PARIS: Tadej Pogacar hat mit seinem fünften Tour-Sieg Radsport-Geschichte geschrieben. Was kommt nun? Die Vuelta? Begleitet werden die phänomenalen Leistungen auch von Zweifeln.
Als die Tour de France mit einem atemberaubenden Schlussakt und dem historischen fünften Triumph von Tadej Pogacar zu Ende ging, konnte die Party unweit der Champs-Élysées beginnen. Der schwerreiche Hauptsponsor aus den Emiraten hatte zu einem Dinner in der Glitzerstadt Paris geladen, die zuletzt arg angeschlagenen Teamkollegen um Nils Politt waren wieder bei Kräften und auch die von einem schweren Sturz genesene Pogacar-Freundin Urska Zigart war gekommen.
Schon am Montag bei seiner Rückkehr in die Wahlheimat Monaco warteten dann wieder belanglose Verpflichtungen auf die «Legende», wie das französische Sportblatt «L'Équipe» über den Tour-Dominator titelte. «Ich habe ein wenig Hausarbeit zu erledigen», verriet Pogacar. An kleinen Dingen wolle er sich erfreuen. Die großen hat er ja fast schon alle abgearbeitet.
Im Alter von erst 27 Jahren ist er dem exquisiten Kreis der Fünffach-Sieger mit der belgischen Ikone Eddy Merckx, den beiden Franzosen Jacques Anquetil und Bernard Hinault sowie dem Spanier Miguel Indurain beigetreten. Aber das interessiert den Ausnahmekönner gar nicht so sehr. «Ob es die fünfte oder die erste Tour ist. Ich möchte den Moment genießen, ich denke nicht an die Historie, an Clubbing oder so», meinte Pogacar.
Start bei der Vuelta?
Er brauche jetzt ein neues Ziel. Womöglich die Spanien-Rundfahrt, die er noch nie gewonnen hat? «Wenn die Vuelta morgen startet, würde ich wohl Nein sagen. Aber in zwei Wochen kann ich ja noch entscheiden», sagte der Weltmeister. Dass die dritte dreiwöchige Rundfahrt direkt vor seiner Haustür im Fürstentum beginnt, macht es wohl noch umso reizvoller.
Pogacar will nach und nach die wenigen Lücken in seiner Erfolgsbilanz schließen. «Paris-Roubaix steht auf meinem Wunschzettel», betonte er. In den vergangenen beiden Jahren machten ihm die Klassiker-Spezialisten Mathieu van der Poel und Wout van Aert auf dem harten Kopfsteinpflaster einen Strich durch die Rechnung. Jene Rivalen, die ihm nun auch im vergangenen Jahr (van Aert) und an diesem Sonntag (van der Poel) den Prestigesieg auf der Schlussetappe der Tour wegschnappten. Allenfalls ein Schönheitsfehler in Pogacars Bilanz. Auch Olympia 2028 in Los Angeles ist ein Ziel.
Armstrong adelt Pogacar
Und da gibt es noch den gelöschten Rekord von Lance Armstrong. Die sieben Toursiege des lebenslang gesperrten Dopingsünders sind zwar in den Geschichtsbüchern gestrichen, bei den Radsport-Fans aber keineswegs vergessen. Für Armstrong ist aber längst klar: «Dieser Junge ist der Größte aller Zeiten. (...) Leute wollen oft mit mir über meine Karriere und die Geschichte der Tour sprechen, wo ich da stehe. Dieser Kerl würde den Boden wischen mit Lance Armstrong. Er ist der Beste aller Zeiten. Ich würde sogar sagen, dass er der dominanteste Athlet der ganzen Welt ist», lobte der Texaner in seinem Podcast «The Move».
Ein Kompliment, das Pogacar womöglich gar nicht hören will. Kommt es doch von einer fragwürdigen Persönlichkeit, die für das dunkelste Kapitel im Radsport steht und bei der Tour längst Hausverbot hat.
Mit Verdächtigungen und Zweifel muss aber auch Pogacar leben. Zu dominant, zu außergewöhnlich sind seine Leistungen. Bei dieser Tour hat der Slowene Rekorde pulverisiert. Ins Radsport-Mekka Alpe d'Huez ist er mehr als eine Minute schneller hochgeflogen als Marco Pantani vor 31 Jahren, der bekanntlich mit Epo und anderen Dopingmitteln nachgeholfen hat.
Dopingkontrolle wie Einkaufen im Supermarkt
«Es wäre naiv, einen fünffachen Tour-Sieger zu feiern, ohne den Kontext zu verstehen. Zweifellos ist Pogacar ein Phänomen, doch sein Umfeld ist mit Altlasten aus weniger erfreulichen Zeiten belastet», schrieb der «Guardian» und verwies auf Pogacars vorbelasteten Teamchef Mauro Gianetti.
Der fünfmalige Tour-Sieger kann nur auf die unzähligen Dopingkontrollen verweisen, der er sich unterziehen muss, auch um 5.00 Uhr morgens. «Seit ich bei der Tour dabei bin, gab es immer wieder verrückte Kontrollen. Es gehört mittlerweile einfach zu meinem Leben dazu. Wenn es an der Tür klopft, ist mein erster Gedanke sofort: «Hier findet gerade eine Kontrolle statt.» Für mich ist das inzwischen so alltäglich wie ein Gang in den Supermarkt.»