Der Sündenbock

Sündenböcke gibt es überall auf der Welt. Präsident Trump gehört nicht zu ihnen, weil man ihn noch nicht in die Wüste geschickt hat. Hoffnungsvoll betone ich das Wort „noch“. Sündenböcke sucht man sich aus, um von eigenen Fehlern abzulenken, um Feindbilder zu erzeugen oder um sich über andere zu erheben. Ich war in meinen ersten Schuljahren so einer. Der größte, stärks­te und zugleich dümms­te Mitschüler hatte mich ausgeguckt. Er schlug mich, wo immer es ging, und der Rest der Klasse sah johlend zu. Es war purer Neid, denn ich war oft Klassenbester. Den muss man doch dafür piesacken!

Wohin wir schauen, wir finden Sündenböcke. Eine der jüngsten Erscheinungen war Martin Schulz. In kürzes­ter Zeit wurde er vom Erlöser zum Verweser der SPD. In jeder Firma gibt es Mobbing-Opfer, moderne Sündenböcke. Hinter ihnen kann man allen Klatsch verstecken, ihnen kann man auch allen Klatsch anhängen. Früher waren es oft Behinderte, denen man gerne nachsagte, dass sie ihr Kreuz für früher begangene Missetaten zu tragen hätten. Im „Dritten Reich“ missbrauchte man ganze Völkergruppen als Sündenböcke: Juden, Sinti, Homosexuelle oder politische Gegner wurden pauschal abges­tempelt und ins KZ gesteckt oder vergast. Ähnlich erging es manchen Frauen, die vorgaben über besondere Heilverfahren zu verfügen. Sie wurden als Hexen gebrandmarkt und öffentlich verbrannt. Manchmal kommen mir auch Fußballtrainer so vor als wären sie Sündenböcke. Nach einigen verlorenen Spielen schickt man sie nach Hause, obwohl sie gar nicht mitgespielt haben. Es sind die elf Spieler, die ihre taktischen Ratschläge nicht umgesetzt haben. Jeder – und das meine ich sehr ernst – kann von heute auf morgen zum Sündenbock werden Aus einem unbedachten „Tweet“ kann in Minuten eine millionenfache Empörung werden, die den Verfasser in der Versenkung verschwinden lässt. Wie viele „Stars“ haben wir in unserem Leben schon erlebt, die plötzlich weg waren, vergessen, keiner hat mehr nach ihnen gefragt. Vielleicht entsprachen sie nur nicht den sexuellen Wünschen ihrer Produzenten?

Ein Sündenbock ist immer eine arme Sau. Er hat zu seinem Schicksal in der Regel nichts beigetragen. Er wurde zum Sündenbock gemacht, weil es Leute gab, die so ein Bauernopfer brauchten. In meiner Familie gab es einen Mann, der hatte zu Beginn des letzten Weltkrieges eine Villa von einem Juden zu einem günstigen Preis erworben. Dieser Verkäufer meldete nach Kriegsende Ansprüche an, weil er angeblich gezwungen wurde, zu einem Preis zu verkaufen, der weit unter dem wahren Wert lag. Er bekam recht und seine Villa zurück. Aber der Käufer von damals galt fürderhin als ein raffgieriger Sündenbock und war in der Familie nicht mehr gelitten, obwohl sie mehr Dreck am Stecken hatte als dieser Mann.

Sündenböcke – soweit man sieht! Oft sind es nur die sogenannten „schwarzen Schafe“ in der Familie, manchmal diejenigen, die sich nicht vereinnahmen lassen und ihre eigenen Wege gehen. Sollten sie dann aber – entgegen aller Erwartungen – Erfolg haben, dann buhlen alle um den berühmten Star in der Familie. Er tut gut daran sie zu ignorieren. Wie viele Künstler haben sich gegen den Willen ihrer Eltern durchgesetzt und sind zu Weltstars geworden. Die Liste ist endlos. Das beweist, Rebellion führt nicht automatisch mehr zum Sündenbock, zumindest nicht in heutiger Zeit. Wer eigene Wege geht – ich weiß es aus eigener Erfahrung – der hat nicht immer Erfolg, aber er hat wenigstens die Chance seine Ideale zu verwirklichen. Auf diesem Weg zerplatzen natürlich auch viele Träume. Wollen wir einige ans Licht zerren? Nein, Sie kennen diese Looser in ihrem Umfeld doch selbst. Dass ein angehender Kabarettist heute wieder Lehrer ist (er hat sich später dafür bei mir bedankt), hat damit zu tun, dass ich ihm nach der Premiere glasklar gesagt habe: Du versäumst damit deinen eigentlichen Beruf. Er war nicht der Einzige. Dagegen habe ich viele andere, die an ihrem Talent zweifelten, ermutigt, ihren Weg weiter zu gehen, auch wenn der große Erfolg noch in einiger Entfernung lag.

Zurück zu den Sündenbö­cken. Der Begriff stammt aus dem Hebräischen und liegt 2.000 Jahre zurück. Einmal im Jahr, am Erlösungstag der Juden, jom Kippur, haben die Hohen Priester zwei Ziegenböcke ausgewählt. Dem einen legte der Priester die Hand auf das Haupt und übertrug ihm damit alle Sünden des Landes, bevor er ihn in die Wüste jagte, wo das Tier, ohne jede Nahrung jämmerlich verreckte. Der andere Bock wurde geschlachtet und zum Mittelpunkt eines ausgelassenen Festes.

Schön, wenn wir uns der Despoten auf diese Weise entledigen könnten. Aber das muss jedes Volk für sich entscheiden. Wir selbst haben es auch nicht geschafft, uns von Hitler zu befreien, dazu bedurfte es der Alliierten. Und manch anderes Land braucht ebenfalls die Hilfe von außen, um sich ihrer Diktatoren zu erwehren, denn Freiheit gibt es nicht gratis.

Da stellt sich die Frage: Wollen wir den Sündern auch heute noch die Chance geben, einen Ziegenbock anstatt sie in die Wüste zu schicken? Man hat doch inzwischen ganz andere Strafen erfunden. Ein Banker, der Millionen oder Milliarden in den Sand setzt, der wird vielleicht dafür bestraft, aber seine Bank zahlt, obendrein noch hohe Abfindungen. Wer jetzt an die Deutsche Bank denkt oder an VW, der liegt nicht ganz daneben. Der einfache Bürger reibt sich verwundert die Augen. Er muss für alles, was er angestellt hat, selbst eintreten, während Aufsichtsräte ganze Vermögen verbrennen, ohne dafür belangt zu werden.

Manchmal denke ich wirklich, wir sollten uns der alten Rituale erinnern und diese Betrüger dahin schicken, wo sie hingehören. Aber dann fällt mir ein: Dafür ist die Wüste gar nicht groß genug.

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