Was ist wichtig? Was ist altmodisch?

Da stehen junge Leute acht Stunden an, um ein Ticket für die Band zu bekommen, die in 3 Monaten den Saal in der Stadt rocken soll. Da stehen Menschen aller Altersklassen früh um 5 Uhr auf, um das neueste technische Gerät zu erwerben, das ihnen neue Innovationen bringen soll. Und meine Nichte Nora stand damals schon in aller Frühe vor der Buchhandlung in einer langen Schlange an, weil sie unbedingt zu den ersten Lesern des jüngsten Harry-Potter-Bandes gehören wollte. Da frage ich mich: Wo leben wir? Sind wichtige Themen unwichtig geworden? Gilt es nur noch, seine kleinen individuellen Bedürfnisse zu befriedigen?

Jeder weiß, dass unsere Welt auf vielerlei Weise bedroht ist. Es scheint aber wenig Eindruck auf die Menschheit zu machen. Die USA unter Trump tun nichts, um dieses Problem zu lösen. Im Gegenteil. Sie hetzen, drohen und beleidigen wo immer es geht. Die Welt befindet sich in einem Chaos, und der Mann, den kaum einer mehr ernst nimmt, hat den Finger am roten Knopf. Die meisten Menschen reagieren mit einer Mischung aus Resignation und „Hoffentlich geht es gut“. Und ganz viele Leute vergessen darüber, was wirklich wichtig ist für ihr Leben.

Ich bin ein alter altmodischer Rentner, lebe seit über 20 Jahren hier in Thailand und genieße meine Freiheit. Ich bin (oder war) Radfahrer und besaß nie einen Führerschein oder ein Auto. Trotzdem bin ich überall hingekommen und meistens billiger als mit einem eigenen Auto. Ich verfüge über kein iPhone, sondern begnüge mich mit einem billigen Handy. Allerdings habe ich mir auf meine alten Tage noch einen Computer angeschafft, mit dem ich E-Mails empfangen und senden, einige Zeitungen lesen und die Mediathek sehen kann. Für mich ist das völlig ausreichend. Und wenn ich dann als altmodisch ausgelacht werde, frage ich diejenigen, die glauben auf der Höhe der Zeit zu sein: „Was glaubt ihr denn mir voraus zu haben“? Dann ist erstmal Ruhe. „Ihr haltet euch für modern und verplempert eure Zeit mit Facebook und Twitter. Nichts an euch ist modern. Ihr seid die altmodischen Verführten der Neuzeit.

Dann erzähle ich diesen jungen Leuten nach welchen Idealen ich erzogen worden bin. Das waren Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit (ich glaube mich zu erinnern, dass dem Altkanzler Schmidt einmal vorgeworfen wurde, mit diesen Tugenden könne man auch ein KZ führen). Tatsache ist, mir fehlt nichts, was junge Leute heutzutage unbedingt brauchen. Ich lese gern und viel. Darauf verzichten viele dieser technik-begeisterten Kids. Ihr Internet mit Facebook und Twitter ersetzt all diese Dinge, die über viele Generationen unsere Kultur begründet haben. Geht diese Kultur langsam den Bach runter? Ich weiß es nicht. Auch die jungen Leute werden älter, und irgendwann bemerken sie vielleicht, dass sie einen Großteil ihrer Zeit mit Unsinn verplempert haben. In einer Quiz-Show sah ich kürzlich, wie ein junger Mann gefragt wurde, ob Thomas Mann ein Müller gewesen war, der das Handwerk innovativ verändert hätte, ein berühmter Schriftsteller war oder die Nähmaschine erfunden hat. Die Antwort war: „Die Nähmaschine“. Bei technischen Fragen hätte er sich sicher besser geschlagen. Meine teilweise als altmodisch angesehenen Ansichten halte ich immer noch für zeitgemäß. Im Gegenteil, ich finde es bedauerlich, dass sie nicht mehr die Akzeptanz genießen, die ihnen eigentlich gebührt. Meine Kinderzeit fand im letzten Krieg überwiegend in Bunkern statt. Respekt gegenüber Älteren war selbstverständlich. Kriminalität war selten. Stattdessen überall Hilfsbereitschaft gegenüber den Flüchtlingen aus dem Osten. Was war daran altmodisch? Wer heute von mir als modern angesehen werden will, der kann gerne alle wichtigen Techniken unserer Zeit beherrschen und nutzen. Aber wenn er die Tugenden seiner Vorfahren nicht mehr ernst nimmt, dann ist er in meinen Augen ein Schnösel, der nichts begriffen hat, der mit der neuesten Technik in eine Zeit reitet, die menschenverachtend nur auf ihren eigenen Gewinn ausgerichtet ist.

Unsere Kultur hat sich über viele Jahrhunderte entwi­ckelt. Zum Teil wurde sie hart erkämpft. Es gab Zeiten, da einige sich für wichtiger hielten als die Mehrzahl der Ärmeren, als sie diese ausbeuteten und versklavten. Klar, das gibt es auch heute noch in einigen Teilen der Welt. Wir sollten mit allen Mitteln dagegen ankämpfen. Alle Menschen haben die gleiche Würde. Wann wird das endlich in die Hirne der Mehrheit eindringen? Wenn ich höre, wie auf den Schulhöfen mit Ausländern geredet wird, könnte ich ausrasten. Diese Ärmsten der Armen, die vor den Todesschwadronen in ihren Ländern geflohen sind, werden hier oft noch so behandelt als wären sie Abschaum. Ich will an dieser Stelle die Wörter nicht wiederholen, die dort für sie benutzt werden. Diese Asylanten werden glücklich sein, wenn sie vielleicht eine Berufsausbildung erhalten, und diejenigen, die sie heute verachten, werden dann wahrscheinlich ihre Chefs sein. Was wird sie dazu befähigen? Ihre Technik-Kenntnis? Das reicht nicht. Sie müssten humanitäre Werte entwickeln, sie müssten den ersten Satz unseres Grundgesetzes nicht nur verstehen sondern auch anwenden. Wer wird ihnen das beibringen in einer Gesellschaft, die nur oben und unten kennt, in der es nur um den persönlichen Vorteil geht? Ja, wahrscheinlich bin ich wirklich zu altmodisch für diese Welt geworden. Und für die Zukunft hege ich keine Illusionen. Aber irgendwann wird jeder Mensch an den Punkt kommen, wo er ein Fazit seines Lebens ziehen muss. Und wenn dann nicht mehr dabei he-rauskommt als „Mein Haus, mein Auto, meine Yacht“ oder „Ich war der Chef. Habe das Unternehmen groß gemacht, indem ich die Mitarbeiter klein gemacht habe“, dann ist das ein trauriges Ergebnis. Aber diese erfolgreichen Modernen werden auch irgendwann modern – mit der Betonung auf der ersten Silbe – falls Sie verstehen, was ich meine.

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