf uns ein. Wir müssen uns entscheiden. Und danach kommt die Zeit, dann merken wir plötzlich, an welcher Ecke unseres Lebens wir uns falsch entschieden haben: Hätte ich damals, ja dann… Die Chance ist verpasst und kommt nicht wieder. Und irgendwann stellt jeder für sich fest: Ich bin ein Kompromiss, habe mich dort für ja, dort für nein entschieden, und aus all den Kompromissen bin ich entstanden, so wie ich heute bin, aber morgen sicher gar nicht mehr sein werde.

Geheiratet, geschieden, allein. Neue Verbindung oder besser nicht? Kaum etwas hat Bestand. Gestern noch Heimat, eigenes Haus und Geschäft, heute heimatlos, arm und auf der Suche nach Zukunft.

Andere haben aus ihrem politischen Selbstverständnis an den Wahlen teilgenommen, haben eine Partei gewählt, deren Programm ihren Vorstellungen am nächsten kam. Aber da sie nicht die Mehrheit errungen hat, musste sie koalieren. Das bedeutet in jedem Fall Abstriche vom eigenen Programm zu machen, Positionen aufzugeben, Kompromisse einzugehen, schlimmstenfalls Kröten zu schlucken. Plötzlich ist eine Regierung an der Macht, die Sie zwar mitgewählt haben, die aber nicht mehr Ihre Ansichten und Ziele vertritt.

Kompromisse, wo wir hinschauen. Wer zum Beispiel heiratet, glaubt an sein persönliches Glück, ist ja soo verliebt, bis er merkt: Eigentlich hatte ich mir mein Leben ganz anders vorgestellt. Kompromissfähigkeit ist gefragt. Wer dazu nicht fähig ist hat schon verloren. Es folgt die Scheidung, oft der Anfang der Verarmung, wenn auch vielleicht besser, als in einem Gefängnis persönlicher Abhängigkeiten zu stecken, in denen selbst das Atmen schwer fällt.

Ja, das Leben ist ein einziger Kompromiss. Glücklich, wer eine Entscheidung trifft, die ihn anscheinend weit fort trägt von dem Ort seiner bitteren Niederlage. Wer sich entscheidet, noch einmal ganz neu anzufangen, irgendwo in einem anderen Land, beispielsweise in Thailand. Viele Hunderttausend Menschen haben diesen Weg gewählt, leben heute hier in Thailand, dem Traumland von Millionen Urlaubern. Aber sind sie hier glücklicher als vorher? Ich weiß es nicht. Ich kenne Farangs, die hier ihr Paradies gefunden haben. Ich kenne aber auch andere, die hier gescheitert sind, gescheitert an Frauen, die so lange Liebe vorgetäuscht hatten, bis sie endlich an das Vermögen ihrer Liebeskasper kamen, um das es ihnen ausschließlich ging.

Um ein Zwischen-Fazit zu ziehen: Keiner von uns ist vor falschen Entscheidungen gefeit, egal, ob im Zustand rationaler Erwägungen oder im Zustand einer sexuellen Ausnahmesituation. Diese ständige Forderung Entscheidungen zu treffen, Kompromisse eingehen zu müssen, sie macht uns fertig. Schauen Sie sich mal die Gesichter der meisten Bundestagsabgeordneten an: Grau, verhärmt, faltig, zerknirscht, und die Mundwinkel hängen herunter bis ans Kinn. Das ist der Preis all der Kompromisse, denen sie zustimmen müssen. Gut bezahlt zwar, aber mit welchen Folgen? Und hinzu kommt noch die Angst: Werde ich noch einmal wiedergewählt? Sind sie nicht bedauernswert? Das Bedauern ist endlos, und am glücklichsten sind diejenigen, denen die großen Entscheidungen erspart geblieben sind. Ich denke dabei an Harry. Der machte in Pattaya eine Bar auf und investierte sein gesamtes Vermögen in den Umbau und die tolle Einrichtung. Als dann nicht die erhofften Einnahmen eintrafen, tat er sich mit einem Teilhaber zusammen. Der war cleverer als er. Scheiß Entscheidung! Scheiß Kompromiss! Er sprang vom Balkon eines Condos und ist nun aller Kompromisse enthoben. Sven fand hier das Glück seines Lebens, heiratete zum dritten Mal. Diese Ehe dauerte gerade mal neun Monate. Das reichte aber aus, um einen Nachkommen in die Welt zu setzen, den er, solange er lebt, zu versorgen hat.

Letztes Fazit: Es gibt keinen faulen Kompromiss, aber jeder Kompromiss ist auch ein Beschiss!

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