Gewalt bei «Gelbwesten»-Protesten

Aber weniger Zulauf

Foto: epa/Christophe Petit Tesson
Foto: epa/Christophe Petit Tesson

PARIS (dpa) - Es nimmt kein Ende: Wieder demonstrieren «Gelbwesten» in Frankreich, es gibt Zusammenstöße mit der Polizei - und einen Schwerverletzten. Immer wieder steht auch das Verhalten der Polizei in der Kritik.

Nach erneuten Krawallen bei «Gelbwesten»-Demonstrationen in Paris wird in Frankreich über das Vorgehen der Sicherheitskräfte diskutiert. Ein Mann war am Samstag bei Zusammenstößen mit der Polizei vor der Nationalversammlung sehr schwer an der Hand verletzt worden - ersten Erkenntnissen nach explodierte eine Blendgranate der Sicherheitskräfte.

«Es gibt Auffälligkeiten oder polizeiliche Ausrutscher, ich habe einige davon festgestellt», sagte Innenminister Christophe Castaner am Sonntag in einem Interview mehrerer französischer Medien. Diese würden alle untersucht.

Die Bewegung hatte im November mit Protesten gegen geplante Benzinpreiserhöhungen begonnen, richtet sich inzwischen aber allgemein gegen die Reformpolitik der Mitte-Regierung von Präsident Emmanuel Macron. Ein weitereres Konfliktthema ist die als zu niedrig empfundene Kaufkraft.

Tausende gingen am Wochenende wieder neben Paris unter anderem in Bordeaux, Toulouse und Lyon auf die Straße. Insgesamt gehen die Teilnehmerzahlen aber Woche für Woche zurück.

Einige «Gelbwesten»-Aktivisten versuchten in Paris, Zäune am Eingang der Nationalversammlung zu durchbrechen. Sicherheitskräfte versuchten, das zu verhindern. Dabei kam es nach ersten Erkenntnissen zur Explosion einer Blendgranate, bei der ein Mann mehrere Finger verlor. Die Sicherheitskräfte wurden nach Angaben Castaners vor den Toren der Nationalversammlung einkesselt und setzten sich zur Wehr.

«Ein Demonstrant, das ist offensichtlich auf den Videos, die wir in sozialen Netzwerken sehen, wollte die Granate in die Hand nehmen und sie explodierte», sagte Castaner. Er bedauere, dass der Mann eine schwere Verletzung erlitten habe; der Vorfall werde untersucht. Das Opfer trug keine gelbe Weste, es soll sich um einen Fotografen der «Gelbwesten» handeln.

Seit Beginn der Demonstrationen wurden zahlreiche Sicherheitskräfte und Demonstranten verletzt; die Angaben sind dabei strittig. Derzeit würden 133 Beschwerden gegen die Sicherheitskräfte untersucht - darunter auch Beleidigungen, sagte Castaner. Er verteidigte die Sicherheitskräfte, die immer wieder mit extremer Gewalt konfrontiert seien und angegriffen würden.

Besonders über den Einsatz von Hartgummigeschossen wird in Frankreich viel diskutiert. Sie können schwere Verletzungen verursachen. Im Netz kursieren Fotos und Videos, die zeigen sollen, dass die Geschosse etliche Demonstranten ernsthaft verletzt haben - etwa im Gesicht. Aufsehen erregte der «Gelbwesten»-Aktivist Jérôme Rodrigues, der mutmaßlich von so einem Geschoss am Auge getroffen wurde. Die Regierung wies das allerdings zurück.

Am Samstagnachmittag zogen die Demonstranten in Paris weiter auf der linken Seine-Seite in Richtung Champ de Mars, der Grünfläche vor dem Eiffelturm. Dort ging am frühen Abend ein Militärfahrzeug in Flammen auf. «Die Soldaten der Mission Sentinelle schützen unsere Landsleute täglich vor dem Risiko des Terrorismus. Diese Angriffe sind unerträglich», erklärte Castaner. Auch die Glaswände rund um den Eiffelturm wurden beschädigt.

Auf TV-Bildern waren brennende Fahrzeuge und eingeschlagene Scheiben zu sehen. Die Polizei setzte Tränengas ein. Zahlreiche Demonstranten zogen aber friedlich in Paris und anderen Städten durch die Straßen. Bis zum Abend zählte das Innenministerium 51.400 Demonstranten, davon 4000 in Paris. Am vergangenen Wochenende waren es 58.600 landesweit und 10.500 in der Hauptstadt. Dutzende Menschen wurden festgenommen.

Nach einer Ifop-Umfrage für die Zeitung «Journal du Dimanche» sprach sich eine Dreiviertel-Mehrheit der Franzosen für ein Referendum in den kommenden Monaten aus. Ein Referendum ist eine Forderung vieler «Gelbwesten». Jedoch ist unklar, über welche Themen überhaupt abgestimmt würde. Spekuliert wird über eine Abstimmung parallel zur Europawahl am 26. Mai. Hier sind die Befragten gespalten - 50 Prozent befürworten dieses Datum, die andere Hälfte eine spätere Abstimmung.

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