Hunderttausende demonstrieren weltweit gegen Rassismus

Etwa 15.000 Menschen demonstrieren während einer Mahnwache zum Thema
Etwa 15.000 Menschen demonstrieren während einer Mahnwache zum Thema "Black Lives Matter" auf dem Alexanderplatz in Berlin. Foto: epa/Omer Messinger

BERLIN: Der brutale Tod des Schwarzen George Floyd in den USA ruft weltweit Wut und Trauer hervor - und ist der Auslöser für große Proteste, auch in Deutschland.

Weltweit haben am Wochenende Hunderttausende Menschen gegen Rassismus und Polizeigewalt demonstriert. Auslöser war der Tod des Schwarzen George Floyd in den USA bei einem brutalen Polizeieinsatz Ende Mai. Auch in Deutschland gingen Menschen in zahlreichen Städten auf die Straße, besonders viele waren es in München mit rund 25.000 Teilnehmern. Kritik gab es an den deutschen Demos, weil der wegen der Corona-Pandemie geltende Mindestabstand nicht überall eingehalten wurde.

In den USA gingen die Menschen in Philadelphia, New York, Washington und weiteren Städten auf die Straße und forderten Gerechtigkeit für Floyd. In der Umgebung der verbarrikadierten Regierungszentrale in Washington hielten Demonstranten am Samstag (Ortszeit) Schilder mit Aufschriften wie «Kein Frieden ohne Gerechtigkeit» oder «Ich kann nicht atmen» in die Höhe - letzteres hatte Floyd mehrfach verzweifelt gesagt, als ihm der weiße Polizist sein Knie in den Nacken drückte.

Washington hat sich zu einem Zentrum der Proteste entwickelt - auch weil sich ein Teil der Wut gegen US-Präsident Donald Trump richtet. Trump hat Floyds Tod mehrfach verurteilt und das Recht auf friedliche Proteste betont. Ihm wird jedoch vorgeworfen, sich nicht klar gegen Rassismus zu positionieren und kaum Verständnis für den Zorn über Diskriminierung und Ungerechtigkeit im Land zu zeigen.

Auch in Städten wie Rom, London, Paris und Kopenhagen demonstrierten am Wochenende Tausende Menschen gegen Rassismus. In Deutschland waren für Samstag in rund 25 Städten Anti-Rassismus-Demonstrationen geplant gewesen. Die Veranstalter hatten dazu aufgerufen, in schwarzer Kleidung zu erscheinen und der Tat schweigend zu gedenken. In Hamburg folgten rund 14 000 Menschen dem Aufruf, in Düsseldorf waren es rund 20 000 Teilnehmer.

Auf dem Berliner Alexanderplatz kamen am Samstag rund 15.000 Teilnehmer zusammen. Bei einer Schweigeminute setzten sie sich auf den Boden. Sie dauerte genau 8 Minuten und 46 Sekunden - so lange hatte der Polizist Floyd am 25. Mai sein Knie in den Nacken gedrückt, bis dieser sein Bewusstsein verlor und kurz darauf starb. In den Vereinigten Staaten war es daraufhin zu Protesten und teilweise auch Ausschreitungen gekommen.

Auch Stars der Fußball-Bundesliga setzten am Wochenende ein Zeichen. Schweigend sanken die Profis vor den Partien in Dortmund am Samstag und Bremen am Sonntag rund um den Mittelkreis nieder, um sich mit den Demonstranten in den USA und den Protesten weltweit solidarisch zu zeigen.

Integrationsstaatsministerin Annette Widmann-Mauz hatte vor den Demos dazu aufgerufen, mehr Bewusstsein für rassistische Diskriminierung zu entwickeln. «Rassismus gibt es auch in Deutschland - in der Schule, auf der Straße, im Job, in Bus und Bahn, im Freundeskreis», sagte die CDU-Politikerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Dieser müsse erkannt, benannt und in allen Bereichen bekämpft werden.

Bei Protesten in Frankfurt am Main, an denen sich etwa 8000 Menschen beteiligten, fragte eine Rednerin: «Wen ruft man im Notfall, wenn man nicht mal der Polizei vertrauen kann?» Ein junger schwarzer Mann kritisierte sogenanntes Racial Profiling, Kontrollen auf Basis äußerlicher Merkmale: «Jeder kennt die Blicke, das gemütliche Herspazieren von Polizisten - und dann die verdachtsunabhängige Kontrolle.»

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) zeigte Verständnis für die Proteste, äußerte sich aber besorgt über dichten Menschenmengen während der Corona-Pandemie. «Der Kampf gegen Rassismus braucht unser gemeinsames Engagement», schrieb Spahn auf Twitter. «Doch dicht gedrängte Menschenmengen mitten in der Pandemie besorgen mich.» Auch bei wichtigen Anliegen gelte: «Abstand halten, Alltagsmaske tragen, aufeinander acht geben.»

Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), Rainer Wendt, forderte mehr Vorsicht und Respekt bei Demonstrationen wie am Samstag. Die Bereitschaft, sich an Abstandsregeln zu halten, sei «so gut wie nicht erkennbar» gewesen, sagte Wendt den Zeitungen der Funke-Mediengruppe (Online: Sonntag, Print: Montag). «Die meisten Teilnehmenden hielten sich nicht an Abstandsregeln.»

Über die Ansteckungsgefahr in Gruppen, die draußen zusammenkommen, ist wenig bekannt. Einen Einfluss könnte der Lärm bei Demos haben: Wie feucht die Aussprache ist, hänge unter anderem von der Lautstärke beim Sprechen ab, hatte Umweltmedizinerin Claudia Traidl-Hoffmann vom Helmholtz Zentrum München kürzlich erläutert. Prinzipiell ist die Ansteckungsgefahr aber draußen wesentlich geringer als in Innenräumen.

Die Demonstrationen in Deutschland verliefen weitgehend friedlich, einige Vorfälle gab es aber: In Hamburg etwa kam es im Anschluss an die Proteste zu Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Aus der Gruppe heraus sei Pyrotechnik gezündet worden. Zwei Beamte wurden laut Polizei verletzt. In Berlin wurden aus einer größeren Gruppe heraus laut Polizei Steine und Flaschen auf Polizisten und Passanten geworfen. Demnach wurden 93 Menschen festgenommen und 28 Polizeibeamte leicht verletzt. Auch in Stuttgart gab es mehrere Zwischenfälle.

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Ingo Kerp 08.06.20 13:51
Wenn man die dicht gedrängte Masse Mensch bei den Demonstrationen sieht, zum großen Teil ohne Fesichtsmaske, so müßte das doch ein "Testlauf" für die befürchtete 2. Corona-Welle sein. Man darf gespannt sein, wieviele Infizierte durch diese Massenzusammenkünfte in den Hospitälern erscheinen.
TheO Swisshai 08.06.20 09:23
Hans Gröschl / Rassismus
Die Frage ist doch, ob ein Weißer auch so angepackt und umgebracht worden wäre. Was denken Sie ?