Elefantenjagd setzt Altkönig nach zehn Jahren noch zu

Ein Elefant kreuzt den Weg eines Geländewagens mit Touristen im Chobe Nationalpark in Botsuana. Vor zehn Jahren nahm Juan Carlos an einer Elefantenjagd in Botsuana teil, die dem spanischen Altkönig noch... Foto: Thomas Schulze/dpa-zentralbild/dpa
Ein Elefant kreuzt den Weg eines Geländewagens mit Touristen im Chobe Nationalpark in Botsuana. Vor zehn Jahren nahm Juan Carlos an einer Elefantenjagd in Botsuana teil, die dem spanischen Altkönig noch... Foto: Thomas Schulze/dpa-zentralbild/dpa

MADRID: Vor zehn Jahren ging in Spanien ein Aufschrei durchs Land, der unvergessen bleibt. Mitten in einer schlimmen Krise ging der damalige König Juan Carlos in Afrika Elefanten jagen. Die Affäre setzt ihm und auch der spanischen Monarchie heute noch zu.

Der spanische Altkönig Juan Carlos hat möglicherweise bald einen Gerichtstermin in London. Richter Matthew Nicklin könnte den 84-Jährigen jederzeit vorladen. Vor dem High Court wird über eine Klage wegen Belästigung gegen den Bourbonen verhandelt. Die Klägerin: die Deutsch-Dänin Corinna zu Sayn-Wittgenstein. Sie sagt, sie und ihre Familie seien im Auftrag von Juan Carlos bedroht und überwacht worden. In ihre Häuser sei eingebrochen worden. Der Anwalt des Altkönigs wies die Vorwürfe vor dem Gerichtsverfahren zurück.

Die heute 58 Jahre alte geborene Frankfurterin war jahrelang eine enge Freundin von Juan Carlos, von der die Spanier erstmals vor zehn Jahren erfuhren. Im südafrikanischen Botsuana nahm sie im April an jener Elefantenjagd teil, die gut zwei Jahre später neben anderen Affären zur Abdankung des Monarchen führte. Und deren Folgen noch heute Juan Carlos, aber auch dem Königshaus in Madrid schwer zusetzen. «Der Geist von Corinna verfolgt Juan Carlos immer noch», schrieb am Wochenende die renommierte Zeitung «El Mundo».

Ein Rückblick: Es ist der 18. April 2012. Juan Carlos war fünf Tage davor in Botsuana nachts auf dem Weg zur Toilette gestürzt und hatte sich die Hüfte gebrochen. In Madrid wurde ihm eine Prothese eingesetzt. Der einstige Volksheld tritt im Krankenhaus San José am Stock gehend vor die TV-Kameras und sagt: «Es tut mir sehr leid, ich habe einen Fehler gemacht, und es wird nicht wieder vorkommen.»

Dass ein König um Verzeihung bittet, hatte es in Spanien vorher noch nie gegeben. Die historische Entschuldigung bringt ihm aber nicht viel ein. Ein Aufschrei der Empörung geht durchs Land. Kein Wunder: Auf dem Höhepunkt einer schlimmen Wirtschaftskrise erfahren die Spanier, dass ihrem König nichts Besseres einfällt, als im 7500 Kilometer entfernten Botsuana in Begleitung von Corinna zu Sayn-Wittgenstein und einiger reicher Freunde Elefanten zu töten.

Das teure wie zweifelhafte Hobby des Monarchen sorgte gleich doppelt für Empörung. Zum einen deshalb, weil Juan Carlos die Bürger bei seiner Weihnachtsansprache 2011 aufgerufen hatte, in der Krise sparsamer zu leben. Medien erinnerten damals daran, dass ein Safari-Jäger in Botsuana für die Jagdlizenz 25.000 Euro und für jeden abgeschossenen Elefanten 20.000 Euro zahlen müsse. So viel verdienen im Jahr auch heute noch die wenigsten Spanier.

Und dann war da die Sache mit dem WWF: Juan Carlos war damals Ehrenpräsident des spanischen Zweigs der Umwelt- und Tierschutz-Organisation, was ihm den Vorwurf der Heuchelei eintrug. Diesen Posten verlor er schnell. Abschied vom Thron nahm er erst am 19. Juni 2014, als er zugunsten seines Sohnes Felipe VI. abdankte.

Zum Verhängnis wurden ihm neben der Jagd unter anderem auch Vaterschaftsklagen - er sagte dazu nichts. Zudem kam ein Betrugsskandal dazu, bei dem sein Schwiegersohn Iñaki Urdangarin zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt wurde. Derzeit ist dieser unter Auflagen auf freiem Fuß. Der Ex-Monarch war zwar nicht verwickelt, die Affäre beschädigte aber auch sein Image.

Bei der Aufarbeitung der Geschichte sind sich Medien und Königshauskenner heute einig: Der Mann, der daheim jahrelang als Retter der spanischen Demokratie gefeiert wurde, weil er im Februar 1981, nur gute fünf Jahre nach dem Tod von Diktator Francisco Franco, eine Gruppe von Putschisten mit einer resoluten Rede an die Nation zur Aufgabe brachte, hatte irgendwann die Zeichen der Zeit nicht erkannt.

Ein Bonvivant, der die Gesellschaft reicher Freunde und das schöne Leben in vollen Zügen genoss, war der Stierkampf-Fan immer gewesen. Das hat aber früher, bis Anfang der 2000er, die wenigsten gestört. Schließlich war «El Rey» charmant, ein Aushängeschild seines Landes. Inzwischen ist die spanische Gesellschaft eine andere.

Juan Carlos musste im August 2020 im Zuge von Justizermittlungen wegen mutmaßlicher Korruption und Steuerhinterziehung sein Heimatland verlassen. Er lebt in Abu Dhabi im Exil. Es gibt kaum Fotos, kaum öffentliche Auftritte. Das spanische Justiz stellte bereits Anfang März alle Ermittlungen ein, zum Teil mangels Beweisen. Man sah zwar «Unregelmäßigkeiten» im Finanzgebaren des Ex-Königs, brachte diese aber wegen der Verjährung oder der juristischen Unantastbarkeit des früheren Monarchen bis zu seiner Abdankung 2014 sowie wegen Steuernachzahlungen nicht zur Anklage, berichtete die Zeitung «El País» damals.

Der Altkönig will weiterhin in Abu Dhabi residieren und Spanien künftig nur besuchen - unter anderem, um nach langer Zeit wieder Frau Sofía (83) und den Rest der Familie zu sehen. Der Reise lässt auf sich warten. Das hat wohl gute Gründe. Felipe und die linke Regierung von Pedro Sánchez sind darauf bedacht, Schaden vom Königshaus abzuwenden. Sánchez forderte etwa den Altkönig auf, sich eingehender zu seinem Fehlverhalten in der Vergangenheit zu äußern. Die Monarchie verliert trotz des bisher mustergültigen Verhaltens des aktuellen Königs seit der Elefantenjagd immer mehr an Ansehen. Immer mehr fordern sogar ihre Abschaffung, darunter Politiker von Unidas Podemos, dem Juniorpartner in der Regierungskoalition.

Dem Altkönig droht in London zwar keine Haftstrafe, aber eine Entschädigungszahlung und vor allem eine sehr peinliche öffentliche Befragung, die einer endgültigen Demontage gleichkommen würde. Was das Königshaus zu all dem sagt? Es gibt zu privaten Angelegenheiten der Familie keine Stellungnahmen ab.

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