Allein mit Vermeers «Ansicht von Delft»

​Die Magie des Meisters 

Ein Überblick über die Ausstellung Jan Steen's Histries des niederländischen Künstlers Jan Steen (1625 - 1679) im Mauritshuis in Den Haag. Foto: epa/Bart Maat
Ein Überblick über die Ausstellung Jan Steen's Histries des niederländischen Künstlers Jan Steen (1625 - 1679) im Mauritshuis in Den Haag. Foto: epa/Bart Maat

DEN HAAG: Das Mauritshuis in Den Haag zeigt eine Ausstellung mit nur einem Gemälde für nur je einen Betrachter. Keine Geräusche, keine Menschenmassen. Eine Stadt im Morgenlicht - was ist daran schon so besonders?

Die Stadt scheint noch halb zu schlafen. Träge schaukelt ein Kahn im Hafen, das Wasser ist spiegelglatt. Die roten Dachziegel glänzen wie nach einem Regenschauer. Kirchtürme strahlen im Morgenlicht. Am Himmel türmen sich Wolken auf zu dramatischen Gebilden. Es ist windstill.

So malte der niederländische Maler Johannes Vermeer (1632-1675) seine Heimatstadt Delft. Schön - aber nicht gerade weltbewegend, sollte man meinen. Das ist ein Irrtum. Die «Ansicht von Delft» ist ein Meisterwerk, das mit seiner Ruhe, Harmonie und dem geheimnisvollen Lichteinfall seit Jahrhunderten Betrachter fasziniert und fesselt. Für den französischen Schriftsteller Marcel Proust war es sogar das «schönste Gemälde der Welt».

Normalerweise drängen sich im Mauritshuis in Den Haag die Besucher vor diesem Gemälde. Im fast 400 Jahre alten einstigen Stadtpalais von Graf Johan Maurits sind Spitzenwerke der alten holländischen und flämischen Meister zu sehen. Der «Ansicht von Delft» gegenüber hängt ein anderes Meisterwerk Vermeers, «Mädchen mit dem Perlenohrring».

Doch nun ermöglicht das Museum seinen Besuchern ein einzigartiges Erlebnis. Die «Ansicht von Delft» wird ab Samstag (26. September) als einziges Gemälde in einem Saal gezeigt. Und zehn Minuten lang kann man es nach vorheriger Reservierung ganz allein, in aller Ruhe, ungestört betrachten.

Die Präsentation «Allein mit Vermeer» ist ein großes Glück im Corona-Unglück, wie die Direktorin des Mauritshuis, Martine Gosselink, sagt. Eine für den Herbst geplante Ausstellung war wegen der Pandemie nicht zu realisieren. Daher wird nun eine Perle der Sammlung der Star. «Vermeers Bild trägt locker eine ganze Ausstellung.»

Gosselink ist die neue Direktorin des Mauritshuis, sie kommt vom Reichsmuseum in Amsterdam als Nachfolgerin von Emilie Gordenker, die nun das Van Gogh Museum in der Hauptstadt leitet. Mitte März musste das weltberühmte Museum wegen der Corona-Krise seine Türen schließen. Jetzt läuft der Betrieb zwar wieder - aber mit 1,5 Meter Sicherheitsabstand. Das heißt Umdenken. Keine Besucher-Rekorde, keine Blockbuster-Ausstellungen. Zumindest vorläufig.

Die Vermeer-Präsentation ist aber viel mehr als nur Corona-geprüft. Sie erlaubt eine sehr intime und intensive Erfahrung. Auch das passt zu dieser Zeit der Begrenzung auf das eigene Heim und den engsten Familienkreis. «Wir schenken Dingen mehr Aufmerksamkeit», stellt Gosselink fest. «Wir schätzen und genießen das, was wir haben.»

Vermeers Gemälde lädt zum Verweilen ein. «Es berührt und verzaubert viele», sagt die Direktorin. «Wir haben schon mitgemacht, dass Besucher auf dem Boden sitzen und eine Stunde oder sogar länger nur dies eine Bild anschauen.»

Das Bild seiner Heimatstadt Delft malte Vermeer im Alter von etwa 28 Jahren. Es ist mit «Straße in Delft» eine Ausnahme in seinem Werk mit vor allem häuslichen Szenen - die Dienstmagd mit dem Milchkrug etwa oder die Frau, die einen Brief liest. Der Maler gestattet dem Betrachter einen seltenen Blick auf sehr intime Momente.

Auch die «Ansicht von Delft» strahlt Ruhe und Harmonie aus. Sie hat eine klare Struktur mit drei Bahnen - Himmel, Stadt, Wasser. Vermeer malte die Häuser sogar ordentlicher, als sie waren, und ließ alles, was die Harmonie stören könnte, weg. Die Lichteffekte sorgen für die betörende und fast schon geheimnisvolle Ausstrahlung. Die Szene scheint von hinten angestrahlt zu sein. Vermeer nutzt aber auch das Licht, um den Blick des Betrachters zu den Türmen der Stadt zu lenken.

Die Kraft des Lichts kann man nun in Ruhe auf sich wirken lassen - mit allen Sinnen. Alle Informationen zu Vermeer und seinem Werk gibt es an anderer Stelle. Im Ausstellungssaal selbst lenkt nichts vom Schauen ab. Kein Audioführer, keine Schautafeln, kein Husten, kein Flüstern. Nichts. Dort hängt nur dieses eine Bild in Augenhöhe. Hier wirkt nur eins, wie die Direktorin sagt: «Die Magie des Bildes und das Genie von Vermeer.»

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