BOSTON: Gut 111 Jahre nach ihrem Untergang hat die legendäre «Titanic» fünf weitere Menschen das Leben gekostet. Das tagelange Bangen um das Schicksal des Tauchboots «Titan» ist trauriger Gewissheit gewichen: Die Männer sind tot. Doch was ist geschehen? Und wie geht es weiter?
Auf der Suche nach dem vermissten Tauchboot «Titan» haben sich alle Hoffnungen zerschlagen. Gerade einmal knapp 500 Meter vom Bug des «Titanic»-Wracks entfernt wurden Trümmer des Gefährts entdeckt. Damit ist klar: Die fünf Insassen sind tot. «Die «Titanic» hat 111 Jahre nach ihrem Verlust fünf weitere Opfer gefordert», hieß es in einer Mitteilung der Titanic International Society, die sich dem Untergang des Luxusdampfers im Jahr 1912 widmet. Die neue Katastrophe im Atlantik dürfte Wissenschaft und Abenteurer noch lange beschäftigen. Manche Fragen sind bereits geklärt, viele sind noch immer offen - und manche werden womöglich nie beantwortet.
Was ist passiert - und wann?
Alles deutet darauf hin, dass der Rumpf des Boots dem enormen Wasserdruck nachgegeben hat und implodiert ist. Der britische frühere U-Boot-Kapitän Ryan Ramsay sagte der Nachrichtenagentur PA, womöglich sei die Luke, die von außen mit 17 Schrauben verschlossen werden musste, defekt gewesen. Eine andere Möglichkeit sei, dass es zuvor einen Defekt im Druckkörper selbst gegeben habe.
Der genaue Zeitpunkt ist noch unbekannt. Sonarbojen hätten kein «katastrophales Ereignis» wahrgenommen, teilte die Küstenwache mit. US-Medien zufolge registrierte aber ein akustisches Unterwassererkennungssystem der US-Navy bereits am Sonntag ein auffälliges Geräusch. Das könnte darauf hinweisen, dass die «Titan» bereits implodierte, als der Kontakt zum Mutterschiff abbrach.
Dem Hollywood-Regisseur und Tiefsee-Entdecker James Cameron zufolge spricht auch der Fundort der Trümmer dafür, dass das Unglück bereits unmittelbar beim Kontaktabbruch geschah, als das Tauchboot noch unterwegs zum «Titanic»-Wrack war. Grund sei, dass nicht nur die Kommunikation mit der «Titan» abbrach, sondern das Boot gleichzeitig auch nicht mehr habe geortet werden können.
Was haben die Insassen von der Implosion des U-Bootes mitbekommen?
«Das einzig Positive ist, dass es sofort geschah und sie nichts bemerkten», sagte Experte Ramsay. Der Druck auf das Tauchboot sei in so großer Tiefe enorm gewesen - die Implosion sei im Bruchteil einer Millisekunde passiert, zitierte der Sender CNN am Freitag die frühere Marineoffizierin Aileen Marty, Professorin für Katastrophenmedizin. Das menschliche Gehirn könne die Lage so schnell gar nicht erfassen. «Das ganze Ding ist kollabiert, bevor die Menschen darin überhaupt bemerken konnten, dass es ein Problem gab», betonte Marty.
Warum ist das U-Boot implodiert?
Bei einer Implosion bricht ein Objekt schlagartig zusammen, wenn der Außendruck größer ist als der Innendruck. Sie steht im umgekehrten Kräfteverhältnis zu einer Explosion. Schon der kleinste strukturelle Defekt kann in großer Tiefe eine solche Katastrophe auslösen.
Erkenntnisse darüber dürften sich die Experten von den entdeckten Trümmerteilen erhoffen. Während Personal und Schiffe nun vom Unfallort abgezogen werden, gehe die Operation auf dem Meeresboden zunächst weiter, teilte die US-Küstenwache mit. Im Moment konzentriere man sich darauf, den Ort zu dokumentieren. Die Daten würden analysiert. Die «Titanic» liegt in rund 3800 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund.
Im Einsatzgebiet rund 700 Kilometer südlich der kanadischen Insel Neufundland hatten Trupps aus den USA und Kanada mit Hilfe weiterer Länder seit Verschwinden des Boots am Sonntag eine großangelegte Suche sowohl an der Wasseroberfläche als auch in der Tiefe des Ozeans gestartet. Im Einsatz waren Schiffe, Flugzeuge, Tauchroboter und andere Spezialausrüstung.
Können die Leichen geborgen werden?
An Bord der «Titan» waren der Franzose Paul-Henri Nargeolet (77), der britische Abenteurers Hamish Harding (58), der britisch-pakistanische Unternehmensberater Shahzada Dawood (48) und dessen 19-jähriger Sohn Suleman sowie der Chef der Betreiberfirma Oceangate, Stockton Rush (61), der das Boot steuerte. Auf die Frage, ob ihre Leichen geborgen werden könnten, gab es zunächst keine Antwort. Es handele sich in der Gegend des «Titanic»-Wracks um eine «unglaublich erbarmungslose Umgebung», teilte die Küstenwache lediglich mit. Ob sie damit andeutete, dass die Körper durch die Implosion zerstört wurden oder ob sie sich auf Schwierigkeiten bei der Bergung bezog, blieb unklar.
Hätte das Unglück vermieden werden können?
Nach Angaben verschiedener Experten hatten die Entwickler und Betreiber des Tauchboots anerkannte Standards umgangen und Warnungen missachtet. Medienberichten zufolge warnte schon 2018 ein Brief der Organisation Marine Technology Society (MTS) vor dem experimentellen Charakter des touristischen Angebots, und dass die Fahrten in einer Katastrophe enden könnten. Auch ein ehemaliger Oceangate-Mitarbeiter soll bereits vor fünf Jahren Sicherheitsbedenken geäußert haben.
«Titanic»-Regisseur James Cameron sieht gar Parallelen zur Katastrophe des Jahres 1912. ««Titan», «Titanic», wissen Sie, der Größenwahn, die Arroganz. Das ist alles wieder da», sagte Cameron der BBC in einem am Freitag ausgestrahlten Interview. «Es ist eine große Ironie, dass da jetzt ein weiteres Wrack neben der «Titanic» liegt, und zwar aus dem gleichen Grund» - weil die Warnungen nicht beachtet worden seien, sagte Cameron.
Das Unternehmen äußerte sich laut BBC zunächst nicht zu den Vorwürfen. Oceangate-Mitbegründer Guillermo Söhnlein verwies im Gespräch mit dem Radiosender BBC 4 auf die 14-jährige Entwicklungsdauer der «Titan». Wer daran nicht beteiligt gewesen sei, dürfe sich kein Urteil anmaßen, so Söhnlein, der nicht mehr aktiv in dem Unternehmen ist, aber noch Anteile daran hält.
Welche Konsequenzen hat die Katastrophe?
Die Erforschung der Tiefsee in internationalen Gewässern, in denen die «Titan» unterwegs war, ist weitgehend unreguliert, wie der Meereskunde-Experte Simon Boxall von der University of Southampton der BBC sagte. Spekuliert wird nun, dass sich dies infolge der «Titan»-Tragödie ändern könnte.
Charles Haas von der Titanic Society sagte: «Die «Titanic» hat der Welt die Gefahren von Hybris und übermäßigem Vertrauen in Technologie aufgezeigt. Das tragische Ende dieser Expedition hat gezeigt, dass diese Lektionen noch gelernt werden müssen.» Haas forderte eine Debatte über Reisen zum Wrack des Dampfers «im Namen der Sicherheit».
Das Problem mit den Warnungen ist: Es gibt sie IMMER - und wenn etwas schiefgeht, hatten die Warner offenbar recht.
Andererseits stimmt auch, dass es ohne das Ignorieren von Warnungen gar keinen Fortschritt gäbe - es geht also in Wahrheit weniger um die Warnungen, als um die gewissenhafte Vorbereitung, die versucht, offenkundige Mängel auszuschließen.
Wenn etwas schief geht, war die Sache offenbar nicht gut genug vorbereitet. Wenn es gut geht, war sie es möglicherweise - oder man hat einfach Glück gehabt.
HIER scheint es tatsächlich an einer gewissen Hybris - und damit durchaus vergleichbar mit der Titanic - gelegen zu haben, sehr berechtigte Warnungen ignoriert zu haben: Vorher war es mit viel Glück ein paar Mal gutgegangen, aber das Material ermüdet halt auch. Dann ist das zunächst sicher noch ein gutes Tauchboot für den Schelfbereich - aber unter dem gewaltigen Druck der Tiefsee rächen sich auch kleinste Schwachstellen.
Eine Zertifizierung wird persönliche Selbstüberschätzung (wie hier offenbar gegeben - der mitgereiste Chef hatte sich ja recht selbstgewiss geäußert) ausschließen können - aber natürlich auch keine absolute Sicherheit herstellen können.