Sorglos im „Trallala“ leben

Ja, ich weiß es, und nicht erst seit heute. Ich schreibe an gegen eine Welt, die sich dem „Trallala“ verschrieben hat: Wir wollen genießen, wir wollen, dass es uns gut geht. Wir wollen nichts mehr hören von Gewalt, Hunger und Elend. Und ich bin der Kaspar, der immer noch glaubte, dass die Menschen sich darauf besinnen würden, dass es nur eine Welt gibt, die ebenso vergänglich ist wie jeder Mensch.

Aber dem ist wohl nicht so: Wir sind programmiert auf Happiness, auf Spaß und Fun. Und der Rest geht uns nichts an. Eigentlich spricht ja auch nichts dagegen. Die Wirtschaft prosperiert, das Gehalt hat wieder einen Schub erhalten, und der nächste Urlaub auf die Malediven ist fest gebucht. Die Herren, die ich gerade im Auge habe, wird man wohl in Thailand wiedersehen. Europa im Frieden, so viele Jahre wie nie zuvor. Das muss doch gefeiert werden. Inzwischen blättert so mancher schon im Atlas, um ein Land zu finden, wo er noch nicht war. Wir sind nicht nur Weltmeister im Reisen. Wir kennen auch die genussreichs­ten Speisen der Welt. Wir wissen, welches Land der Welt spezielle Angebote für uns bereithält. Und wir bedienen uns dieser Angebote, ohne zu hinterfragen, was sich dahinter verbirgt. Für die Betroffenen meistens Nachteile. Klar, wir müssen auch arbeiten, aber dann wollen wir auch feiern. Dieses ewige Gequake der Moralisten nervt doch nur. Das Leben ist ein Fest. Man muss nur daran glauben und dann loslegen. Und jeder, der uns an unserem Spaß hindern will, der soll sich in ein Klos­ter zurückziehen. Dort kann er jammern und beten solange er will. Ich hingegen will mein Leben feiern. Ich will Liebe, Glück und Wohlergehen. Was rund um mich her passiert, interessiert mich nicht. Damit habe ich, glaube ich, alles beschrieben, was die Menschen im Westen bewegt.

Ich fliege mit meiner Familie nach Brasilien. Laikarin aus Syrien kümmert sich um die Katze und den Garten und wird dafür anständig bezahlt. Ich habe mir meinen Wohlstand durch harte Arbeit erworben. Wer dagegen anstinkt, das sind doch nur die Faulpelze, Asylanten oder Hartz-4- Empfänger. Die wissen doch gar nicht was Arbeit heißt. Wenn die morgens aufstehen, habe ich schon mehr als die Hälfte meines Tagesverdientes in der Tasche. Hören Sie doch endlich auf mit dem Gequatsche von den armen Arbeitslosen! Wenn die wollten, könnten sie schon morgen einen neuen Job antreten. Wir brauchen massenweise Facharbeiter und finden sie nicht. Ich war kürzlich mit meiner Familie auf Bali. Herrlich! Ein Paradies! Klar, da gibt es auch Bettler, aber wo gibt es die nicht? Die denken, einfach mal die Hand aufhalten, und schon ist das Essen für den Tag bezahlt. Nein, mit mir, Hannes Wohlers aus Dortmund läuft das nicht. Die sollen arbeiten und dann ist das Problem gelöst.

Okay, ich hatte mit meiner Familie einen wunderschönen Urlaub unter Palmen am Meer. Aber dann passierte etwas, was ich keinem Menschen wünsche: Als ich heimkam, waren mein Haus und meine Bäckerei abgebrannt. Und ich war nicht versichert. Da stand ich vor den Scherben meines Lebens. „Trallala“ war beendet. Heute lebe ich mit meiner Familie von den Sozialleistungen meiner Heimatstadt. Was kann jetzt noch kommen? Keine Bank bewilligt mir einen Kredit. Ich stehe auf der gleichen Stufe wie Laikarin, meine frühere Urlaubs­aushilfe. Ich habe angefangen, über Gerechtigkeit nachzudenken. Das hat mich früher nie interessiert. Aber jetzt denke ich anders. Da müsste sich einiges ändern. Ich habe mich wieder und wieder beworben in anderen Bäckereien. Nur Absagen. Zu alt. Dabei bin ich mit sechsundfünfzig noch rüstig und gesund. Aber das interessiert offensichtlich niemand. „Trallala“ findet jetzt woanders statt. Ich sitze auf dem Sofa in meiner Sozialwohnung, schaue auf den Fernsehmonitor und weiß mit meiner Zeit nichts anzufangen. Und plötzlich fällt mir meine Nachbarin aus Syrien wieder ein. Laikarin lebt ja jetzt unter den gleichen Umständen wie ich. Sie spricht inzwischen auch einigermaßen deutsch. Kürzlich haben wie sie mal zum Kaffee eingeladen. Sie erzählte uns von ihrer schrecklichen Vergangenheit und wie froh sie sei, jetzt hier unter sicheren Bedingungen leben zu dürfen. Dabei bemerkte ich, dass ich eigentlich auch Grund hatte glücklich zu sein hier zu leben, wo keiner verhungern muss. Auch ohne „Trallala“ gibt es ein lebenswertes Leben. Klar, manchmal denke ich noch an den letzten Urlaub auf Bali zurück, aber das ist gelebte Vergangenheit. Manchmal bin ich verwundert über Menschen, die auf dem Weg sind zu einer Party oder zu einem besonderen Event. Das kommt mir so fremd vor. Aber das war auch mal meine Welt.

Heute denke ich völlig anders darüber: Das ist doch alles nur Schein. Andererseits: Warum sollen diese Menschen nicht auch ihr Vergnügen haben. Um an dieser Stelle Goethe zu zitieren: „Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste“! Dabei ist oft vieles nur Schau und Maske. Und im Zweifelsfall nichts als Tragödie. Viele Menschen, die ich fragte, wie es ihnen gehe, antworteten: „Danke, bestens“. Und dann las oder hörte ich, sie seien tot, oder schwer krank, hätten ihren Job verloren oder sich umgebracht. Um es auf den Punkt zu bringen. Das Leben ist alles andere als ein „Trallala“. Es ist eine Aufgabe, es ist eine Verpflichtung, wenn auch mit frohen Unterbrechungen. Aber verantwortlich für den Zustand dieser Welt sollte jeder Einzelne von uns sich fühlen. Jeder!

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