KATHMANDU: Nach tödlichen Protesten steht Nepals Jugend vor der Wahl: Hoffnung auf Wandel oder erneute Enttäuschung? Zwei Schicksale zeigen, wie viel auf dem Spiel steht.
Die Ereignisse von damals haben bei Subash Dahal tiefe Spuren hinterlassen - nicht nur körperlich. Der 19 Jahre alte Student war unter den Zehntausenden meist jungen Demonstranten, die vor sechs Monaten in Nepals Hauptstadt Kathmandu gegen Korruption und Vetternwirtschaft protestierten und damit die herrschende Elite des Himalaya-Staats herausforderten.
Am ersten Tag der Unruhen wurde Subash bei Zusammenstößen mit Sicherheitskräften von einer Polizeikugel getroffen. Zunächst sei er auf der Straße versorgt, später ins Krankenhaus gebracht worden, sagt er. Er habe Glück gehabt: «Ich kann morgen die Sonne sehen. Viele Menschen verloren ihr Leben.»
Rücktritt des Premierministers
Nepals damaliger Premierminister Khadga Prasad Sharma Oli trat zurück, das Parlament wurde aufgelöst. Wenn heute in dem von Armut geprägten Land ein neues Unterhaus gewählt wird, verbinden viele - besonders junge Menschen - damit die Hoffnung auf einen Neuanfang. Neben Korruptionsbekämpfung geht es angesichts von über 20 Prozent Jugendarbeitslosigkeit und hoher Abwanderung vor allem um Jobs und Stabilität.
Schmerzen bleiben
Sein Ziel sei eine stabile Regierung und das Ende der Korruption gewesen, sagt Subash im Laden seiner Eltern, wo er zwischen Zementsäcken und Lebensmittelkisten sitzt. Er zieht das Hosenbein hoch und zeigt eine Narbe unter dem linken Knie. Dort seien Kugelfragmente ausgetreten und hätten auch das andere Bein verletzt. Die Wunden infizierten sich, zweimal wurde er operiert. «Ich fühle mich besser und kann laufen.» Längeres Gehen bereite jedoch Probleme, Schmerzen würden bleiben. Ein amtlicher Ausweis weist ihn als Opfer der Unruhen aus.
Mehr als 70 Menschen starben. Die Proteste galten früh als Aufruhr der «Generation Z», also der zwischen 1995 und 2010 Geborenen. Auslöser war nicht nur das staatliche Verbot beliebter Apps wie Facebook und Instagram, sondern wachsende Unzufriedenheit mit Korruption, Nepotismus und dem demonstrativen Luxus einiger Familien.
Subash war allein aus seinem Heimatort Banepa ins 26 Kilometer entfernte Kathmandu gefahren, nachdem er sich unter anderem über soziale Medien informiert hatte. Seine Mutter gab ihm dafür das Busgeld. Er habe es als seine Pflicht empfunden, bei den Protesten mitzumachen.
Zuversicht und Zweifel
Heute ist er zwiegespalten. Er sieht Veränderungen, zweifelt aber am Reformwillen des Landes. Wie viele junge Nepalesen hofft er, dass die Zukunft nach der Wahl anders aussieht. Früher seien viele traditionellen Großparteien blind gefolgt. «Doch die Zeiten haben sich geändert. Wir wollen etwas Neues.»
Zugleich wirkt er desillusioniert. Von der Interimsregierung unter der früheren Bundesrichterin Sushila Karki zeigt er sich enttäuscht; ein Untersuchungsbericht zu den Ereignissen im September steht noch aus. Allein könne man ihr jedoch keine Schuld geben, das «alte System» wirke fort. «Ältere Parteien haben das Land fast 40 Jahre regiert.» Er nennt den Nepali Congress, die Kommunistische Partei Nepals (Marxisten-Leninisten) sowie die Maoisten - alle seien sie gleich, auch wenn sie Veränderungen versprächen. Doch was, wenn sie zurückkehren? «Dann werde ich das Land verlassen.»
Gute Chancen werden auch der relativ jungen Rastriya Swatantra Party (RSP) eingeräumt. Ihr Spitzenkandidat ist der 35 Jahre alte frühere Bürgermeister Kathmandus und Ex-Rapper Balendra «Balen» Shah, den Medien als populistisch bezeichnen. Subash will ihm seine Stimme geben.
Tod des Sohns
Für Rachana Khatiwada hat die Wahl besondere Bedeutung. Ihr 22-jähriger Sohn Rashik wurde während der Proteste erschossen. Sie und ihr Mann kämpfen dafür, dass ihrem Sohn und anderen Opfern Gerechtigkeit widerfahre. Auf ihrem Smartphone zeigt sie Bilder: Rashik während der Proteste mit einem Schild «Fuck the System!», später mit einer Schusswunde in der Brust, gestützt von Demonstranten.
Er habe sich zuvor nie an Protesten beteiligt, sagt die 52-Jährige, die als Listenkandidatin für die RSP antritt, unter Tränen. Vom Tod ihres Sohns nahe dem Parlamentsgebäude erfuhr sie durch ihre Tochter in Australien, die ein Video schickte. «Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.»
Politisches Engagement
Das Ereignis brachte sie später in die Politik. «Ich war eine einfache Hausfrau und kannte nicht einmal die Namen der Premierminister.» Gemeinsam mit anderen betroffenen Familien forderte sie für die Opfer den «Märtyrer-Status» - plötzlich stand sie im Rampenlicht. Die RSP bat sie schließlich um Unterstützung. «Der Verlust meines Sohns gab mir die Art von Stärke, um meine Stimme zu erheben.» Auch wolle sie sich dafür einsetzen, dass junge Nepalesen nicht mehr in großer Zahl abwandern müssten.
Subash hingegen will sich aus der Politik heraushalten und nicht mehr protestieren. «Wer schert sich um die Proteste?» Sein Ziel sei es, sein Leben auszuschöpfen.