Rallye der Solidarität für drei Mordopfer

Ravensburger Bluttat: Ungewöhnliche Spendenaktion und ihre Hintergründe

Unerwartete Hilfe von „Farangs“: der Schweizer Hansruedi Bütler (rechts) und Sam Gruber mit Mutter Daeng Chida in Nong Hin bei der Übergabe eines symbolischen Spendenschecks. Fotos: Gruber
Unerwartete Hilfe von „Farangs“: der Schweizer Hansruedi Bütler (rechts) und Sam Gruber mit Mutter Daeng Chida in Nong Hin bei der Übergabe eines symbolischen Spendenschecks. Fotos: Gruber

THAILAND: Es gibt viele Geschichten zwischen europäischen Männern und ihren thailändischen Urlaubsbekanntschaften. Sie füllen Bücher und Zeitungen. Die meisten gehen nicht so aus, wie sich beide Seiten das vorgestellt hatten. Manche sorgen für Heiterkeit, wenn der spitzzüngig als „Liebeskasper“ verrufene westliche „Farang“ alles wahrhaben will, nur nicht die Realität.

Selten hat die Verbindung einer Dorfschönheit aus dem nordostthailändischen Isaan mit ihrem hinein geheirateten Lebenspartner ein so furchtbares Ende genommen wie die von Lamai Rubino aus Kalasin. Sie und ihre beiden Töchter wurden im Juli in Deutschland vom eifersüchtigen Ehemann mit einer Axt erschlagen. Im Epilog dieser Tragödie ereignete sich etwas, das nicht ganz klassisch in die Vorstellungswelt vieler Thailandkritiker passt.

Dreimal mit der Axt hingerichtet

Was den Schichtarbeiter Antonio Rubino (53) dazu bewogen hat, in den Morgenstunden des 2. Juli in Ravensburg-Untereschach seine Frau Lamai (37) und deren leibliche Töchter Su (18) und Pear (14) wie in einem Blutrausch zu meucheln, das wird nie geklärt werden können. Der Täter erhängte sich am 17. August in der Strafanstalt Hinzistobel bei Ravensburg. Mit seinem Tod wurde die Mordakte Rubino geschlossen.

Neffe Poo vor dem frischen Urnengrab am Friedhof in Nong Hin: mit Spendengeldern finanziert.
Neffe Poo vor dem frischen Urnengrab am Friedhof in Nong Hin: mit Spendengeldern finanziert.

Möglicherweise hätte man vor Gericht aufschlussreiche Details zur Vorgeschichte dieser unheilvollen Liaison zwischen einer Thailänderin und einem gebürtigen Italiener mit Wohnsitz Ravensburg erfahren. Es kam nicht mehr dazu. Stellvertretend überschlugen sich in sozialen Netzwerken die Kommentare derer, die trotzdem wussten, warum es so kommen musste.

Die Abschlussbilanz der Hobby-Psychologen förderte bekannte Gemeinplätze zutage: der heißblütige Südländer, die ihn betrügende Thai-Sirene, der zugedrehte Geldhahn für die Isaan-Familie als Brandsatzbeschleuniger des Familien-Knockouts, natürlich und sowieso die geldgierige Bande und Brut im Dorf der Ehefrau. Nur die engsten Freunde und Verwandten erhielten Einblicke, was seit der Eheschließung im Jahr 2005 in der Provinz Kalasin bis zu der entsetzlichen Nacht in Ravensburg elf Jahre lang falsch gelaufen war.

Das Missverständnis dieser Beziehung könnte ein Spiegel vieler ethnischer Verbindungen zwischen Thais und ihren westlichen Partnern/innen sein. Während Thailänder in erster Linie ihre Familie in der Heimat versorgen müssen, glauben im Urlaubstaumel gefangene Glücksritter an die große Liebe. Exotische Verblendung und der Selbstbetrug gehen Hand in Hand. So muss es auch Antonio Rubino ergangen sein, der 2005 seine betörend schöne Frau wie eine Trophäe in die Realität seines deutschen Lebens trug und selbstlos deren Töchter aus einer Thaibeziehung nachholte.

Dass Antonio Rubino mit dem Heimatland seiner Frau wenig bis gar nichts anfangen konnte, daran erinnern sich alle im Dorf Nong Hin der Gemeinde Nong Kung Si in Kalasin, der nordöstlichen Provinz in Thailands Reiskammer. „Wenn sie auf Besuch aus Deutschland kamen“, erzählt Lamais Mutter Daeng Chida Chiyada (56), ließ der Ehemann seine Frau und seine Stieftöchter am Dorfeingang aussteigen und zu Fuß die letzten Meter zu ihrem Elternhaus laufen. Er wartete stundenlang im Auto und mied jeden Kontakt.“

Kultur seiner Frau blieb ihm fremd

Die englischen Sprachkenntnisse des italienisch stämmigen Antonio Rubino waren überschaubar, auf Thailändisch konnte er kaum Guten Tag sagen. Die Landesgerichte schmeckten ihm ebenso wenig wie das ärmliche Dorfleben mit den unzähligen Familienangehörigen, die er der Mutter zufolge als Bittsteller und Quälgeister betrachtete. All das muss ihm zuwider gewesen sein und jeder Besuch eine Zumutung.

Totentafel im Heimatdort: Lamai Rubino (links) und ihre Töchter Su und Pear starben gemeinsam in Deutschland.
Totentafel im Heimatdort: Lamai Rubino (links) und ihre Töchter Su und Pear starben gemeinsam in Deutschland.

Ein gefühlskalter Unmensch? Wohl nicht, denn selbst nach dem Dreifachmord bei Ravensburg erinnerten sich Wegbegleiter daran, wie sehr er sich um ein Familienleben in Deutschland bemüht hatte. Nur seine Regeln, die konnte er nie bei seiner Thaifrau durchdrücken, den Gehorsam, den sparsamen Umgang mit Geld, die zwangsverordneten öden Familienabende, wenn ihre Freunde draußen bleiben sollten und stattdessen italienisches oder deutsches Fernsehen lief.

Lamai Rubino ahnte Jahre später mit dem Instinkt einer Frau, die bittere Armut und Enttäuschungen hinter sich hatte, dass es auf dieser Basis keine Zukunft gab. Als die älteste Tochter Su (18) in der Neujahrsnacht 2016 zu spät nach Hause kam und der sittenstrenge Stiefvater ausrastete, fuhr erstmals die Polizei in der Reihenhaussiedlung in Untereschach vor. Ein halbes Jahr darauf hatte sich die familiäre Situation weiter zugespitzt und das Unfassbare geschah.

Lamai Rubinos Ankündigung, sie habe einen anderen kennengelernt, der bereit sei die Familie in Thailand zu unterstützen, muss dem 53-Jährigen den Lebensmut genommen haben. Er entschied sich für einen Abgang mit Donnerhall. Nicht ohne seine Frau und deren Töchter. Es mutete an, als wollte er auch deren Herkunftsland mit abstrafen.

Zwei Generationen Versorgungsausfall

Einzig die gemeinsame fünfjährige Tochter ließ Antonio Rubino am Leben, vermutlich war er zu erschöpft von der dreifachen Hinrichtung, mutmaßten Ermittlungsbeamte. Er habe sich widerstandlos festnehmen lassen und nicht ein Wort bei seinen Vernehmungen gesagt. Genauso tot wie seine Opfer, so tot muss es in ihm ausgesehen haben. Traumland Thailand, Albtraumland für den Unverstandenen und Nichtversteher. Bis zu seinem Freitod.

Ururgroßtante: 96 Jahre alt und sehr dankbar.
Ururgroßtante: 96 Jahre alt und sehr dankbar.

In Nong Hin waren seit dem Frühjahr Hilfszahlungen an die Familie ausgeblieben. Mutter Daeng Chida drängte nicht, sie verstand, dass die Tochter Probleme hatte. Wenn Lamai Rubino Geld von ihrem sparsamen Gatten erhielt, überwies sie es nach Thailand. Die älteste Tochter Su, ein kluges Mädchen, akzentfrei Deutsch und Thailändisch sprechend, sollte die nächste Generation im fernen Ausland sein, die der armen Familie in Nordthailand unter die Arme greift - das bestens funktionierende Versorgungsprinzip Thailands mit seiner Art einer Rentenzahlung.

Was bedeutete vor dieser Realität der Tod von Lamai, Su und Pear für die Hinterbliebenen? Im Taumel des Schmerzes des Dreifachverlustes zweier Generationen von Kindern wog die ausbleibende Finanzhilfe zunächst wenig. Mutter Daeng Chida (57), ihre zweite Tochter Suphatra Phunobthong (34), zugleich Lamais Halbschwester und die rüstige Urgroßmutter Tongdee Poo Huarai (74) waren überrascht, als sich im August zwei Auswanderer in Thailand bei ihnen meldeten: Redakteur Sam Gruber (Koh Samui) und der Schweizer Rentner Hansruedi Bütler (Chiang Mai) berichteten von einer großangelegten Spendenaktion für die Familie. „Wir dachten erst, das wäre ein Märchen“, sagt Suphatra Phunobthong, die im Dorf verbliebene Schwester.

Als die Spendensammler bei der Rückführung der drei Urnen von Deutschland nach Thailand halfen und Geld für die buddhistische Trauerfeier überwiesen, war die Dankbarkeit riesengroß. „Allein, dass wir das ganze Dorf einladen und bewirten konnten, hat vieles erleichtert“, erklärt Mutter Daeng. „Ausgerechnet aus dem Land, in dem unsere Kinder gestorben sind, kam so viel Anteilnahme und dann auch noch Geld.“

Spende im Dorf in Kalasin übergeben

Der Spendenaufruf über Facebook unter dem Titel „Solidarität Kalasin“ war eine Privatinitiative des FARANG-Autors Sam Gruber und einer Gruppe von Mitstreitern, die enge Kontakte nach Thailand unterhalten oder thailändische Lebenspartner haben. „Uns allen war bewusst, was der Ausfall von zwei Generationen späterer Versorger für eine solche Familie bedeutet“, spricht Hansruedi Bütler die Beweggründe an. Der 68-Jährige in Chiang Mai war mit 100.000 Baht größter Einzelzahler und nahm an der symbolischen Übergabe der Spendensumme von 380.000 Baht in Nong Hin in Kalasin teil.

„Ich bereue keinen Rappen und würde es heute nicht anders machen“, versichert Hansruedi Bütler. „Die Herzlichkeit der Menschen in diesem Dorf, die Dankbarkeit in allen Gesichtern, das Gefühl etwas für das Verständnis unserer Kulturen geleistet zu haben – all das macht das Zusammenleben von Menschen doch aus.“

Der Schweizer pflegt in Chiang Mai den Kontakt zur Bevölkerung und ist mit seiner Thaifrau Fah ein gerngesehener Gast. Nicht nur, weil er als großzügig gilt und damit in Thailand offene Türen einrennt. Viele seiner gebildeten Thaibekannten haben verstanden, was er bei der Aktion zum Ausdruck brachte und dass die Summe zweitrangig war.“

Vorbehalte von westlichen Thailand-Residenten, mit so viel Geld sei in einem armen Isaan-Dorf die Struktur zerstört worden, hatten die Initiatoren vorhergesehen. „Genau aus diesem Grund haben wir nur die Beisetzungsgebühren und Nebenkosten für die Trauerfeier beglichen“, veranschaulicht der Schatzmeister des deutschen Spendenkontos, Bernd Pfau aus Erbach in Hessen.

Bereits zum Auftakt der Spendenaktion hatte sich ein Gremium unter der Beratung der Deutschen Honorarkonsulin Anett Jimenez-Höchstetter aus Phuket für einen Weg der Bescheidenheit entschieden. Die Restsumme des Betrages wird in Raten an die Großmutter Daeng Chida überwiesen. Jeweils am ersten jeden Monats gehen 5.000 Baht in Nong Hin ein, solange das Geld reicht. Das sind knapp vier Jahre.

Auf diese Weise soll zumindest finanziell eine Zeit lang der Eindruck entstehen, als würde Lamai Rubino noch leben und selbst ihre Familie unterstützen. Der Symbolik messen die Initiatoren eine höhere Bedeutung bei als dem Spendenbetrag. Bernd Pfau: „Wir waren selbst verblüfft, wie viele Menschen Thailand und seine Kultur verstehen und wie spontan sie sich an unserer Kampagne beteiligt haben.“

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