Schwere Wahl in Kanada

​Gefallener Star oder farbloser Herausforderer?

Foto: epa/Warren Toda
Foto: epa/Warren Toda

OTTAWA (dpa) - Vor vier Jahren versprach Justin Trudeau «sonnige Wege» - nun könnte der einst gefeierte kanadische Premier nach Skandalen am Ende sein. Bei der engen Parlamentswahl in Kanada hat er aber einen Vorteil: seinen Herausforderer.

Links schreien ein paar Dutzend Trudeau-Fans «four more years» («noch vier Jahre»), ein paar Meter daneben skandieren die Anhänger der Konservativen Partei «Andrew Scheer» zur selben Melodie. Wenige Tage vor der kanadischen Parlamentswahl am 21. Oktober liegen die beiden größten Parteien im Land in Umfragen ähnlich nah beieinander - der Regierungsstuhl vom einstigen Polit-Superstar Justin Trudeau jedenfalls wackelt bedenklich.

Während die Unterstützer der Parteien sich gegenseitig übertönen, schimmern auf der anderen Seite des Ottawa River die grünen Kupferdächer des Parlaments in der Abendsonne. Wer dort für die nächsten vier Jahre einzieht, wird auch an diesem Tag verhandelt: Vor dem nationalen Geschichtsmuseum trudeln die Spitzenkandidaten der Parteien zur großen TV-Debatte ein.

Scheer steigt aus einem blauen Bus, der seinen Namen trägt. Der 40-Jährige winkt seinen Anhängern etwas steif zu und eilt schnell durch die Schiebetüren ins Gebäude. Der liberale Trudeau ist sieben Jahre älter, wirkt aber dynamischer. Der Premier reckt den Daumen nach oben und zeigt sein berühmtes Siegerlächeln.

Dabei hatte Trudeau - angetreten als liberaler Held, seit 2016 betitelt als «Anti-Trump» - in den vergangenen Monaten nicht viel zu feiern. Erst wurde öffentlich, dass er Ermittlungen gegen das kanadische Unternehmen SNC-Lavalin wegen Schmiergeldzahlungen in Libyen unterdrücken wollte - eine Ethik-Kommission kam zu dem Schluss, dass Trudeau sich falsch verhalten hatte. Im September dann tauchte ein 20 Jahre altes Bild auf, das Trudeau mit dunkel geschminktem Gesicht - verkleidet als Aladdin - auf einer Party zeigte. Trudeau entschuldigte sich für sein «rassistisches» Verhalten. Er sei immer «von Kostümen mehr begeistert gewesen, als es manchmal angebracht ist.»

Doch die Skandale schadeten ihm nicht in dem Maße, wie seine Gegner hofften. Die meisten Kanadier seien der Meinung, Trudeau besser zu kennen, erklärt Meinungsforscher David Coletto, Chef der Firma Abacus Data in Ottawa. «Das ist 20 Jahre her und wenn Sie auf seine Karriere als Politiker schauen, sehen Sie, dass es nicht passt.» Schließlich habe Trudeau Minderheiten aktiv eingebunden.

Nichtsdestotrotz: Viele sind ernüchtert, dass Trudeau einige seiner Versprechen - eine Wahlrechtsreform oder ein ausgeglichener Haushalt bis 2019 - nicht gehalten hat. Kritiker empfinden auch seine Klimapolitik trotz der Einführung einer CO2-Steuer als nicht weitreichend genug.

Doch es gab auch Erfolge: eine bessere Unterstützung für einkommensschwache Familien, die recht reibungslose Legalisierung von Cannabis und die Rettung des zwischenzeitlich am Abgrund stehenden Handelsabkommens Nafta mit den USA und Mexiko.

Die «sonnigen Wege» aber, mit denen Trudeau Transparenz und Ehrlichkeit versprach, lagen in den vergangenen vier Jahren zu oft im Schatten. «Ich sage immer, er ist zu einem normalen Politiker geworden», meint Coletto. Da kommt dem Premier die Wahlempfehlung vom ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama sehr gelegen. Der hatte auf Twitter geschrieben, die Welt brauche Trudeaus «progressive Führung».

Das größte Glück der Liberalen aber ist der farblose Andrew Scheer. Wenn man Kanadier nach ihm fragt, kommt selten Euphorie auf. Taxifahrer Mike sagt, dass Trudeau zwar ein «Idiot» gewesen sei, als er sich angemalt habe. «Aber das ist nichts gegen die Falschheit von Herrn Scheer!». Viele der 37 Millionen im diversen Kanada tendieren zu liberaler und linker Politik. Scheers konservative Ansichten etwa zu Abtreibung oder Schwulenehe kommen bei ihnen nicht gut an. Und es hilft scheinbar nur wenig, wenn dieser ohne Ende wiederholt, die Offenheit bestehender Gesetze nicht antasten zu wollen.

Einen ganz anderen Weg dagegen will Scheer in Sachen Klima gehen. «Die CO2-Steuer hat die Kosten auf die Dinge erhöht, die wir jeden Tag brauchen», wetterte er. Sein Klima-Programm soll den Kanadiern nicht weh tun. Kritiker halten es für entsprechend wirkungslos. Stattdessen buhlt Scheer beim zweiten großen Wahlkampfthema - der Angst vor steigenden Preisen - um die Gunst der Wähler.

Was sich mit einer Regierung unter seiner Führung sonst ändern würde, bleibt in vielen Bereichen unklar. Wirtschaftlich trauen die Bürger den Konservativen traditionell viel zu, doch die Ökonomie boomt ohnehin. Und ob ein Premier Scheer mit US-Präsident Donald Trump besser auskommen würde? Berlin jedenfalls würde Trudeau als verlässlichen internationalen Partner wohl vermissen.

Die Umfragen deuten darauf hin, dass keine der Parteien die absolute Mehrheit von 170 Sitzen erreichen kann. Zuletzt hatten die Konservativen vor allem wegen der Wähler aus den ländlichen Regionen im Westen des Landes leicht vorne gelegen - doch in etwa einem Drittel der Wahlkreise liegen die Direktkandidaten eng beieinander.

Im Falle einer nötigen Minderheitsregierung - in Kanada nichts Ungewöhnliches - würde die Stunde der kleinen Parteien schlagen. Ausschlaggebend könnten am Ende neben Yves-François Blanchet vom regionalen Bloc Québécois die Sozialdemokraten von Jagmeet Singh sein. Anders als Blanchet hatte dieser wie auch die Grüne Elizabeth May klar gemacht, Scheer nicht unterstützen zu wollen.

Vor allem Singh hatte nach einem starken Auftritt bei der hitzigen TV-Debatte im Geschichtsmuseum zuletzt zugelegt. Dort stellte er die beiden großen Gegenspieler beim Thema Klima in den Schatten: Kanada müsste «nicht zwischen Herrn Verzögerung (Trudeau) und Herrn Leugnung (Scheer) wählen», sagte er. «Es gibt eine andere Option.»

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